Gespräch mit drei Hospizmitarbeitenden
Schwerpunkt: Was das Sterben lehrt
Foto: kna/Gordon Welters
Wenn jemand gestorben ist,wird diese Kerze vor der Tür aufgestellt.
Mit welchen Gefühlen im Bauch beginnen Sie Ihren Arbeitstag?
Stefani Hellweg: Ich bin in der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung, gehe also als Pflegefachkraft in beratender Funktion zu den Menschen nach Hause. Und das mache ich unglaublich gern. Es ist eine Arbeit, die mich erfüllt.
Steffen Brockmeyer: Auch ich gehe mit einem guten Gefühl zur Arbeit – und mit einem gespannten, weil jeder Tag anders ist. Seit sechs Jahren bin ich Sozialarbeiter hier im Hospiz. Ich führe Gespräche mit den Gästen, ihren Angehörigen und bin für einige Stunden im Monat auch noch für die Trauerarbeit zuständig. Man lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen – und jeder bringt eine ganz eigene persönliche Geschichte mit. Das macht die Arbeit spannend.
Marlies Wagner: Da kann ich nur zustimmen. Ich komme auch nach 18 Jahren, in denen ich Menschen hier gepflegt habe, noch immer gerne zur Arbeit. Seit einigen Monaten bin ich in Rente – trotzdem arbeite ich weiterhin einige Tage im Monat, weil mich die Arbeit so erfüllt.
Sie drei sind jeden Tag mit sterbenden Menschen zusammen. Der Tod gehört zu Ihrem Arbeitsalltag. Wie geht es Ihnen damit?
Hellweg: Also mir geht es nicht schlecht damit. Sterben ist für mich nichts mehr, was mir Angst macht. Sondern was ganz Natürliches. Und wir, in unserem Arbeitsalltag, sind ebenso vorbereitet auf den Tod.
Dass der Tod im Hospiz nicht plötzlich eintritt, wie es sonst oft ist, nimmt etwas von der Schwere, meinen Sie?
Hellweg: Es ist nicht leicht, aber es trifft einen nicht mit voller Wucht. Einige Menschen, mit denen wir arbeiten, haben für sich oft schon ausgesprochen: „Du wirst bald sterben, es wird nicht mehr lange dauern.“ Wir erleben aber auch Klienten und deren Familien, die noch nicht auf den Tod vorbereitet sind.
Brockmeyer: Schwieriger wird es, finde ich, wenn ein Gast – so nennen wir unsere Bewohner – seinen Tod noch nicht akzeptiert hat. Wenn er nicht damit einverstanden ist, dass er sterben wird.
Wagner: Andererseits ist es auch nichts, das man so einfach wegsteckt, wenn ein Gast sagt: „Ich will sterben“ oder „Wie lange geht es noch, bis es vorbei ist?“. Ein bisschen leichter wird es, wenn der gleiche Mensch dir dann sagt: „Das, was ich hier erlebe, ist gerade wunderschön. Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben.“
Brockmeyer: Der Tod ist immer traurig, er nimmt einen immer mit. Wichtig ist aber auch, und das sage ich ganz oft: Im Hospiz geht es nicht nur um Sterben und Trauer.
Sondern?
Brockmeyer: Hier ist ganz viel Leben. Freude, Dankbarkeit, Lachen – und Genussmomente.
Was sind das für Genussmomente?
Brockmeyer: Oft sind es, auf den ersten Blick, kleine Dinge. Zum Beispiel, wenn Marlies – wir nennen sie manchmal liebevoll unsere Bademeisterin – für jemanden ein heißes Bad einlässt. Denn jemand, der schwer erkrankt ist, lange Zeit im Krankenhaus war, der konnte dort wahrscheinlich nicht einfach mal ein erholsames Bad nehmen, mal abschalten und genießen. Und wenn der Mensch dann in die Wanne steigt, dann ist das ja genau das: Genuss erleben.
Wagner: Ich erinnere mich da an eine Frau mit ALS ...
… einer schweren, nicht heilbaren Erkrankung des Nervensystems …
Wagner: … die Frau konnte sich nicht mehr bewegen. Aber weil sie Raucherin war, haben wir sie immer wieder im Bett zum Rauchen auf die Terrasse gefahren, und obwohl sie nicht einmal mehr ihre Zigarette selbst rauchen konnte, sagte sie: „Weißt du was? Mir ist es noch nie so gut gegangen.“
Brockmeyer: Manchmal sind es spontan entstehende Momente, in denen man einfach herzhaft lachen muss.
An welche Situation denken Sie da?
Brockmeyer: Wir hatten hier mal zwei jüngere Frauen, die haben plötzlich eine Modenschau gemacht – das passiert manchmal einfach aus dem Moment heraus.
Wagner: Das ist dann auch so ein ehrliches Lachen, das so richtig ansteckt.
Gibt es Tage, an denen Sie schon beim Aufstehen eine Schwere spüren, weil Sie wissen, dass heute jemand sterben könnte?
Wagner: Viele denken, glaube ich: Wenn jemand ins Hospiz kommt, dann wird gestorben. Im Sinne von: Der ist jetzt im Hospiz, das war’s jetzt. Und das ist mit Ängsten verbunden, die ich verstehen kann. Aber eigentlich wird hier noch sehr viel gelebt, weil die Gäste und ihre Zugehörigen entlastet werden. Darum bin ich natürlich traurig, wenn ich weiß, heute könnte jemand sterben. Aber ich denke mir dann: Wenn es so weit ist, kann ich es auch akzeptieren.
Hellweg: Wenn jemand aber stirbt, ohne, dass ich mich verabschieden konnte, nimmt mich das schon mit. Ich denke mir dann immer wieder: Schade, da wäre ich gerne nochmal hingefahren.
Frau Hellweg, Sie arbeiten im Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung und gehen zu den Menschen nach Hause. Ich kann mir vorstellen, dass Sie da in recht emotionale Situationen kommen. Wie nah geht Ihnen das?
Hellweg: Ich gehe ja in deren Häuslichkeit, betrete deren Intimsphäre, deren Schlafzimmer. Da baue ich schon eine Beziehung mit der Familie auf. Und dann kann ich nicht einfach einen Schalter umlegen, sodass mir diese Schicksale egal werden. Gerade, wenn ich Menschen mit kleinen Kindern begleite, nimmt mich das noch mal anders mit, als wenn es sich um eine betagtere Person handelt. Da muss ich auf mich aufpassen. Ich schüttele ja nicht einfach alles ab, was ich so erlebe.
Inwieweit wirkt sich Ihre Arbeit im Hospiz auf Ihr Leben aus?
Hellweg: Ich rege mich weniger auf. Natürlich hat man manchmal einen nicht so guten Tag. Aber über einen Kratzer am neuen Fahrrad ärgere ich mich nicht mehr. Mir ist nur wichtig, dass meine Familie gesund ist und ich gesund bin. Das ist für mich das höchste Geschenk.
Brockmeyer: Demut ist da für mich ein wichtiges Wort. Und Dankbarkeit. Man nimmt nicht alles als selbstverständlich hin.
Wagner: Und man lernt, den Ball flach zu halten. Man lässt Situationen nicht hochkochen, nimmt den Fokus weg von sich selbst. Ich blicke positiver auf das Leben, das ich habe. Verzweifle nicht an Problemen, die es gibt, sondern ich schaue erst mal nach Möglichkeiten, die ich habe.
Brockmeyer: Das würde ich sofort unterschreiben. Und weil es hier so viele schöne kleine Details gibt, die man mit rausnehmen kann, merkt man auch: Es gibt das Gute, das Schöne, das Positive.
Was genau meinen Sie damit?
Brockmeyer: Wenn man die Nachrichten anschaltet, dann ist das ja manchmal zum Verrücktwerden. Klimawandel, Gefahren von rechts, Kriege. Aber daran muss man nicht verzweifeln, das Schöne findet sich im Detail. Man muss nur genau hinschauen. Das bringen einem die Menschen hier im Hospiz bei. Selbst auf ihren letzten Metern sagen die dir: „Jetzt gerade, in diesem kleinen Moment, bin ich so glücklich.“
Wagner: Ich erinnere mich an einen Herrn, der mir persönlich sehr am Herzen lag. Und dann hatte ich zwei Tage frei bekommen und dachte: Oh, ich glaube, den sehe ich nicht mehr wieder, wenn ich zurückkomme. Darum wollte ich mich von ihm verabschieden. Ich sagte ihm, dass ich glaube, dass wir uns nicht mehr wiedersehen würden. Aber er selbst nahm das gar nicht so schwer. Zeigte nur aus dem Fenster und sagte gelassen: „Ja, und da vorne sitzt eine Amsel auf dem Baum.“
Warum hat Sie das so bewegt?
Wagner: Weil beides für ihn die gleiche Wertigkeit hatte: die Freude über den Vogel vor seinem Fenster und das Wissen darüber, dass er sterben würde. Es wirkte, als sei das Sterben für ihn in dem Moment Nebensache.
Brockmeyer: Hast du ihn dann noch mal wieder lebend gesehen?
Wagner: Nein. Aber ich war später auf dem Pilgerweg Camino de Santiago unterwegs. Da bin ich an einem Pferd vorbeigekommen, auf dem eine Amsel saß. Und da habe ich mir gesagt: „Guck mal, da ist er.“ Das war dann echt schön.
Sie haben viel von den schönen Momenten hier im Hospiz erzählt. Was sind Momente, die vielleicht nicht so schön sind, die Sie herausfordern?
Hellweg: Ich merke das vor allem bei persönlichen Gesprächen. Wenn zum Beispiel ein Hausbesuch vorbei ist und ich schon in der Tür stehe, um zu gehen, und dann ein Angehöriger sagt: „Ich begleite Sie eben mal noch nach draußen“ – dann weiß ich schon, jetzt wird es intensiv.
Brockmeyer: Das sind Momente, da geht es ans Eingemachte.
Warum?
Hellweg: Wenn die Leute die Situation mit dem sterbenden Angehörigen verlassen, um mit einem zu sprechen, dann geht es um ganz tiefe, ehrliche Themen. Wenn zum Beispiel die Ehefrau, deren Mann im Sterben liegt, sich von ihm vielleicht unter Druck gesetzt fühlt, ihm jeden Wunsch noch erfüllen zu müssen, obwohl sie das nicht mehr leisten kann. Viele sprechen auch über ihre Ängste oder wie hilflos sie sich fühlen angesichts des näher rückenden Verlusts des geliebten Menschen. Ich schätze dieses Vertrauen sehr. Doch manchmal belastet mich das natürlich.
Was sagen Sie den Angehörigen in solchen Situationen?
Hellweg: Da hilft immer Ehrlichkeit. Ich sage den Angehörigen oder auch den Patienten, dass das, was sie gerade durchmachen müssen, schwer ist. Oder: „Die Erkrankung ist ungerecht. Das ist richtig schlimm.“ Wichtig ist, dass man da nicht in Smalltalk verfällt oder aus Unsicherheit um den heißen Brei herumredet. Das merkt der Mensch, mit dem man gerade spricht. Diese Ehrlichkeit tut den Patienten und den Angehörigen gut.
Wie ziehen Sie dann Ihre Grenze, wie schützen Sie sich selbst?
Hellweg: Wenn ich merke, dass mir gerade die Worte fehlen, dann sage ich das inzwischen. Das war aber ein längerer Lernprozess.
Wagner: Jeder hat da so seine eigene Grenze. Meine ist erreicht, wenn ich das Gefühl habe, ich werde gerade respektlos behandelt. Das kam bisher nur ganz selten vor, doch wenn es passiert, sage ich sehr deutlich: „Jetzt ist auch mal gut.“ Krankheit hin oder her. Auch wenn jemand sterbenskrank ist, wünscht man sich ja einen gegenseitigen respektvollen Umgang miteinander.
Brockmeyer: Für mich gibt es manchmal eine Art Tagesgrenze. Wenn ich mit unheimlich vielen Menschen gesprochen habe, den ganzen Tag zugehört und versucht habe, Menschen und ihre Sorgen zu verstehen, sie ernst zu nehmen. Dann sind das viele Geschichten, viele Schicksale und familiäre Krisensituationen, die man da mitnimmt. Und das ist manchmal so herausfordernd, dass man abends nach Hause kommt und nur noch fertig ist und gar nichts mehr aufnehmen kann.
Wie tanken Sie nach solchen Tagen wieder Energie?
Brockmeyer: Ich gehe dann gerne in den Wald und höre Naturgeräusche, das hilft. Auch wenn ich weiß, dass ich das Erlebte des Tages so nicht einfach abhaken kann. Man kann nicht alles zurücklassen, sobald die Tür am Arbeitsplatz hinter einem zufällt.
Hellweg: Ich gehe auch gerne in die Natur. Noch lieber fahre ich aber mit meinem Fahrrad. Entweder allein oder mit Partner.
Wagner: Bei mir ist es ganz unterschiedlich. Ich singe gerne im Chor – das machen übrigens ganz viele der Kollegen hier im Hospiz. Mittlerweile habe ich auch Enkelkinder und die sind auch eine ganz gute Kraftquelle.
Wenn man ständig mit dem Tod konfrontiert ist, macht man sich Gedanken darüber, wie man selbst einmal sterben möchte?
Brockmeyer: Ich weiß ja nicht, was passieren wird. Und es ist auch fast unmöglich, vorherzusehen, wie man bei einer schlimmen Diagnose reagieren würde. Was mich generell beruhigt, ist, dass der palliative Bereich so gut ausgebaut ist und die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass meine Schmerzen, meine Unruhe und meine Ängste gelindert werden können.
Hellweg: Beruhigend für mich ist auch, dass Menschen einen begleiten können – wenn man nicht bei einem Unfall umkommt. Man muss nicht allein gehen. Mir wurde das vor kurzem wieder sehr bewusst.
Inwiefern?
Hellweg: Ich war bei einer Klientin zu Hause an ihrem Bett. Auch der Bruder saß im Raum und der Sohn – beide haben sich sehr schwergetan, am Bett der Frau zu sitzen. Was völlig verständlich ist. Und als ich die Frau sah, da wusste ich: Sie braucht eine Hand. Darum habe ich ihr meine Hand angeboten und an meiner Hand ist sie dann gestorben. Das war einerseits sehr schön, aber für die Angehörigen im Raum war das natürlich erst mal sehr schwer.
Warum?
Hellweg: Die hatten ein ganz schlechtes Gewissen und haben gesagt: „Sie mussten erst kommen und ihr die Hand geben, damit sie gehen kann. Wir wussten das nicht.“ Meine Aufgabe ist es dann, ehrlich zu sein und zu sagen, dass sowas schwer ist. Und dass man sich nichts vorwerfen darf, dass niemand das bewertet. Dafür braucht es Empathie. Man muss einen Raum quasi abscannen, ihn richtig lesen, um in der Situation angemessen zu reagieren.
Brockmeyer: Das mit dem Scannen passt gut, finde ich. Das müssen wir hier im Hospiz auch. Wenn ich zu den Gästen gehe, muss ich sehr sensibel auf die jeweilige Situation und Stimmungslage reagieren.
Wagner: Das stimmt. Man weiß einfach nie, wie es hinter der Tür gerade aussieht. Wie es dem Gast geht, wie es seinen Angehörigen geht, die vielleicht gerade zu Besuch sind. Herrscht in einem Zimmer große Traurigkeit und Verzweiflung, kann man ins nächste kommen, wo beste Laune herrscht.
Brockmeyer: Hinter den Türen verbergen sich die unterschiedlichsten Welten. Aber es wird auch viel gelacht. Das versuche ich zumindest immer: viel Freude zu den Menschen bringen – egal, wie unterschiedlich die Menschen gerade sind.
Wagner: Das macht es ja auch so spannend. Hier wohnen die unterschiedlichsten Menschen Tür an Tür und wir kommen miteinander in Kontakt. Status und Geld – komplett egal.
Hellweg: Diese Unterschiede der Menschen, vor allem auch ihrer Lebenssituationen, in die ich ja immer wieder direkten Einblick bekomme, machen diese Arbeit so besonders.
Was nehmen Sie aus Ihrer Arbeit noch mit fürs Leben?
Wagner: Die Frau, der wir noch ermöglicht haben, die Zigaretten zu rauchen, die hatte viele Konflikte mit ihrer Tochter. Doch die haben die beiden dann am Ende noch geklärt. Daher nehme ich für mich mit: Konflikte mit anderen Menschen direkt klären – weil man nie weiß, ob man später noch die Möglichkeit dazu hat.
Brockmeyer: Ich nehme auf jeden Fall mit, dass das Leben nicht planbar ist – und dass, auch wenn Unvorhergesehenes passiert, das Leben so viel Schönes bietet. Ich will weiterhin die Schönheit im kleinen Detail sehen, denn dann ist auch das Leben schön – und dazu laden mich die Gäste hier im Hospiz eigentlich jeden Tag ein.
Hintergrund
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Zu den Personen
Stefani Hellweg (56) arbeitet seit vier Jahren im Osnabrücker Hospiz – als Pflegefachkraft in der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung.
Marlies Wagner (66) ist seit 18 Jahren im Osnabrücker Hospiz in der Pflege tätig. Seit ihrem Rentenbeginn Anfang des Jahres unterstützt sie die Kollegen für ein paar Tage im Monat.
Steffen Brockmeyer (37) arbeitet seit sechs Jahren in Osnabrück im stationären Hospiz als Sozialarbeiter. Daneben ist er fünf Stunden im Monat für die Trauerarbeit im Haus zuständig.