Das Profil macht den Unterschied
Themenkirchen in der Region
Foto: Christian Wellner
Die Medienkirche lädt zum Verweilen ein.
Medienkirche Sporkenheim
Die Kirche St. Marien im Ingelheimer Stadtteil Sporkenheim ist in der Nähe des Rheins inmitten von Obstbäumen gelegen. Viele Menschen kommen mit dem Fahrrad und auf ihrem Spaziergang vorbei. Aber sie gingen nicht hinein in die Kirche, obwohl sie geöffnet war. Jetzt steht dort seit fast einem Jahr ein Aufsteller mit der Einladung zu einem „Rastplatz für die Seele“. Was hat sich verändert? Die erste Medienkirche im Bistum Mainz ist hier in der Pfarrei St. Maria Magdalena, Ingelheim zu finden. Und das Angebot wird angenommen, wie Pfarreikoordinatorin Christine Wüst-Rocktäschel berichtet.
Die Idee, aus St. Marien eine Medienkirche zu machen, kam einer Familie aus Sporkenheim. Während eines Urlaubs erlebten sie an anderer Stelle in Deutschland eine Medienkirche und waren von dem Format begeistert. Möglich war die Umsetzung auch durch die finanzielle Förderung des Innovationsfonds des Bistums Mainz. Als Kooperationspartner wurden die Stadt Ingelheim und ein Hotel vor Ort gewonnen.
Ausruhen bei Farbspielen und Tönen
Eine besondere Technik-Installation macht die kleine Kirche zu einer Medienkirche: Die Besucherinnen und Besucher können über ein Terminal am Eingang des Gotteshauses die Technik selbst steuern. Dabei kann man einerseits Lichtstimmungen kreieren und so seine Gedanken schweifen lassen. Die Beleuchtung des Kirchraums setzt zum einen die Kreuzigungsgruppe hinter dem Altar in Szene. Die beiden Heiligenfiguren rechts und links im Altarraum sowie der besonders schmucke Tabernakel können ebenfalls beleuchtet werden. Unterschiedliche Farben verändern die Wirkung der Darstellungen im Altarraum und schaffen eine eigene Stimmung.
Oder man wählt eines der vorbereiteten Angebote aus: Es gibt Lieder und Musikstücke, die entsprechend mit Farbspielen begleitet werden. Impulstexte, Texte für die Fastenzeit, Psalmen und Gebete – aber auch einen Kirchenführer für alle, die sich einfach nur für die Geschichte der Kirche interessieren. Das Angebot richtet sich an alle Altersgruppen – so sind Lieder für Kinder genauso dabei wie ein Rap über den barmherzigen Samariter.
Im hinteren Bereich der Kirche sind zwei klassische Kirchenbänke neuen Holzbänken und einem Tisch gewichen, hier kann man in einer kleineren Gruppe auch zusammensitzen und ins Gespräch kommen. Die Pfarrei St. Maria Magdalena, Ingelheim lädt dazu ein, den „Rastplatz für die Seele“ als Gruppe zu nutzen – als Stopp auf einem Vereinsausflug oder Schulausflug. (gw)
Herbergskirche Spangenberg
Foto: epd/Christian Schauderna
Manchmal trocknen regennasse Wanderschuhe in der Sauna von Pfarrer Michael Schümers. Sie gehören Gästen der Herbergskirche seiner Gemeinde in Spangenberg im Schwalm-Eder-Kreis. Beim Pilgern auf dem Elisabethpfad werden manche vom Regen überrascht. Mit solchen Schuhen will der evangelische Pfarrer die Besuchenden nicht allein lassen und hilft kurzerhand aus.
Eigentlich ist ein Dachschaden schuld daran, dass man in der ehemaligen Hospitalkapelle in Spangenberg seit drei Jahren nicht nur beten und singen, sondern auch übernachten kann. Damals war der Turmhelm kaputt und musste saniert werden. In der Kapelle gab es zwar noch regelmäßige Gottesdienste, „aber ein Blick auf den Stadtplan zeigte: In 500 Metern Entfernung haben wir weitere Kirchen, eigentlich brauchten wir die Kapelle gar nicht“, berichtet Schömers. Nun ja. Aber doch als Kulturgut, das es zu erhalten gilt, fanden er und seine Gemeinde. „Da stellte sich die Frage: Wie kann man das Gebäude noch nutzen – außer als Kirche?“ Schömers hatte von Herbergskirchen am Rennsteig gehört und informierte sich. Daraus entwickelte sich seine Idee: Menschen, die auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg wandern und anderen Interessierten wollte er eine ganz besondere Übernachtungsmöglichkeit bieten.
Klappbetten neben Orgelpfeifen
Manche in der Gemeinde waren erst skeptisch, doch dann überwog die Neugierde und die Menschen ließen sich von Schümers Idee begeistern. Neben der Orgel wurden zwei Schrankbetten aufgestellt, ein Himmelbett kam in die alte Sakristei. Die Sanitäreinrichtungen wurden modernisiert, Küche und Waschmaschine bereitgestellt. Bald konnte die Gemeinde ihre ersten Gäste begrüßen. Ein Glück für Schümers sind die vielen Ehrenamtlichen, die helfen. Allen voran „Herbergsmutter“ Stefanie Pfaff, die jeden Gast persönlich begrüßt, die Schlüssel aushändigt und auch wieder verabschiedet. Inzwischen ist die Kapelle bei den Plattformen airbnb sowie booking.com buchbar, rund 140 Übernachtungen verzeichnet die Gemeinde jährlich. 40 Euro kostet die Übernachtung für eine, 70 Euro für zwei Personen – das ergibt „ein kleines Plus im Jahr“ für die Gemeinde.
„Die Gäste finden es toll, an so einem besonderen Ort zu schlafen“, so Schümers. 1338 wurde die Kapelle erbaut, so viel historischen Charme hat kein Hotelzimmer. Dass sie das herzliche Willkommen der Gastgeber zu schätzen wissen, spiegelt das Gästebuch der Herbergskirche wider. Gottesdienste gibt es in der Kapelle übrigens weiterhin. Denn, das ist Pfarrer Schümers wichtig, diese Kapelle ist beides: Kirche und Herberge. (ef)
Familienkirche St. Mauritius Frankfurt
Foto: Sankt Jakobus Frankfurt
Rund um die Kirche St. Mauritius in Frankfurt-Schwanheim ist oft viel Trubel. Die Kirche ist eine Familienkirche. Hier haben die Jugendverbände ihr Zuhause. Auf dem Gelände leben Wachteln, die von Familien versorgt werden. Besonders beliebt ist das wöchentliche Spielplatz-Café auf dem Außengelände. Um die 50 Familien tummeln sich auf der Grünfläche um die Kirche. Ein Team von Ehrenamtlichen schenkt Kaffee aus. Dazu gibt es Kuchen zu einem günstigen Preis. Auch viele ältere Menschen aus dem Stadtteil kommen dorthin.
Als die Pfarrei St. Jakobus im Südwesten Frankfurts 2015 gegründet wurde, hat sie sich genau angeschaut, wer auf ihrem Pfarrgebiet wohnt, welche soziale Milieus sie umfasst. Diese unterscheiden sich in Bildung, Einkommen, Lebensstil, Rollenverständnis, Weltanschauung und anderem. Da die Milieus und auch die Kirchengebäude im Südwesten Frankfurts sehr unterschiedlich sind, hat sich die Pfarrei entschieden, den Kirchorten verschiedene Schwerpunkte zuzuordnen. Es gibt nun die „Offene Kirche Mutter vom guten Rat“ in Niederrad, die Erlebniskirche St. Johannes in Goldstein und die Familienkirche in Schwanheim. „Diejenigen, die von ihrer Kirche etwas erwarten und vielleicht enttäuscht wurden, sind es wert, dass wir sie aufspüren und auf sie zugehen“, heißt es dazu im Pastoralkonzept.
Kindermusical und Sandfestival
„In Schwanheim wohnen viele Familien. Hier hat sich eine dörfliche Struktur erhalten. Rund um die Kirche ist viel Platz. Es gibt einen Spielplatz, ein Wiesenlabyrinth und einen biblischen Garten. Da bietet es sich an, hier Angebote für Familien zu machen“, erklärt die Leiterin, Gemeindereferentin Eva Kremer. „Wir verstehen uns als Pfarrgemeinde mit Profil. Hier gibt es das alltägliche Pfarreileben, mit den Sonntagsmessen und den Festen des Kirchenjahres, aber eben auch besondere Angebote für Familien. Hier finden die Familiengottesdienste statt.“
Die Erstkommunionvorbereitung und die Organisation der Messdiener und Messdienerinnen übernimmt sie für die Gesamtpfarrei. Das Angebot „boomt“. Das freut sie. Um die 100 Kinder und Jugendliche engagieren sich derzeit in dem Bereich. In der Familienkirche insgesamt sind um die 80 Ehrenamtliche mehr oder weniger regelmäßig im Einsatz. So finden zum 125-jährigen Kirchenjubiläum zusätzliche Projekte statt: ein Kindermusical, eine Nachtführung oder eine digitale Kirchenführung mit QR-Code. Und nach den Sommerferien gibt es das alljährliche Highlight, das fünftägige Sandfestival, bei dem mehrere Tonnen Sand vor die Kirche geschüttet werden. Mit Spielen und Musik soll wieder eine Urlaubsatmosphäre entstehen. (thb)
Friedenskirche St. Stephan Mainz
Foto: Anja Weiffen
Sie ist auch als Chagall-Kirche bekannt:St. Stephan in Mainz zieht mit ihren blauen Glasfenstern jedes Jahr um die 200 000 Besucher aus aller Welt an. Der Künstler Marc Chagall (1887–1985) schuf die Fenster im hohen Alter und auf Anfrage des damaligen Pfarrers von St. Stephan, Monsignore Klaus Mayer. Chagall war Jude, russischer Herkunft und lebte in Frankreich. Dass er nach dem Holocaust für ein christliches Gotteshaus in Deutschland Glasfenster mit biblischen Motiven gestaltete, darf als etwas Besonderes gelten – als ein Zeichen für Versöhnung und Frieden.
Nicht nur die Fenster von St. Stephan mahnen zum Frieden: Um 990 gründete der heilige Willigis St. Stephan als Stiftskirche. In ihrer Geschichte spielte das Gebet um das Wohl des Landes und damit um den Frieden eine große Rolle. Dies legt auch ein alter Schluss-Stein in der St.-Pankratius-Kapelle im Kreuzgang von St. Stephan nahe. Dessen Inschrift lautet: „Der Friede Gottes sei hier allezeit und allenthalben. Amen.“ Jahrhundertelang beteten die Geistlichen dort für den Frieden. Mit der Aufhebung des Stifts 1803 wurde dieses Gebet der Gemeinde von St. Stephan anvertraut.
Kraft der Vergebung
In Zeiten, in denen Gotteshäuser auf dem Prüfstand stehen, ist von Kirchengemeinden und ihren Kirchorten mehr Profil gefordert. Daher möchte der aktuelle Pfarrgemeinderat (PGR) St. Stephan als Friedenskirche bekannter machen. „St. Stephan bleibt nicht dabei stehen, die Zerstörungen des Krieges zu beklagen und auf dieser Basis zum Frieden zu mahnen“, sagt PGR-Vorsitzender Matthias Schnettger. „Mit ihren Chagall-Fenstern zeigt unsere Kirche vielmehr auch, wie Friede werden kann: durch die Kraft der Vergebung und durch die Besinnung auf gemeinsame Grundlagen.“ Die Friedensbotschaft von St. Stephan sei also eine mutmachende Botschaft. „Eine Botschaft, die den Krieg und all das, was Menschen einander antun können, nicht ausblendet, aber zugleich sagt: Friede ist möglich, selbst gegen alle menschliche Vernunft!“
Geplant ist jetzt, die Geschichte der Kirche und ihre Besonderheit den vielen Besuchern in einer Dauerausstellung zu vermitteln. Dazu läuft bis 30. Mai eine Crowdfunding-Aktion zusammen mit der Volksbank Darmstadt Mainz. Jede Spende, deren Höhe frei wählbar ist, wird seitens der Bank um ein Drittel erhöht. Wird die Summe von 50 000 Euro erreicht, kann die Ausstellung umgesetzt werden. Das digitale Spendensammeln soll auch als ein mögliches Finanzierungsinstrument ausprobiert werden, um St. Stephan dauerhaft erhalten zu können. (wei)
Was sind Themenkirchen?
Gibt man „Themenkirche“ bei der Internet-Suche ein – kommt weit oben ein Eintrag bei Wikipedia. „Als Profilkirche oder auch Themenkirche bezeichnet das Bistum Limburg Kirchen, die einem thematisch eng definierten Zweck dienen.“ Als Beispiele werden dabei Jugendkirchen, Kulturkirchen oder eine Trauerkirche genannt. An anderen Orten gibt es Erlebniskirchen – so kann man in Trüben in Sachsen-Anhalt in einer Osterkirche in die Passion Christi eintauchen, am letzten Abendmahl teilnehmen, das Kreuz tragen, vor dem leeren Grab stehen.
Eine Themenkirche kann also eine bestimmte Zielgruppe wie junge Menschen in den Mittelpunkt stellen, aber sie kann auch einem bestimmten Zweck – etwa Trauer, Meditation, Glaubensvermittlung – dienen. Was diese Kirchen eint, ist, dass sie oft nicht für eine Gemeinde vor Ort gedacht sind – sondern durch ihre Besonderheit Menschen mit einem bestimmten Interesse oder Bedürfnis ansprechen wollen, bestenfalls auch kirchenferne.