Weltweite Krisen und ihre Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche

Die Erschöpfung ist nicht mehr auszuhalten

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gestresste Jugendliche
Nachweis

Foto: Unsplash/Pawel Szvmanski

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Die Zeiten sind nicht rosig: Das Leben im Dauerkrisenmodus hat vor allem bei jungen Menschen psychische Folgen.

Klimawandel, Kriege, eine schwächelnde Wirtschaft – und gerade erst hat die Enquete-Kommission des Bundestags damit begonnen, die Corona-Pandemie aufzuarbeiten: Junge Menschen leiden besonders unter den sich überlagernden Krisen, sagt der Theologe und Lebensberater Christoph Hutter. Er nennt erschreckende Zahlen, macht aber auch Hoffnung.

Burnout – ist das nicht diese Managerkrankheit? Betrifft das nicht diejenigen, die seit 20, 30 Jahren in der Tretmühle sind und irgendwann nicht mehr können? Der Alltag in psychiatrischen Praxen sieht anders aus: Dort sitzen bereits Neujährige mit dem ausgeprägten Vollbild einer Erschöpfungsdepression. „Und das sind keine Einzelfälle“, sagt Christoph Hutter.

Der Leiter der Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung im Bistum Osnabrück zitiert aus einer Studie des Hamburger Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Schulte-Markwort aus dem Jahr 2015, um deutlich zu machen: Depressionen und Symptome des Ausgebranntseins sind längst in den Kinderzimmern angekommen. Schon vor Corona gab es 15-jährige Mädchen, die glaubten, keine Kraft mehr zu haben für ein normales Leben. Oder 14-jährige Jungen, die so zu Hause ausflippten, dass sie mit einer Erschöpfungsdepression in die Klinik eingewiesen wurden.

Seit Jahren befinden wir uns im Dauerkrisenmodus, sagt Christoph Hutter. Ein heute etwa 20-Jähriger kennt: die Wirtschaftskrise, die Nuklearkatastrophe von Fukushima, das Flüchtlingsthema, den Klimawandel, die Corona-Pandemie, den Ukraine-Krieg – „und er hat die Schnauze voll“, formuliert es Hutter mit markigen Worten. Welche Spuren haben die sich überlagernden Krisen bei jungen Menschen in Deutschland hinterlassen? Anhand von Forschungsergebnissen entwirft der Theologe und Lebensberater Hutter ein düsteres Bild. Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich ohnehin gestresst und schätzen nun ihre psychische Situation noch schlechter ein. Verändert hat sich, wovor die Befragten Angst haben. Ihre größte Sorge ist nicht mehr der Klimawandel, sondern der Krieg in der Ukraine – mehr als 70 Prozent fürchten sich davor, auch vor den ökonomischen Folgen. Das heißt jedoch nicht, dass die Angst vor dem Klimawandel abgenommen hat.

Christoph Hutter
Der promovierte Theologe und Pädagoge Christoph Hutter leitet die Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung im Bistum Osnabrück. Foto: Petra Diek-Münchow 

Hutter zieht mehrere Studien heran: die von Schulte-Markwort, eine Zufriedenheitsstudie aus dem Jahr 2021 und eine psychiatrische Studie von 2022 über die Auswirkungen der Pandemie. Außerdem eine neuere Studie, in der es nicht nur um Corona geht, sondern darum, was die Erschöpfung ausmacht, was passiert, wenn immer mehr Probleme auf uns einstürmen. „Die Zahlen sind erschreckend“, sagt Hutter. „Sie belegen: Die Erschöpfung ist einfach zu groß, sie ist nicht mehr auszuhalten. Das merke ich auch in meiner täglichen Arbeit rund um den Dom.“

Erschöpfung, Überlastung und Optimierung – der Versuch, das Beste aus Kindern und Familien herauszuholen – sind schon lange ein Thema. In diese Situation brach Corona herein und schlug den Deutschen heftig aufs Gemüt: Der aktuelle „Glücksatlas“ zeichnet das Bild eines genervten Landes, die Lebenszufriedenheit ist so gering wie lange nicht mehr. Bei den Jüngeren stürzen die Umfragewerte regelrecht ab. „Familie, Freizeit, Schule: Auf diese drei Bereiche hat niemand aufgepasst“, kritisiert Hutter. Die Pandemie habe vor allem bei Kindern und Jugendlichen mit voller Wucht zugeschlagen. In Zeiten von Schulausfällen und Homeoffice „haben wir den Familien die Strukturen genommen“. Paradox sei, dass Corona wenig verändert habe. „Die Pandemie hat uns nur klargemacht, wie wir leben und wirkte wie ein Brennglas.“

Die Jugend traut sich was zu, 
ist realistisch und jammert nicht

Die Ergebnisse der psychiatrischen Studie sind nicht besser: Vor Corona galten etwa 17 von 100 Kindern als psychisch krank. Nach der ersten Corona-Welle stieg die Zahl sprunghaft an auf 31 Kinder, und am Ende der dritten Welle, sagt Hutter, galt fast ein Drittel als behandlungsbedürftig. Der Theologe und Pädagoge spricht nicht nur von Depressionen, sondern von Angst, Niedergeschlagenheit, Gereiztheit – Folgen fehlender sozialer Kontakte. „Gerade Kinder und Jugendliche brauchen andere Menschen, die sie auf einmal nicht mehr hatten. Und es war uns als Gesellschaft egal. Dafür bekommen wir jetzt die Quittung.“

Unter Corona, erklärt Hutter, habe unsere Gesellschaft Kinder hervorgebracht, die so gut wie nicht beschult wurden, Kinder, die kaputtgegangen sind vor Einsamkeit und arme Kinder, „wie wir sie nie kannten“. Dagegen stieg die Zahl der Einkommensmillionäre und -milliardäre. „Das Maß an Spaltung, das wir gerade für normal halten, ist aus psychologischer Perspektive hoch gepokert.“

Und nun setzt der Krieg in der Ukraine „auch noch die ökonomischen Themen auf die Angstliste unserer Kinder und Jugendlichen“: dass der Wohlstand nicht reicht für die nachfolgenden Generationen. Aber offensichtlich sind sie klüger als die Erwachsenen, stellt Hutter fest. „Sie haben ein sehr gutes Gefühl dafür, dass wir uns diese Spaltungsprozesse – bildungsreich und bildungsarm, einkommensreich und einkommensarm, beziehungsreich und beziehungsarm – nicht leisten können.“ Genau davor haben 40 Prozent der jungen Menschen Angst.

Hutter bekennt, dass er „total auf diese Generation steht“. Kinder und Jugendliche, sagt er, trauen sich was zu, sind realistisch, aber nicht larmoyant – sie jammern nicht. „Das, was ihnen stinkt, sind Klimapolitik, Zusammenhalt der Gesellschaft, Krieg. An diesen Themen müssen wir arbeiten.“

Letztendlich glaubt er, dass es bei allen Jugenddebatten gar nicht um die Jugend geht, sondern dass wir uns in ihr nur spiegeln. „Ich glaube, dass die Situation der Jugend ein sehr starkes Analyse-Instrument ist. Wenn wir auf die Jugend schauen, schauen wir in unser eigenes Gesicht.“ So ist Erschöpfung vielleicht gar nicht das Thema der Kinder, sondern das der Erwachsenen. „Wir sollten uns von Corona daran erinnern lassen, mit welchen Sollbruchstellen wir schon ganz lange leben und wo die Grenzen des Machbaren sind“, gibt Hutter zu bedenken.

Anja Sabel

Hinweis: Dieser Text ist am 17. Juli 2022 im Kirchenboten erschienen und aktualisiert worden.