Exerzitien
Wie einst Mose Gott entdecken
Foto: Matthias Schatz
Schwester Klarissa Watermann von den Dominikanerinnen von Bethanien begleitet auch diesen August die Teilnehmer an Straßenexerzitien.
Was nehmen wir mit? Vor jeder Urlaubsreise quält uns diese Frage. Wir können nicht alles mitnehmen, was wir mitnehmen möchten. Wir suchen das Nötigste zusammen – und eine Stunde später stehen wir vor einem Berg von Klamotten, Sanitärartikeln, Büchern und Badesachen. Wer sich eine Flugreise leisten kann, ist zu Entscheidungen gezwungen. In den Rollkoffer für das Fluggepäck passt nur wenig. Die zweite Ersatzhose, der Föhn und der Partygrill müssen halt zuhause bleiben. Wer mit dem Auto fährt, hat es nicht viel besser. Auch Kofferraum und Dachgepäckträger haben begrenzte Kapazitäten.
Unsere Sorge ist immer: Was wir haben, reicht nicht. Wir haben zu wenig. Dabei ist das Gegenteil richtig. Wir haben zu viel. Wenn einem das klar wird, ist es oft zu spät. Ich war einmal auf einer geführten Hochtour in den Berner Alpen. Einer aus unserer Seilschaft hatte zu viele und zu schwere Sachen in seinem Rucksack. Kurz hinter dem Großen Fiescherhorn, auf 3800 Metern Höhe, konnte er nicht mehr und blieb mitten auf dem Gletscher sitzen. Er musste mit dem Hubschrauber abgeholt werden.
Gelernt habe ich von diesem Erlebnis wenig. Ich habe – außer auf Bergtouren – immer zu viel in den Taschen, zu viel auf dem Schreibtisch, zu viel in der Wohnung. Das Problem ist nicht neu. „Nehmt nichts mit.“ Das hat Jesus seinen Jüngern gesagt, als er sie auf eigene Beine stellen wollte und sie hinaus in die Dörfer schickte. Warum hat er das gesagt? Ist es nicht sinnvoll, ein paar praktische Dinge mehr dabei zu haben? Niemandem zur Last zu fallen, um nichts bitten zu müssen? Gerade darum geht es. Der Weg mit Jesus ist eine Schule des Nehmens und des Annehmens. Wer alles weiß, alles kann, alles hat und nie Hilfe braucht, ist in dieser Reisegesellschaft falsch.
Dass es nicht einfach ist, nichts mitzunehmen, versteht sich. Aber man kann es lernen und sich darin üben. Zum Beispiel im August in Altona. Da lädt Schwester Klarissa zu „Straßenexerzitien“ ein. Also zu Übungen des christlichen Lebens, die hier mal nicht in einem Kloster, sondern zwischen Schanzenstern, Wohlers-park und Holsten stattfinden. Acht Tage lang auf den Straßen laufen und gucken, was passiert. An einem Tag heißt die Devise: Nichts mitnehmen; kein Geld, kein Getränk, kein Butterbrot. Fremde Menschen um einen Schluck Wasser bitten. Schwester Klarissa hat das schon oft gemacht und berichtet etwas Erstaunliches. Es gibt niemanden, der auf der Straße nicht Gott begegnet ist. „Etwas“, sagt sie, „passiert immer.“
Interview mit Klarissa Watermann
Andreas Hüser, langjähriger Redaktionsleiter der Neuen Kirchenzeitung in Hamburg, schrieb diese Zeilen vor gut einem Jahr. Sein plötzlicher und unerwarteter Tod ließ den Text Fragment bleiben. Diesen August gibt es in Hamburg wieder Straßenexerzitien, über die Schwester Klarissa Watermann von den Dominikanerinnen von Bethanien im Folgenden Auskunft gibt.
Schwester Klarissa, anknüpfend an Andreas Hüsers Text: An welches Ereignis bei Straßenexerzitien erinnern Sie sich besonders?
Das war vor vielen Jahren in Nürnberg. Ein Pater aus Afrika mit sehr dunkler Hautfarbe klagte darüber, dass die Menschen vor ihm zurückschreckten, Angst vor ihm hätten. Er könne daher nichts Positives in Nürnberg erleben. An dem Tag, an dem er wie die Jünger ohne Geld unterwegs war, ging er in ein feines Restaurant, weil er Hunger hatte. Er sagte zur Bedienung, er mache Exerzitien und habe kein Geld dabei. Ob er dennoch etwas zu Essen bekommen könne. Die Bedienung fragte ihren Chef und der kam zurück und sagte: „Seien Sie mein Gast.“ Er servierte ihm das feinste Gericht. Den Chef haben wir dann zum Abschlussgottesdienst eingeladen.
Was ist der Sinn von Straßenexerzitien?
Derselbe wie bei anderen Exerzitien auch: Ich übe mich und mein Leben mit Gott ein. Im Unterschied zu anderen Exerzitien sind sie aber für die Teilnehmer kostenfrei. Kern ist die Geschichte von Mose, der eines Tages das Vieh seines Schwiegervaters bis zum Berg Horeb trieb, wo dann ein brennender Dornbusch seine Aufmerksamkeit erregte. Denn der Busch wurde nicht vom Feuer verzehrt. Als sich Mose das näher anschaute, sprach Gott zu ihm aus dem Dornbusch und gab ihm den Auftrag, die Israeliten aus Ägypten zu führen. So entdecken die Exerzitanten wie einst Mose Orte, an denen sie zuvor niemals Gott vermuteten.
Wie sieht der Tag für die Teilnehmer aus?
Morgens frühstücken wir gemeinsam. Dann gibt es einen Impuls. An einem Tag beispielsweise den, kein Geld und kein Mobiltelefon mitzunehmen. Dann schicken die Begleiter die Teilnehmer los, um langsam zu werden. Denn Exerzitien sind auch immer Zeiten der Übung, in denen es gilt, aufmerksam zu werden, die Sinne aufzustellen. Wir schlagen Orte vor, wo man unserer Meinung und Erfahrung nach Gott eher finden kann. Das sind Kirchen, aber auch Krankenhäuser, Gefängnisse, Friedhöfe oder Orte, wo sich viele Obdachlose aufhalten.
Was ist Ihre Erfahrung dabei gewesen?
Irgendwann fängt man auf der Straße an, etwas zu sehen, was einen interessiert. Das kann eine Begegnung mit einem Menschen sein, ein Plakat oder auch nur Hundedreck. Es gibt Ablehnung. Da muss man sich schon was trauen. Ich bin einmal mit Flaschensammlern an Hamburgs Elbstrand bei Ottensen ins Gespräch gekommen und habe dabei wohl etwas nicht so Nettes gesagt. Da entgegnete einer von denen: „Man muss genau hingucken. Es gibt keinen Menschen, in dem nichts Gutes ist.“ Wenn das jemand von der Kanzel in der Kirche sagt, geht das hier rein und da raus. Aber wenn so jemand das sagt, behalte ich es.
Wie sieht der Abend für die Teilnehmer aus?
Man trifft sich zum Gottesdienst und isst zusammen. Erst danach wird mit den Begleitern und den anderen Teilnehmenden über die Erlebnisse gesprochen. Diese Begleitgespräche sind richtig wichtig. Wir versuchen zu erkunden, wo man in den Erlebnissen Gott gefunden hat.
Zur Sache
Die diesjährigen Straßenexerzitien in Hamburg beginnen am Sonntag, 9. August mit einem Abendessen um 18 Uhr und enden am Sonntag, 16. August nach dem Gottesdienst. Die Teilnehmer werden im Gemeindehaus der evangelischen Hauptkirche St. Trinitatis in Hamburg-Altona untergebracht (Kirchenstraße 40). Dort wird auch gemeinsam gekocht, an den Kosten für die Lebensmittel sollte sich jeder beteiligen, eine Spende für Energie etc. der Gemeinde St. Trinitatis ist freiwillig. Isomatten und Schlafsäcke sind mitzubringen. Anmeldung bei Sr. Klarissa Watermann, E-Mail: sr.klarissa@bethanien-op.org, Tel. 040 / 73433689. Überdies finden Straßenexerzitien vom 22. bis 27. September auf Sylt statt, für die die Gemeinde St. Severin in Keitum Unterkunft bietet. Mehr Informationen unter www.strassenexerzitien.de