„Der göttlichen Stimme eine Chance geben“

Sehnsucht nach Stille in einer lauten Welt

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Gestapelte Stein vor Meer
Nachweis

Foto: unsplash.com, Rowen Smith

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Kontemplation ist ein Weg, denkt Reinold Hartmann. Vor allem brauche es dafür die Bereitschaft, sich auf die Stille einzulassen.

Während Gottesdienste immer weniger Besuchende haben, sind Kurse in Meditation und Kontemplation sehr gefragt. Hier kann Kirche inmitten einer säkularer werdenden Gesellschaft anknüpfen. Kontemplation ist ein Weg, denkt Reinold Hartmann. Vor allem brauche es dafür die Bereitschaft, sich auf die Stille einzulassen.

Herr Hartmann, ist Kontemplation eine Flucht vor der Welt?

Reinhold Hartmann: Nein, sicher nicht. Es geht darum, einen vorübergehenden Rückzugsort vor diesem Getöse um einen herum zu finden, aber nicht darum, dort zu bleiben. Auch in der Stille ist ja keine heile Welt: Ich bin dann mit mir selbst und meinen innersten Fragen konfrontiert. Es können aber auch ganz banale Fragen sein: Was muss ich noch erledigen? Habe ich den Herd ausgestellt? Welche Terminverpflichtungen stehen an? In der Kontemplation kann ich von diesem vielfältigen „Müssen“ herunterkommen und einfach der Stille eine Chance geben. So kann ich auch einer göttlichen Stimme in mir eine Chance geben, wenn ich still werde. Auch das gibt Kraft.

Wie gelingt es, danach wieder zurückzukommen „in die Welt“?

Von diesem Ort der Ruhe und Stille kann ich gestärkt und mit mehr Klarheit aufbrechen. Wenn ich weiß, was für mich wichtig und was unwichtig ist, kann ich besser das tun, was nötig ist. 

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Mir hat mal ein Meditationslehrer gesagt: „Wer eine Erleuchtung haben will, soll die Kühlschranktür aufmachen!“ Wer in der Kontemplation eine unmittelbare Erleuchtung schaffen will oder auf die große schnelle Vereinigung von Seele und Gott wartet, wird wohl enttäuscht werden. Diese Anspruchshaltung zerstört. Es reicht, ganz klein anzufangen: einfach still werden und die vielen Stimmen in einem selbst, im Wortsinn, „ausreden“ lassen, sodass sie auch schweigen. Und dann schauen, was kommt.

Was empfehlen Sie Menschen, die noch keine Erfahrungen damit gemacht haben?

Zunächst: Kontemplation ist ein Weg. Der muss nicht für alle passen. Wer es ausprobieren will, sollte eine gewisse seelische Ausgeglichenheit mitbringen. Aber ansonsten reichen eine gute Sitzhaltung und die Bereitschaft, sich auf die Stille einzulassen. Gut ist auch, sich einen Lehrer oder eine Lehrerin der Kontemplation zu suchen, die einen begleiten können.

Woran erkenne ich einen guten Lehrer, eine gute Lehrerin?

Das ist eine erfahrene Person, die einen ermutigt, sich nicht zu überfordern; die einem auch Geduld mitgibt mit sich selbst und mit dem Weg der Kontemplation. Ich treffe mich seit zwei Jahren hier zur Kontemplation –  und stehe noch gefühlt sehr am Anfang. Skeptisch wäre ich bei jemandem, der vor allem von sich selbst spricht – oder auch bei jemandem, der einem schnell alle möglichen Angebote verkaufen will.

Hat die Kontemplation Ihren eigenen Glauben verändert?

Das Gottesbild der Kontemplation ist vielleicht abstrakter als das in den einzelnen Religionen. Es empfiehlt sich aber, aus den eigenen christlichen Traditionen zu schöpfen und Gott in der Kontemplation dort zu suchen. Dann wird man sehen: Gott ist viel größer als das, was wir an einzelnen Traditionen oder Bildern von ihm haben. Da öffnet sich der Horizont für das Größere, das Göttliche – und so habe ich zum Beispiel auch die Einheit Gottes in der Dreifaltigkeit mehr verstanden.

Michael Kinnen

Zur Person:

Reinhold Hartmann (67) ist promovierter evangelischer Theologe und hat bis 2024 als Leiter der evangelischen Redaktion „Kirche und Leben“ im ZDF gearbeitet.

Weitere Infos: 
fzs.bistumlimburg.de  
kontemplation-frankfurt.de
kloster-academie.de
kloster-jakobsberg.de