Schöpfungsgottesdienst in Bremen
Wer hört das Seufzen der Tiere?
Foto: Gaby Schwab
Seit 2018 ist Brigitte Wohner-Mäurer die erste Vorsitzende des Bremer Tierschutzvereins.
Früher war sie Lehrerin, unterrichtete Geschichte und Englisch. 2008 ging sie in den Ruhestand, doch Ruhe gab es für die Bremerin nicht. „Ich habe sofort angefangen, mich ehrenamtlich beim Tierschutz zu engagieren“, sagt Brigitte Wohner-Mäurer. Sie gab Workshops für Kinder und Jugendliche, um auch sie für das Thema zu begeistern.
Gleichzeitig absolvierte sie noch eine Ausbildung zur Tierschutzberaterin. Gab es irgendwo in Bremen oder Umgebung einen Missstand, also ein Tier, das gefährdet sein könnte, war Brigitte Wohner-Mäurer zur Stelle. Sprach mit den Besitzern der Tiere, ging in den Dialog, gab Tipps oder half, wenn das Tier abgegeben werden musste. Zehn Jahre machte sie das, dann übernahm sie den Vorsitz des Bremer Tierschutzvereins.
„Ich hatte immer eine tiefe Beziehung zu Tieren“, sagt Wohner-Mäurer. Darum erklärte sie sich auch bereit, mitzumachen beim Schöpfungsgottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in der Bremer Propsteikirche St. Johann am 5. September. Das Motto: „Gott, du hilfst Menschen und Tieren.“ Schon im vergangenen Jahr gestaltete Brigitte Wohner-Mäurer einen solchen Gottesdienst mit, sprach am Welttierschutztag in der Kirche über Franz von Assisi. „Wo ist eigentlich die Kirche?“, fragt sie sich schon lange. „Wo ist die Kirche, wenn es um Tierschutz geht?“
Das Thema sei aus dem Blickfeld geraten. Und das, obwohl Tierschutz doch Umweltschutz sei. Sie sagt: „Die Aufgabe der Kirche liegt auch darin, die Schöpfung zu bewahren.“ Außerdem: „Wenn man in der Bibel zurückgeht, haben Tiere eine große Rolle gespielt.“ Vor allem im Alten Testament: So uferte das Schlachten, Essen und Opfern von Tieren unter König Salomo aus. Er „opferte Schafe und Rinder, so viel, dass man sie wegen ihrer Menge nicht zählen noch berechnen konnte“ (1. Könige 8,4). Darum beklagte sich Gott später, wie der Prophet Jesaja berichtet: „Eure Hände sind voller Blut (…) Hört auf Böses zu tun.“ (1, 11-17). Auch Hosea (8, 13) schreibt: „Voller Gier opfern sie und essen das Fleisch. Aber der Herr hat kein Gefallen daran.“ Auch Brigitte Wohner-Mäurer hat kein Gefallen an Fleisch, ebenso wenig wie ihre Kinder, Enkel und ihr Ehemann – der Innensenator Bremens. Sie sagt: „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass das mal eine Option für mich war.“
Tiere haben eine Seele
Im ökumenischen Schöpfungsgottesdienstes am 5. September um 19.15 Uhr will Brigitte Wohner-Mäurer für das Wohl der Tiere sprechen. Gerade kann sie sich noch nicht ganz vorstellen, wie der Gottesdienst aussehen wird, einsteigen will sie jedoch mit dem „Seufzen der Tiere“. Damit verweist sie auf einen Abschnitt des Römerbriefs (8, 18-25) in der Bibel, den der Apostel Paulus geschrieben hat: „Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt (…).“ Wohner-Mäurer will deutlich machen, wie es derzeit um den Tierschutz bestellt ist. Dass Vögel keine Nistplätze mehr finden, Fische im Plastikmeer ersticken, Insekten von der Erde verschwinden – „still und unbemerkt“, wie sie sagt. Wohner-Mäurer will von den Tieren sprechen, wenn sie in Ställen nur noch existieren, doch kaum leben. Welche Rolle die Massentierhaltung auf das Klima hat. Dass Bäume gerodet werden, um Futtermais für diese Tiere anzupflanzen. „Und damit zerstören wir unsere Welt erheblich, treiben die Klimakatastrophe weiter voran.“
Wohner-Mäurer ist nicht tiefgläubig, das gibt sie zu. Aber: Sie wurde katholisch erzogen, getauft, auch die christlichen Werte trage sie in sich. „Ich finde trotzdem, dass die Kirche ihre Berechtigung hat, dass der Grundgedanke wichtig ist – für unser aller Leben“, das müsse stärker transportiert werden. Die Würde des Menschen, sagt sie, könne nur gewahrt werden, wenn auch die „Würde der Tiere“ in die Gleichung aufgenommen werde. Im Schöpfungsgottesdienst wolle man dazu keine Stellung nehmen, so Wohner-Mäurer. „Für mich ist aber klar: Tiere haben eine Seele“, sagt sie, „ganz eindeutig.“ Wenn es keine Tiere mehr gibt, sind auch die Tage der Menschheit gezählt.
Dass die Menschheit in der Schöpfungsgeschichte (Genesis, 1,28) aufgefordert wird, die Erde zu füllen, sie sich zu unterwerfen, zu walten „über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen“ – das interpretiert Wohner-Mäurer nicht als Herrschaftsanspruch, sondern als Aufruf zur Bewahrung der Schöpfung. Um Verantwortung gehe es, nicht um Ausbeutung und Ausrottung von Tier und Umwelt.
Für Wohner-Mäurer steht eins ganz oben auf der Prioritätenliste: Das Wohl der Tiere und dass sie nicht behandelt werden wie Sachen. Zum Glück sei das ja bereits 2002 aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch gestrichen worden: Tiere gelten rechtlich als Lebewesen, nicht mehr als Sache. Dass Tiere ein Recht auf Leben, Achtung und Schutz haben, darum geht es Wohner-Mäurer, dafür zieht sie Franz von Assisi heran. Er, der Schutzpatron der Tiere, nannte sie Brüder und Schwestern. Für ihn seien sie nicht Besitz, sondern Mitgeschöpfe gewesen, sagt Wohner-Mäurer. Schon im ganz Kleinen könne Tierschutz betrieben werden. „Wir müssen das Seufzen der Tiere hören und handeln.“ Zum Beispiel: Lebensräume schaffen, etwa für Bienen. „Das geht auf einem Balkon, aber auch auf der Fensterbank mit heimischen Blumen.“ Auch Nistkästen und Wassertränken helfen. „Das schenkt Vögeln, Insekten und Kleintieren Lebensraum mitten unter uns.“
Wer könne, solle Fleisch aus Massentierhaltung mit dem aus artgerechter Haltung ersetzen. Oder: „Lieber einmal weniger, dafür mit Achtung.“ Letztlich sei auch Darüber-Sprechen ein wichtiges Mittel; oft verhalle das Seufzen der Tiere ungehört. „Weil es uns etwas abverlangen würde: Mitgefühl, Verantwortung, Veränderung.“ Darum wendet die Bremerin sich am 5. September an Gläubige und Kirche, sagt: „Tiere brauchen Menschen, die für sie eintreten.“
Der ökumenische Schöpfungsgottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) findet am Freitag, 5. September, um 19.15 Uhr in der Bremer Propsteikirche St. Johann statt. Das Motto lautet: „Gott, du hilfst Menschen und Tieren.“ Anschließend gibt es einen kleinen Empfang im Franziskussaal.