Impuls zur Sonntagslesung am 31. Mai 2026
Drei sind keiner zu viel
Foto: imago/Westend61
Papst Franziskus sah in Dreifaltigkeit Revolution des Denkens.
Etwas mehr als ein Jahr ist Papst Franziskus nun tot und ich muss – bei aller Wertschätzung für seinen Nachfolger Leo – sagen: Ich vermisse ihn. Er hatte so eine Art, das Komplizierte manchmal einfach wegzulassen und auf den Kern der Sache zu kommen. Manchmal wurde ihm deshalb vorgeworfen, er sei – besonders im Vergleich zu seinem Vorgänger Benedikt XVI. – ein schlechter Theologe. Vielleicht war er aber auch nur ein Seelsorger.
Ein Beispiel dafür ist das, was er in einer Predigt am Dreifaltigkeitssonntag 2022 über die Trinität sagte, über die kluge Theologen ganze Regalmeter Bücher geschrieben haben und die Studierende in Dogmatik-Prüfungen immer noch in Schweiß ausbrechen lässt. Franziskus verweigerte sich der spekulativen Debatte und sagte stattdessen: „Das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit ist keine theologische Übung, sondern eine Revolution in unserem Denken.“ Denn Gott lebe uns vor, wie wir leben sollen – nicht einsam, sondern gemeinsam: „Gott, in dem jede Person – Vater, Sohn und Geist – in ständiger Beziehung zur anderen und nicht für sich selbst lebt, fordert uns auf, mit den anderen und für die anderen zu leben.“
Tatsächlich ist das christliche Gottesbild einzigartig: ein Gott, der in sich Gemeinschaft ist. Während Judentum und Islam betonen, dass Gott Einer ist, in sich ruhend und sich selbst genügend, glauben Christen an einen Gott der Beziehung, des Gesprächs – und das schon in Gott selbst. Das ist eine Revolution.
Im Denken, wie Franziskus sagte, aber auch im Handeln: „Die Dreifaltigkeit lehrt uns, dass wir niemals ohne den anderen sein können. Wir sind nicht Inseln, wir sind in Beziehung geschaffen, um zu leben.“ Und das auf allen Ebenen, die das Leben so ausmachen, im Kleinen wie im Großen.
Zweierbeziehung
Nein, es ist nicht revolutionär, auf eine liebevolle Partnerschaft zu hoffen, schließlich ist das schon bei Adam und Eva so angelegt. Aber in Zeiten der Individualisierung ist es nicht mehr selbstverständlich. Denn sich dauerhaft auf ein Du einzulassen, bedeutet immer auch, das Ich zurückzunehmen; den oder die andere so sein zu lassen, wie er ist – auch mit Fehlern und Macken. In dem Wissen, dass andere Perspektiven stören, aber auch bereichern können.
Vielleicht ist es ja eine schräge Idee, aber könnte Gottvater nicht auch manchmal irritiert sein von dem, was der Sohn denkt oder wohin der Geist in seiner übersprühenden Kraft weht? Oder dankbar, weil ihn die anderen bereichern?
Familie
Wenn aus zwei, drei werden – oder vier oder fünf –, wird es noch schwieriger, und wenn jeder eine Ich-AG bildet, wird das gemeinsame Unternehmen nicht lange überleben. Wie die Scheidungsraten jedes Jahr aufs Neue beweisen. Insofern ist es durchaus mutig, das Projekt Familie zu wagen. Und vielleicht ist es heute geradezu revolutionär, ernsthaft zu versuchen, alle normalen Spannungen, den alltäglichen Stress und auch die ermüdenden Routinen gemeinsam auszuhalten. Schließlich hat auch Gott seinen Sohn in einer ganz normalen Familie aufwachsen lassen. Pubertierende Alleingänge und harte Konflikte mit der Mutter inklusive.
Freunde
So wie Gott Gemeinschaft ist, schätzte auch Jesus die Gemeinschaft. Er zog nicht allein umher, sondern sammelte Freundinnen und Freunde um sich. Er besuchte Hochzeiten, Festessen und Jerusalem zu Pessah. Nichts dagegen, sich mal zurückzuziehen, aber richtig wohl fühlte sich Jesus offenbar in Menschenmengen.
„Wir sind keine Inseln“, sagte Papst Franziskus, schon gar keine einsamen. Und wenn Jesus uns schon Freunde nennt, wie viel mehr sollten wir dann offen sein für Menschen, die unsere Freundschaft suchen. Und wie viel mehr sollten wir bestehende Freundschaften pflegen.
Nachbarschaft
Bei Partnern, Familie, Freunden – da ist überall Liebe im Spiel oder zumindest Sympathie, da fällt es relativ leicht, mit ihnen und für sie zu leben. Anders bei denen, die wir uns nicht ausgesucht haben, die nähere und ferne Nachbarschaft zum Beispiel.
Die Nörglerin von oben vielleicht oder der junge Mann von gegenüber mit seinem röhrenden Motorrad. Die Kinder, die auf dem Garagenvorplatz Fußball spielen und den Ball gegen die Tore donnern. Ganz zu schweigen von dem Alten ein Stück die Straße runter, der sich als Blockwart aufspielt. Mit denen will man aus guten Gründen nichts zu tun haben.
Haben wir aber trotzdem, denn schließlich leben wir in einem Viertel, in einer Stadt. Da hilft es ungemein, eine zumindest halbwegs gute Beziehung aufzubauen. Ja, vielleicht sogar aktiv dazu beizutragen, dass Beziehungen sich verbessern. Indem wir uns zum Beispiel in der Stadtteilinitiative engagieren oder im Dorf. Indem wir im Gemeinderat mitarbeiten oder im Verein. Ein Gott, der in sich Gemeinschaft ist, wird jeden Versuch begrüßen, die Gemeinschaft unter Menschen zu stärken. Gerade unter denen, die sich nicht automatisch nahestehen.
Welt
Unser Gott ist keiner, der auf Nationen oder Religionen schaut. Unser Gott ist der, der die Erde liebt und alles, was auf ihr lebt. Deshalb können wir nicht so tun, als sei Europa eine Insel oder als gingen uns die Armen im globalen Süden nichts an. Die Menschheit, ja, die gesamte belebte Welt ist eine Gemeinschaft. Um es biblisch auszudrücken: „Wenn ein Glied Teil leidet, leidet der gesamte Körper mit.“ Deshalb ist der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung kein Job für ein paar linke Spinner. Es ist Auftrag des dreieinen Gottes.
„Das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit ist keine theologische Übung, sondern eine Revolution in unserem Denken“, sagte Papst Franziskus. „Denn sie fordert uns auf, mit den anderen und für die anderen zu leben.“ Vielleicht ist das keine große Theologie. Aber ein Weg, die Welt ein bisschen besser zu machen.