Ein Vorbild durch die Jahrhunderte

Ein Star mit Dauerleuchtkraft

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Cover eines Sagenbuchs aus dem Jahr 1922
Nachweis

Fotos: Haik Porada

2024 jährt sich zum 900. Mal die erste von zwei Missionsreisen Ottos von Bamberg nach Pommern. Der Bischof hat friedlich missioniert und war dabei äußerst erfolgreich. Noch Jahrhunderte später ist er eine Identifikationsfigur.

Die katholische Familienferienstätte in Zinnowitz ist dem Missionar der Pommern gewidmet und die nordöstlichste katholische Pfarrei Deutschlands in Greifswald trägt seinen Namen. Haik Porada, Professor für Historische Geografie in Leipzig, kann aus dem Stegreif eine Reihe weiterer Gedenkorte aufzählen, die an den heiligen Otto von Bamberg erinnern, darunter auch einige, die nach der Reformation von evangelischen Christen errichtet wurden. Das ist ungewöhnlich bei einem katholischen Heiligen.

Figurengruppe in der Zitadelle Spandau
Diese Reste einer Figurengruppe aus der Siegesallee vor dem Brandenburger Tor mit Markgraf Albrecht dem Bären und den Büsten der Bischöfe Wigger von Brandenburg und Otto von Bamberg sind seit 2016 in einer Dauerausstellung abmontierter Berliner Denkmäler in der Zitadelle Spandau zu sehen.

Für einzigartig hält der aus Vorpommern stammende Wissenschaftler auch, dass die Verehrung des Bamberger Bischofs über den langen Zeitraum von 900 Jahren lebendig blieb und immer wieder von neuem genährt wurde. Im Laufe der Geschichte wurden dabei unterschiedlichste Facetten seiner Persönlichkeit ins Licht gerückt: sein Erfolg, sein diplomatisches Geschick, seine beeindruckende Ausstrahlung, sein Einfühlungsvermögen in die Kultur des slawischen Missionsgebietes, das unter anderem darin zum Ausdruck kam, dass er die Sprache gelernt hatte, bevor er seine Missionsreisen antrat. Man berief sich auf Otto und fand in ihm einen Kristallisationspunkt für die eigene regionale Identität.

„Ohne Otto wären wir nichts“, schrieb Reformator Bugenhagen

Schon im Mittelalter beriefen sich die pommerschen Herzöge auf Otto als Gründungsvater ihres Landes, und das blieb so, bis sie im Jahr 1637 ausstarben. Mit den Missionsreisen des verehrten Bischofs gerieten sie gewissermaßen selbst ins Licht der Geschichte. Während vorher die historische Quellenlage dünn war, boten die Viten Ottos reichlich Stoff. Sich mit diesem erfolgreichen und angesehenen Bischof zu identifizieren, war auch hilfreich, um sich gegegnüber den Brandenburger Markgrafen zu behaupten, von denen die pommerschen Herzöge politisch abhängig waren. Auch das Bistum Cammin, das vom 12. bis zum 17. Jahrhundert im heute polnischen Teil Pommerns existierte, führte sich auf Otto zurück. 
Dass man auch nach der Reformation nicht auf Otto verzichten wollte, hängt nicht zuletzt mit dem Reformator Johannes Bugenhagen zusammen, auf den die evangelischen Christen Pommerns bis heute stolz sind. Der gebürtige Wolliner verfasste die „Pommerania“, eine Chronik Pommerns, und schrieb darin unter anderem: „Ohne Otto wären wir nichts“. 

Briefmarke mit Otto von Bamberg
Otto von Bamberg auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost zum 25-jährigen Bestehen des Bistums Berlin im Jahr 1955.

Die Verehrung zeigte sich insbesondere auch in Feierlichkeiten. Kirchengemeinden feierten 100-Jahrfeiern von Ottos Missionsreisen der Jahre 1124/25 und 1128, später auch 50- und sogar 25-Jahr-Feiern. Im frühen 19. Jahrhundert, nachdem sich die Schweden endgültig aus Pommern zurückgezogen hatten, kamen große Aufführungen zur Blüte. Aus Stettin und Pyritz sind beispielsweise Aufzeichnungen erhalten von musikalischen Mysterienspielen, bei denen mit großem Aufgebot an Statisten die Massentaufen Ottos nachgespielt wurden. Das preußische Königshaus förderte die Feier der großen Ottojubiläen und schmückte sich gern mit dem erfolgreichen Missionar. Ausdruck dieser Haltung war beispielsweise auch, dass Otto Ende des 19. Jahrhunderts in einer Figurengruppe mit Bischof Wigger und Markgraf Albrecht der Bär seinen Platz an der Siegesallee im östlichen Teil des Berliner Tiergartens fand. 
900 Jahre nach der ersten Pommern-Reise Ottos wird vor allem in Polen groß gefeiert. Das Erzbistum Bamberg bietet im Mai eine Pilgerwallfahrt auf Ottos Spuren in Pommern an. Höhepunkt ist am 23. Mai ein Gottesdienst  in der Kathedrale von Stettin (Szczecin), an dem neben dem Erzbischof von Stettin auch der Berliner Erzbischof Heiner Koch teilnehmen wird, zu dessen Bistumsterritorium Vorpommern gehört. 

In Polen wird 2024 groß gefeiert, in Vorpommern erst in vier Jahren

In Vorpommern soll ansonsten erst 2028 größer gefeiert werden. Dann jährt sich die zweite Missionsreise, die für den westlichen Teil Pommerns bedeutsamer ist. Die kürzlich gegründete Arbeitsgruppe „Otto 900“ hat gerade mit den Planungen begonnen. Die katholischen Christen vertritt dort der Projektkoordinator Dr. Gregor Ploch aus Greifswald. 
„Otto kann auch heute noch als Identifikationsfigur dienen“, findet Professor Porada, der selbst evangelischer Christ ist. Er hält eine Landesausstellung über Otto von Bamberg wünschenswert  für Mecklenburg-Vorpommern, das sich mit einer gemeinsamen Identität bisher sehr schwer tue.
Für bemerkenswert an der Gestalt Ottos hält er besonders, dass der seine Mission anders als andere Zeitgenossen friedlich vollzogen hat. Dass die Pommern das Christentum freiwillig übernommen hätten, zeige sich unter anderem daran, dass sie mit der Religion innerhalb kürzester Zeit auch die deutsche Sprache angenommen hätten. Hinter den schnellen Missionserfolgen stecke auch die unsichere Lage, in der sich die Bevölkerung in dem heidnischen, von christlichen Völkern umgebenen Gebiet seit Jahrhunderten befand. 

Buchcover
Ein Sagenbuch aus dem Jahr 1922 ist ein Beispiel dafür, dass der heilige Otto auch für evangelische Christen eine Identifikationsfigur war.

Mit dem Christentum brachte Otto den Pommern Lebensqualität

Da Sklavenhandel bei christlichen Völkern nicht erlaubt war, konzentrierten sich arabische Kaufleute bei der Suche nach jungen Sklavinnen und Sklaven auf das heidnische Gebiet. Bei Überfällen rivalisierender Stämme erbeuteten die jeweiligen Sieger vorwiegend junge Frauen, die sie dann als Harems-Sklavinnen bei den arabischen Kaufleuten gegen Silbermünzen eintauschten. Mit dem Christentum übernahmen die slawischen Ostseeanrainer eine neue Rechtsform und damit Sicherheit und eine höhere Lebensqualität.  
Einzelne Veranstaltungen wird es in Vorpommern bereits in diesem Jahr geben. Den Auftakt des ersten Jubiläumsjahres bildet am 23. Januar um 18 Uhr im Greifswalder Rathaus ein Vortrag des Greifswalder Oberbürgermeisters Stefan Fassbinder über die Missionreisen Ottos. Der Titel lautet  „Vor 900 Jahren: Ein Bischof mit Mission - Otto von Bamberg in Pommern“.

 

Zur Person: Bischof Otto von Bamberg
Otto I. von Bamberg (geboren um 1060; gestorben am 30. Juni 1139)war Bischof des Bistums Bamberg. Während seiner Amtszeit gründete und reformierte er zahlreiche Klöster. Otto gelang die Christianisierung Pommerns: Als der polnische Herzog Bolesław III. Schiefmund 1121/1122 das heidnische, bis dahin unabhängige Pommern unterwarf, hatte er ein Interesse an der Christianisierung des Landes. Die Missionsreise eines aus Spanien stammenden Bischofs Bernhard nach Pommern war erfolglos geblieben. Daraufhin trat Herzog Bolesław an Otto mit der Bitte heran, das Land zu christianisieren. In zwei Missionsreisen, 1124 bis 1125 und 1128, kam Otto nach Pommern. Er taufte zahlreiche Menschen und zerstörte die Tempel der slawischen Götter.
Er wurde 1189 heiliggesprochen. Gemeinsam mit Hedwig von Schlesien ist er Patron des Erzbistums Berlin. (Quelle: Wikipedia)

 

Dorothee Wanzek