Kommende Lage steht zum Verkauf
Die Wallfahrt geht weiter
Foto: Malteser
Ungebrochene Tradition: Bis heute ziehen Gläubige rund um die Kirche in Lage-Rieste, wenn sie für jemanden beten wollen.
In den 1950er Jahren erzählte der aus Borringhausen bei Damme stammende Franziskanerpater Donatus Römer daheim seinem Vater, wie viel kaum zu ertragendes Leid und Not er von den Menschen in den Beichtgesprächen anvertraut bekommt. Und er regte an, ob man nicht durch einen Gebetskreis in der Form einer Kreuztracht in Lage dieses Leid ins Gebet nehmen möchte. So fuhren zunächst eine Gruppe von Männern aus Borringhausen freitags nach Lage, um den Rosenkranz betend das Kreuz um die Kirche zu tragen.
Nach und nach kamen weitere Menschen dazu, Ende der 1950er Jahre auch mein Vater Aloys Schmutte (1913-2002), der bald sowohl das Vorbeten als auch alle Absprachen vor Ort und notwendige Organisation übernahm. Über 40 Jahre lang fuhr er Freitag für Freitag nach Lage. Der familiäre Urlaub, so es denn welchen gab, wurde so geplant, dass möglichst kein oder nur ein Freitag betroffen war! Der wurde dann von einem anderen Vorbeter übernommen.
Das Auto meines Vaters von Damme nach Lage war fast jeden Freitag voll besetzt, gerne fuhren Ordensschwestern oder andere Bewohner aus Damme mit, zuweilen auch wir Kinder. Aus der ganzen Gegend um Lage, aus dem Südoldenburgischen und auch aus dem Osnabrücker Raum kamen wöchentlich etwa 40 bis 80 Beter zusammen. Besonders glücklich war mein Vater, wenn es weit mehr als 100 Menschen waren und man den längeren Weg um die Kirche nehmen musste, damit die Prozession im Fluss blieb.
Wenn Menschen aus der Gegend ein Anliegen hatten, zumal bei schweren Krankheiten, fuhren sie oftmals nach Lage. Die Anliegen wurden bei der knapp einstündigen Kreuztracht besonders erwähnt, für sie wurde bei der Kreuztracht besonders gebetet. Ich erinnere mich daran, dass insbesondere die Bekehrung Russlands und der Einsatz für das ungeborene Leben immer wieder kurz zwischen den Gesätzen des Rosenkranzes betont wurden. Alle Bemerkungen wurden auf Plattdeutsch gemacht. Am Ende brachte man das Kreuz, das von vier Männern geschultert wurde, wieder in die Kirche, sang ein Marienlied, und mein Vater verwies abschließend stets darauf: „Kommet naichsten Fridag aale wier, wi sünd jeeden Fridag hier, dat ganze Joahr över.“
Wenn ich als Kind oder Jugendlicher freitags mit nach Lage fuhr, spürte ich auf dem Rückweg immer wieder, dass die Kreuztracht doch irgendwas hatte. Einerseits das litaneiartige Rosenkranzgebet, dessen Sog und wohltuende Wirkung man nur spürt, wenn man es praktiziert. Und andererseits war es vielleicht die durch das gemeinsame Gebet tiefe und vertrauensvolle Atmosphäre und spürbare Verbundenheit der Menschen, zumeist einander fremd, die sich da trafen. Und man sprach das herrliche Plattdeutsch!
Michael Schmutte
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