Andacht mit Rockmusik
Wenn Jesus auf Mark Knopfler trifft
Foto: Privat
Er liegt im Schützengraben, schwer verwundet und weiß, dass er gleich sterben wird. Noch einmal reckt er den Blick in den Himmel über den Falklandinseln, sieht die nebelverhangenen Berge. Er erinnert sich an die Täler seiner Heimat, an die Höfe des Tieflands. In seinen letzten Atemzügen scheint er ein Gebet zu sprechen, seine Gedanken über den Krieg, der ihn das Leben kosten wird, zu bündeln. „Es ist Wahnsinn, dass wir Kriege gegen unsere eigenen Brüder führen“, singt er noch in die kalte Luft, die vom Südatlantik herüberweht. Dann stirbt der Soldat.
Annette Okoniewski und ihr Mann Mathias sind Pilger. „Wir sind regelmäßig auf dem Jakobsweg unterwegs“, sagt die Katholikin aus Großräschen. Als sie vor zwei Jahren vom „Camino“ zurückkamen, blieben ihre Gedanken hängen, am Lied „Brothers in Arms“ – den Titel könnte man mit „Waffenbrüder“ übersetzen – des britischen Rockmusikers Mark Knopfler und seiner Band Dire Straits. Es formuliert die letzten Worte jenes britischen Soldaten, der im Falklandkrieg auf dem Schlachtfeld blieb. „Wir hören Mark Knopfler sehr gerne, aber erst da ist uns aufgefallen, dass das Lied eigentlich ein Gebet ist – ein letzter Aufschrei des Soldaten“, erzählt Annette Okoniewski. Neugierig geworden betrachteten die Okoniewskis auch die Texte anderer Rocklieder. „Ganz viel Altes Testament haben wir da gefunden. Besonders der Gedanke ‚alles hat seine Zeit‘ aus dem Buch Kohelet wird immer wieder thematisiert“, erzählt sie.
Weil Annette Okoniewski, die als Chorleiterin gerne auf traditionelle Kirchenmusik zurückgreift, und ihr Mann ebenso gerne aus alten Wegen austreten, erarbeiteten sie eine musikalische Andacht – „Jesus meets Rock“ – Jesus trifft auf Rockmusik. „Wir haben in Großräschen eine akustisch wirklich grandiose Kirche. Dort haben wir zwei große Boxen aufgestellt und die Lieder abgespielt“, sagt Annette Okoniewski, und man hört dabei noch die Begeisterung in ihrer Stimme, wenn sie an die Andacht zurückdenkt. Die Texte zeigten sie auf einer Leinwand, auch in deutscher Übersetzung. „Dazwischen haben wir geistliche Impulse vorbereitet. Unser Gottesdienstbeauftragter Matthias Harmuth hat eine kleine Predigt gehalten“, sagt Okoniewski.
Unter den knapp hundert Menschen war auch das Ehepaar Nordhoff. „Man liest da von einem Gottesdienst mit Rockmusik und denkt sich: Was macht die denn in der Kirche? Man ist erstmal verdattert“, sagt Heike Nordhoff. Auch ihr Mann Franz war gespannt – und von Anfang an positiv eingestellt. „Wir dachten uns: ‚Das kann nur gut werden.‘ Die Kirche muss mit der Zeit gehen, und so etwas rüttelt die Kirche wach“, sagt der Rentner, der besonders von den Texten angesprochen wurde: „Wenn Joan Osborne fragt, was wäre, wenn Gott einer von uns wäre, dann kommt man darüber ins Nachdenken.“ Die beiden betonen begeistert, dass Menschen verschiedener Generationen – „von Jugendlichen bis über achtzig“ – von der Andacht angesprochen wurden. Sie hörten gemeinsam, wie Sting über Mariä Verkündigung singt, die deutsche Rockband Puhdys über Werden und Vergehen und Norman Greenbaum über das Leben nach dem Tod. Und, wie zum Abschluss natürlich Mark Knopfler die letzten Lidschläge des gefallenen Soldaten auf den Falklandinseln besingt, der den Krieg verurteilt, zum Frieden aufruft.