Impuls zur Sonntagslesung am 22. März 2026

Nahtoderfahrung: Da war nur noch eine Null-Linie

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Notaufnahme
Nachweis

Foto: imago/Bihlmayerfotografie 

Auch wenn die Auferweckung des Lazarus nicht direkt zu vergleichen ist mit Reanimation und Nahtoderfahrung: Wer wie Maximilian Kesselstatt schon einmal zurückgeholtwurde, ist dankbar. Und lebt anders weiter

Auf einmal war einfach alles dunkel. Schwarz. Leere. Nichts. Maximilian Kesselstatt hat keinerlei Erinnerungen oder Gefühle an die zwei Minuten, in denen er tot war. Am 12. Februar 2017, einem Sonntag, war er mit Schmerzen und Sodbrennen in ein Krankenhaus in Wiesbaden gegangen. „Normalerweise hätte ich mich einfach ins Bett gelegt und gehofft, dass die Beschwerden am nächsten Tag weg sind“, sagt er. „Zum Glück habe ich das nicht gemacht. Sonst wäre ich heute nicht mehr hier.“ 

In der Notaufnahme erlitt er einen schweren Herzinfarkt. „Ich bin am Empfang weggesackt“, sagt er. Da war nur noch eine Null-Linie – sowohl im EKG als auch in seinen Erinnerungen. Erst am nächsten Tag wachte er auf der Intensivstation der Klinik auf. Die Ärzte hatten ihn reanimiert und ihm in einer Notoperation drei Stents gesetzt, um den Blutfluss zum Herzen zu regulieren. „Diese Zeit, als ich bewusstlos war und operiert wurde, fühlte sich im Nachhinein ganz anders an“, sagt Kesselstatt. „Wenn ich schlafe, habe ich trotzdem ein Zeitgefühl. Aber in diesen Stunden war da einfach eine Leere.“ 

Der Sohn deutet den Traum

Einer, der auch tot war und auferweckt wurde, ist Lazarus. Von ihm erzählt das Johannesevangelium an diesem Sonntag. Was Lazarus in den vier Tagen gefühlt oder erlebt haben mag, in denen er tot in der Höhle lag, wissen wir nicht. Menschen, die heute eine Nahtoderfahrung machen, berichten manchmal von einem Licht, auf das sie zugehen, von Wärme, von liebevollen Stimmen, von guten Gefühlen. „All das hatte ich nicht“, sagt Kesselstatt, „und genau das hat mir auch Angst gemacht.“

Maximilian Kesselstatt
Maximilian Kesselkstatt. Foto: privat

In der Nacht nach seiner Reanimation und OP konnte und wollte Kesselstatt nicht schlafen. „Ich hatte Angst vor der Dunkelheit, wieder in diese Leere zu fallen. Letztlich hatte ich Angst vor dem Tod. Die kam da ganz deutlich durch“, erinnert er sich. Medikamente und Beruhigungsmittel lehnte er ab – und schlief schließlich doch ein. 

Und er träumte: von einem wilden Sturm, von einem Unwetter auf einem See, von riesigen Wellen, die über ihm zusammenschlugen. „Ich träumte, dass ich in einem kleinen Holzboot lag, mitten in diesem Sturm gefangen“, sagt Kesselstatt. „Dieser Traum wirkte so real – und trotzdem hatte ich keine Angst. Im Gegenteil: Ich hatte ein tiefes Gefühl der Sicherheit. Ich fühlte mich geborgen. Ich war ganz ruhig. Es war wunderschön.“

Wochen später erzählte er seinem damals neunjährigen Sohn von diesem Traum. „Der flitzte los in sein Kinderzimmer, holte seine Kinderbibel und zeigte mir die Geschichte von der Stillung des Sturms auf dem See. Da habe ich eine Gänsehaut bekommen“, sagt Kesselstatt. Auf einmal habe es bei ihm Klick gemacht: „In dem Traum fühlte ich mich so getragen und beschützt. Da wurde mir klar, dass Gott in dieser Zeit bei mir war.“

Seit seiner Reanimation engagiert sich Maximilian Kesselstatt im Verein „Hand aufs Herz“. Der Notfallmediziner und Kardiologe Joachim Ehrlich, der damals auch Kesselstatt behandelte, hat den Verein gegründet und ihn eingeladen, mitzumachen. „Wir wollen die Menschen informieren: über den plötzlichen Herztod und darüber, wie sie Menschen durch Wiederbelebung und Defibrillation retten können“, sagt Kesselstatt. Denn mehr als 150 000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Herzstillstand; manche könnten gerettet werden, wenn Helfer da wären.

Angeschlossen an den Verein ist eine Selbsthilfegruppe. Auch Kesselstatt nimmt regelmäßig an den Treffen teil. „Ich habe nach der Reanimation schnell gemerkt, dass ich mit jemandem über meine Erfahrungen sprechen möchte – und zwar über Reha-Maßnahmen und Herzsport hinaus“, sagt Kesselstatt. Regelmäßig trifft sich die Gruppe in Wiesbaden und tauscht sich aus. Manchmal ist auch ein Psychologe bei den Runden dabei. „Wir sprechen schon recht intensiv“, sagt Kesselstatt. Auf die Treffen möchte er nicht verzichten: „Sie geben mir neue Energie.“

Sein Leben hat sich durch den Herzinfarkt grundlegend verändert. Der heute 65-Jährige konnte nach der Krankheit nicht mehr arbeiten. Er musste lernen, seinem Körper wieder zu vertrauen und nicht gleich mit dem Schlimmsten zu rechnen, wenn ein Arm oder der Kopf schmerzt. Und noch etwas ist anders, sagt Kesselstatt: „Vor allem bin ich dankbar für mein Leben.“ Regelmäßig geht er in Kirchen und dankt Gott, dass er weiterleben darf, dass er weiter bei seiner Familie sein kann.

Immer am 12. Februar feiert er seinen zweiten Geburtstag. „Jeder Mensch weiß, dass er sterben wird – und doch ist es uns nicht klar. Als ich dann auf einmal mit meiner eigenen Sterblichkeit so deutlich konfrontiert war, war das schwierig für mich“, sagt Kesselstatt. Aber er hadere nicht, wolle nicht ängstlich in die Zukunft blicken: „Ich bin umso dankbarer für alles, was ich jetzt erleben darf.“

Kerstin Ostendorf

Zur Person

Maximilian Kesselstatt (65) hatte eine Nahtoderfahrung. Seitdem engagiert er sich ehrenamtlich im Verein „Hand aufs Herz“, der mit Informationen und Schulungen zur Reanimation bei Herzstillstand dazu beitragen will, dass weniger Menschen am plötzlichen Herztod sterben. Infos: www.verein-hand-aufs-herz.de