Christlicher Religionsunterricht

Niedersachsen geht voran

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Plakat mit der Aufschrift Religionsunterricht
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Mit solchen Plakaten wird für den neuen Religionsunterricht geworben. Quelle: www.religionsunterricht-in-diedersachsen.de

In Niedersachsen gibt es mi Beginn des neuen Schuljahres eine bundesweite Premiere: Erstmals tragen die katholische und die evangelische Kirche den Religionsunterricht gemeinsam. Andere Länder schauen bereits genau hin. Fragen dazu an Katrin Gladen, Leiterin der Abteilung Schule und Hochschule im Bistum Hildesheim, und Kerstin Gäfgen-Track, Leiterin der Bildungsabteilung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Niedersachsen führt als erstes Bundesland ein gemeinsames Fach „Christliche Religion“ ein. Vor 20 Jahren hätte sich das wohl kaum jemand vorstellen können. Warum ist das heute möglich?

Gladen: Niedersachsen hat seit mehr als 25 Jahren gute Erfahrungen mit dem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht gemacht. Für mich war schon vor meinem Wechsel nach Niedersachsen beeindruckend, wie eng evangelische und katholische Seite hier zusammenarbeiten. Der nächste Schritt war deshalb folgerichtig: nicht nur organisatorisch gemeinsam zu arbeiten, sondern auch die Inhalte gemeinsam zu entwickeln. Genau das ist mit dem neuen Kerncurriculum für das Fach „Christliche Religion“ gelungen.

Gäfgen-Track: Der konfessionell-kooperative Religionsunterricht war immer ein Unterricht, der ein Fenster zur jeweils anderen Konfession geöffnet hat. Er sollte den sehr unterschiedlichen konfessionellen Situationen in Niedersachsen Rechnung tragen. Irgendwann waren wir aber an einem Punkt angekommen, an dem organisatorisch kaum noch Entwicklung möglich war. Gleichzeitig hat sich die religiöse Landschaft verändert. Es gibt Schulen, an denen weder die evangelische noch die katholische Konfession allein ausreichend Schülerinnen und Schüler erreicht, um eine eigene sinnvolle Lerngruppe zu bilden. Hinzu kommen das Fach Werte und Normen sowie der islamische Religionsunterricht – alles muss an der Schule organisiert werden. Entscheidend war aber etwas anderes: Die ökumenische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte hat gezeigt, dass es sehr viel mehr Gemeinsamkeiten gibt, als vielen bewusst ist. Darauf konnten wir aufbauen.

Ist das neue Fach vor allem ein ökumenischer Fortschritt oder eine Antwort auf sinkende Kirchenmitgliedschaften?

Gäfgen-Track: Für mich ist es in erster Linie ein großer theologischer und ökumenischer Meilenstein. Zum ersten Mal ist es gelungen, gemeinsam ein inhaltliches Projekt auf Augenhöhe zu entwickeln – unter Wahrung der konfessionellen Besonderheiten. Natürlich spielt auch der Mitgliederschwund eine Rolle. Aber wenn wir theologisch keine gemeinsame Grundlage gefunden hätten, hätte uns die Religionsdemografie überhaupt nicht geholfen.

Gladen: Genau das ist der entscheidende Punkt. Ausgangspunkt waren unsere Gemeinsamkeiten: die biblischen Texte, die christliche Tradition und der gemeinsame Glaube. Die Unterschiede werden jedoch keineswegs verschwiegen. Aber von dieser gemeinsamen Basis aus öffnen wir den Blick für andere christliche Konfessionen, andere Religionen und auch für konfessionslose Schülerinnen und Schüler. Das macht den Unterricht dialogischer und eröffnet neue Möglichkeiten.

Bleiben konfessionelle Unterschiede künftig überhaupt noch sichtbar?

Gäfgen-Track: Ja, selbstverständlich. Sie gehören ausdrücklich zum Unterricht. Ein gutes Beispiel ist Maria. Sie ist eine zentrale biblische Gestalt und Mutter Jesu – darin sind sich beide Konfessionen einig. Gleichzeitig spielt sie in der katholischen Lehre und Frömmigkeit eine deutlich größere Rolle als im Protestantismus. Die Gemeinsamkeiten werden dargestellt, aber auch die Unterschiede benannt.

Gladen: Das gilt ebenso für Eucharistie und Abendmahl. Lehrkräfte bringen ihre eigene konfessionelle Prägung mit, unterrichten aber zugleich konfessionssensibel und vermitteln auch die Sicht der jeweils anderen Kirche.

Woran werden die Schüler den neuen Religionsunterricht konkret erkennen?

Gäfgen-Track: Noch stärker als bisher geht der Unterricht von den Erfahrungen und Fragen der Schülerinnen und Schüler aus. Was beschäftigt sie? Welche Hoffnungen, Ängste oder Konflikte erleben sie? Von dort aus wird gefragt, welche Antworten christlicher Glaube geben kann, aber auch, welche Perspektiven andere Religionen oder Weltanschauungen anbieten. Dadurch gewinnen die Inhalte an Lebensrelevanz.

Gladen: Neu ist außerdem, dass interreligiöse, gesellschaftliche und interdisziplinäre Perspektiven grundsätzlich mitgedacht werden. Das heißt nicht, dass es einzelne Unterrichtseinheiten zum Islam oder zum Judentum gibt und damit ist das Thema erledigt. Vielmehr können diese Perspektiven bei nahezu allen Themen einbezogen werden. Das hängt entsprechend auch von der jeweiligen Lerngruppe ab.

Welche Themen stehen künftig stärker im Mittelpunkt?

Gäfgen-Track: Ausgangspunkt sind Fragen wie: Wer bin ich? Was macht mich als Mensch aus? Was bedeutet es, Geschöpf Gottes zu sein? Daraus ergeben sich Themen wie Schöpfungsverantwortung, Gemeinschaft oder Identität. Die klassischen Inhalte verschwinden nicht. Sie werden vielmehr in einen Zusammenhang gestellt, der für junge Menschen heute nachvollziehbarer wird. Die Frage ist immer: Was hat das mit meinem Leben zu tun?

Kritiker befürchten, der Religionsunterricht entwickle sich immer stärker zu einem allgemeinen Werteunterricht und verliere sein christliches Profil. Was entgegnen Sie?

Gäfgen-Track: Das halte ich für ein Missverständnis. Wir haben sehr genau darauf geachtet, dass das neue Kerncurriculum kein allgemeines Ethikcurriculum wird. Natürlich spielen Werte und gesellschaftliche Fragen eine wichtige Rolle. Aber Ausgangspunkt und Grundlage bleiben die christliche Theologie und die Bekenntnisgebundenheit. Wenn wir nicht mehr deutlich machen könnten, was das genuin Christliche dieses Faches ist, würden wir seine Eigenständigkeit verlieren.

Gladen: Ich würde sogar sagen: Der Unterricht wird nicht weniger christlich, sondern mehr christlich – allerdings in Beziehung zu anderen. Wir konzentrieren uns nicht ausschließlich auf die eigene Konfession, sondern setzen christliche Positionen bewusst in Beziehung zu anderen christlichen Traditionen, zu anderen Religionen und zu gesellschaftlichen Fragestellungen. Gerade dadurch gewinnt das Christliche an Profil, weil es sich im Dialog bewähren muss.

Wo mussten die katholische beziehungsweise die evangelische Seite bei der Erarbeitung der Lehrpläne Kompromisse eingehen?

Gäfgen-Track: Ehrlich gesagt war das überhaupt nicht die entscheidende Frage. Die ökumenischen Themen haben erstaunlich wenig Diskussion ausgelöst. Unsere eigentliche Herausforderung bestand darin, den neuen Ansatz umzusetzen: Wie verbinden wir eine konsequente Orientierung an den Schülerinnen und Schülern mit einer klaren theologischen Grundlage? Darüber haben die Kommissionen gemeinsam mit uns intensiv diskutiert.

Gladen: Hinzu kam, dass wir erstmals ein gemeinsames Kerncurriculum für sämtliche Schulformen der Sekundarstufe I entwickelt haben. Das bedeutete, sehr unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen – verschiedene Schulformen, unterschiedliche religionspädagogische Erfahrungen und zugleich beide Konfessionen. Diese Aufgabe war wesentlich anspruchsvoller als die ökumenische Zusammenarbeit selbst.

Gäfgen-Track: Für ein solches Curriculum gab es keine Vorlage. Es musste vieles neu entwickelt und zugleich sichergestellt werden, dass der Anschluss an die gymnasiale Oberstufe erhalten bleibt. Das hat Zeit gekostet. Aber gerade deshalb sind wir mit dem Ergebnis heute sehr zufrieden.

Wie reagieren die Lehrer bislang auf das neue Konzept?

Gladen: Ich nehme vor allem große Neugier und Vorfreude wahr. Viele sagen: Jetzt geht es endlich los. Natürlich gibt es auch Unsicherheit. Deshalb wird entscheidend sein, wie gut wir die Lehrkräfte in den kommenden Jahren begleiten. Es reicht nicht, ein neues Kerncurriculum zu veröffentlichen und zu sagen: Macht mal. Wir brauchen gute Unterrichtsmaterialien, Fortbildungen und fachliche Begleitung. Gerade im Grundschulbereich sind wir damit bereits weit. Für die Sekundarstufe entsteht derzeit umfangreiches Material. Vieles aus bisherigen evangelischen und katholischen Religionsbüchern kann weiterhin genutzt werden. Niemand muss bei null anfangen. Außerdem bauen wir gemeinsame Beratungsstrukturen auf. Geplant ist ein Fachbeirat, in dem auch andere christliche Konfessionen sowie weitere Religionen vertreten sind. So wollen wir sicherstellen, dass unterschiedliche Perspektiven sachgerecht berücksichtigt werden – etwa auch bei neuen Schulbüchern.

Gäfgen-Track: Gleichzeitig beginnt die Veränderung bereits an den Universitäten. Die Studierenden werden weiterhin evangelische oder katholische Theologie studieren. Aber sie sollen zugleich lernen, in diesem gemeinsamen Fach zu unterrichten. Dafür entwickeln wir derzeit gemeinsam mit den Hochschulen neue Konzepte.

Glauben Sie, dass andere Bundesländer dem Beispiel Niedersachsens folgen werden?

Gladen: Viele schauen derzeit sehr aufmerksam nach Niedersachsen. Ich bekomme bereits Nachfragen aus anderen Bundesländern, wie wir das neue Kerncurriculum entwickelt haben. Natürlich lässt sich unser Modell nicht einfach kopieren. Es ist auf einer über Jahrzehnte gewachsenen ökumenischen Zusammenarbeit entstanden. Aber wir haben eine Blaupause geschaffen, die anderen als Orientierung dienen kann. Ich bin überzeugt, dass viele Länder genau beobachten werden, welche Erfahrungen wir machen.

Gäfgen-Track: Davon bin ich ebenfalls überzeugt. Der konfessionell-kooperative Religionsunterricht setzt sich derzeit in vielen Bundesländern immer stärker durch. Ich glaube allerdings nicht, dass andere Länder nun ebenfalls fast drei Jahrzehnte benötigen werden, um zum nächsten Schritt zu kommen. Wir erhalten bereits konkrete Anfragen. Gleichzeitig wird jedes Bundesland seinen eigenen Weg finden müssen. Die Situation in einem Flächenland wie Niedersachsen unterscheidet sich beispielsweise deutlich von der eines Stadtstaates. Das Hamburger Modell des „Religionsunterrichts für alle“, der von mehreren Religionen gemeinsam verantwortet wird, ließe sich in Niedersachsen nicht umsetzen. Deshalb wird es auch künftig unterschiedliche Modelle geben. Aber ich rechne damit, dass sich der Religionsunterricht in Deutschland in den nächsten Jahren deutlich weiterentwickeln wird.

Interview: Michael Althaus

Wer auf den neuen Religionsunterricht an seiner Schule oder in der Gemeinde aufmerksam machen möchte, findet hier Werbematerial und weitere Informationen.