Ausstellung in Lüneburg
Mit Playmobil lebt die Hanse wieder
Foto: Adrián Limón Rivera
Mitten in Lüneburg: So muss man sich den historischen Stadtkern aus der Perspektive eines Playmobil-Männchens vorstellen. Oliver Schaffer gestaltet die Ausstellung.
Kritisch blickt Christina Broesike auf das, was im Museum gerade zum mittelalterlichen Rathaus Lüneburg im XS-Format wird. So ganz zufrieden ist die Kuratorin noch nicht. Schließlich fällt ihr auf, was sie stört. „Können hier die Fenster raus?“, fragt sie und zeigt auf die Butzenscheiben des Playmobilhauses im ersten Stock. Schließlich sollen Besucher später auch einen unverstellten Blick ins Innere werfen können – auf das Ratsgestühl, die festliche Tafel und den Einzug der Ratsherren.
Vor allem Kinder sollen all das auf Augenhöhe entdecken können. Oliver Schaffer nickt. Ein Handgriff genügt dem Diorama-Künstler, und die Butzenscheiben verschwinden. Das Rathaus gehört zu den Prunkstücken der Sonderausstellung „Abenteuer Hanse mit Playmobil“, die im Museum Lüneburg bis zum 10. Januar 2027 zu sehen ist.
Wenige Tage vor der Eröffnung herrscht in den Ausstellungsräumen kontrolliertes Chaos. Kisten, Kartons und Tausende Einzelteile stehen in den Räumen. „Fahnen und Schilder“ sind in einer der großen Boxen, Bäume in einer anderen, Asterix-Häuser in einer und eine weitere ist mit „Friedhof und Kirche“ beschriftet. Mehr als 20 000 Bauteile und 5000 Figuren hat der Hamburger Künstler in 60 Boxen mitgebracht. Daraus entstehen acht detailreiche Miniaturwelten, die Besucher in die Zeit der Hanse eintauchen lassen. Eine gewaltige Menge an Spielzeugteilen – und doch nur ein Bruchteil all der Playmobil-Teile Schaffers. Insgesamt hat er mehr als drei Millionen Einzelteile und über 400 000 Figuren, gelagert in einem Hochregallager bei Hamburg. Daraus gestaltet Schaffer seit mehr als 20 Jahren seine Ausstellungen für renommierte Museen, Kulturinstitutionen und Unternehmen. „Ich hab‘ auch schon im Louvre nur 100 Meter von der Mona Lisa entfernt ausgestellt“, sagt der Mittvierziger nicht ohne Stolz. Bei den Ausstellungen verbindet er die Möglichkeiten des Playmobil-Systems mit modernen Vermittlungsformen wie Grafikdesign, Musik, Videomapping und Animation.
Lüneburger Stadtgeschichte
Das „Abenteuer Hanse“ ist Schaffers 89. Ausstellung. Dabei war sie eigentlich anders geplant – die Hanse sollte nur eine Nebenrolle spielen. Nachdem Stadtarchäologe Tobias Schoo eine der Playmobil-Präsentationen Schaffers gesehen hatte, hatte er zunächst die Idee, die Dauerausstellung des Museums im Kleinformat nachbauen zu lassen. Doch beim ersten Rundgang mit dem Diorama-Künstler wurde klar: Die Hanse zieht sich durch nahezu alle Bereiche der Lüneburger Stadtgeschichte. Warum also nicht ihre Geschichte erzählen? „Wir playmobilisieren die Hanse“, sagt Schaffer lachend. Schoo betont, dass die Hanse ein dankbares Thema ist. „Sie ist absolut positiv besetzt“, sagt er. Ehrlichkeit, Weitläufigkeit – das seien die Begriffe, die die Menschen noch heute damit verbinden. „Und Lüneburg ist mittendrin.“ Herzstück ist ein rund zwölf Quadratmeter großes Diorama des historischen Hafens mit Krananlagen, Speichern sowie Handels- und Bürgerhäusern. Hier wurde das Salz verladen, das „weiße Gold“, mit dem Lüneburg im Mittelalter zu einer der reichsten und mächtigsten Hansestädte Europas aufstieg.
Natürlich darf auch die Saline als Quelle dieses Wohlstands nicht fehlen. Ebenso wenig wie das Rathaus. Für Tobias Schoo stand schnell fest, dass Schaffer eine Szene aus dem Jahr 1412 nachbilden sollte. „Das Jahr hat für Lüneburg eine besondere Bedeutung.“ Damals fand hier der erste Hansetag statt. Bis 1619 tagte das höchste Beschlussgremium der Hanse insgesamt 23-mal im Lüneburger Rathaus. „Das Rathaus ist die umgebaute Playmobil-Ritterburg von 1976“, verrät Schaffer. Denn genau das ist sein Prinzip: Die handelsüblichen Playmobil-Spielzeuge baut er um, setzt sie neu zusammen, koloriert sie und lässt so historische Schauplätze entstehen.
Dass dieses Konzept funktioniert, erlebt der Hamburger seit Jahren. Seine Erfahrung: Das spricht alle Altersgruppen an. Während Kinder neugierig die vielen kleinen Spielzeugszenen entdecken, setzt bei vielen Erwachsenen – „besonders bei Vätern“ – ein Wiedererkennungseffekt ein: Sie bleiben stehen und erkennen Figuren aus ihrer eigenen Kindheit wieder. Nicht selten hört Oliver Schaffer dann diesen Satz: „Das hatte ich auch.“
Die Ausstellung erzählt aber bewusst nicht nur Lüneburger Geschichte. „Viele denken bei Hanse nur an Backstein“, sagt Schoo. Gerade im norddeutschen Raum ist die Backsteingotik prägend: Bei Hansestädten haben viele vor allem Lübeck, die „Königin der Hanse“, vor Augen, Rostock und Wismar – oder eben Lüneburg mit seinem einmaligen Ensemble von mehr als 1500 Baudenkmalen wie den alten Bürgerhäusern oder den stolzen Kirchen.
„Aber die Hanse ist weit mehr – und das zeigen wir hier“, sagt Schoo, dem es wichtig ist, diese Vielseitigkeit ins Bewusstsein zu bringen. So führt das Playmobil-Abenteuer auch nach King's Lynn in England, wo mit Tuchen gehandelt wurde, ins schwedische Schonen, in die Bierstadt Einbeck und bis ins russische Nowgorod. Jedes Diorama besitzt seinen eigenen Charakter: verschneite Wälder rund um den Pelzhandel in Nowgorod, die Fischereiküsten Schonens oder die Fachwerkhäuser Einbecks zeigen, wie vielfältig das Handelsnetz der Hanse war – und wie weiträumig. In einer Vitrine segeln zudem die typischen Hansekoggen über die Meere – stets mit der Gefahr der Piraten im Nacken.
Lüneburger Hansekaufmann
Schaffer nimmt sich dabei durchaus künstlerische Freiheiten. So werden die russischen Händler in Nowgorod kurzerhand aus Playmobil-Kunstreitern eines Zirkussets gestaltet. Für ihn schließt sich damit ein Kreis: Die Playmobil-Leidenschaft begann, als der damals Dreijährige zu Weihnachten einen Playmobilzirkus bekam.
In der Ausstellung wird es keine langen Texttafeln geben, die Dioramen erzählen selbst ihre Geschichten. Hintergrundinformationen liefert ein Begleitheft für Kinder und Erwachsene. Und ab Oktober kommt noch eine Besonderheit hinzu: Dann verkauft das Museum eine Playmobil-Sonderanfertigung: den Lüneburger Hansekaufmann.
Informationen zu Öffnungszeiten, Anfahrt und Tickets online unter museumlueneburg.de.