Zukunft des Bistums Erfurt

Heute schon an übermorgen denken

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Gespräch von Katholiken und Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr in Bad Salzungen
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Foto: Markus Bien

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Nach einer „Aufwärmphase“ diskutierten die Teilnehmer leidenschaftlich über Stärken und Schwächen der Kirche in ihrem Dekanat. Meist nur stiller Zuhörer, beteiligte sich Bischof Ulrich Neymeyr (links) hin und wieder auch aktiv an den Gesprächen. Im Hintergrund Dechant Christian Bock (rechts, sitzend am Tisch).

Es geht um nichts weniger als die Zukunft der Kirche im Bistum Erfurt: Gemeinsam mit der Leiterin der Hauptabteilung Pastoral, Anne Rademacher, besucht Bischof Ulrich Neymeyr in diesem Jahr jedes Dekanat. Sie laden die Menschen vor Ort zu einem Gesprächsforum ein – diesmal im Dekanat Meiningen.

Anne Rademacher wirkt zufrieden, als sie im Gemeindesaal von St. Andreas in Bad Salzungen die Menschen begrüßt. 50 bis 60 Teilnehmer sind an diesem Freitagabend im Juni zum Dekanatsforum für das Dekanat Meiningen gekommen. Irgendwo zwischen den Leuten sitzt Bischof Ulrich Neymeyr. Er wird heute eher die Rolle eines Zuhörers übernehmen.

Seit dem Frühjahr besucht Rademacher, die Leiterin der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Erfurt, gemeinsam mit einem Mitarbeiter und dem Bischof nach und nach alle Dekanate, um sich mit interessierten Gläubigen auszutauschen, deren Meinungen einzufangen. „Wie und wo erreichen wir die Menschen am besten, um gemeinsam zu diskutieren? Wie bekommen wir den Gedanken der Synodalität ins Bistum“, skizziert Rademacher die Idee. „Pastoraltage haben eine lange Tradition, doch zu einem Diözesanforum 2024 kamen nur wenige Teilnehmer nach Erfurt. Daher beschlossen wir, dorthin zu gehen, wo die Menschen leben – und das geht am besten in den Dekanaten“, sagt sie. In Dingelstädt waren sie bereits, ebenso in Erfurt, Heiligenstadt und Nordhausen.

Der Abend in Bad Salzungen steht unter dem Leitsatz „Mit Bonifatius in die Zukunft“, denn es ist der Gedenktag des Heiligen. „Mein großer Wunsch ist, dass heute alle hier mit Lust, etwas mitzugestalten, wieder nach Hause fahren“, führt Eisenachs Pfarrer und Dechant Christian Bock als Gastgeber ein. Erst mal legen Anne Rademacher und ihr Mitmoderator Johannes Döring mithilfe nüchterner Zahlen und Fakten den Ist-Zustand der Kirche im Bistum dar: 127 349 Katholiken waren es zum 1. Januar 2026, rund dreieinhalb Tausend weniger als ein Jahr zuvor. Gerade die größeren Städte hätten massiv mit Austritten zu kämpfen. Just die kleinste Gemeinde, Neustadt an der Orla, sei die einzige mit einem kleinen Plus von 18 Gläubigen. „Auf diese Entwicklung müssen wir reagieren“, sagt Rademacher. Auf Basis realistischer Berechnungen, wie Rademacher und Döring betonen, würde es 2040 noch 21 Priester, drei Diakone und 34 Gemeindereferenten im Bistum geben.

Johannes Döring umreißt die Ziele des Treffens: „Heute geht es nicht darum, welche Lösungen wir sofort hätten. Wir schauen eher, was sind Stärken, wo liegen Schwächen. Welche Möglichkeiten sehen wir für die Zukunft? Welche Entwicklungen könnten kirchliches Leben zusätzlich gefährden?“

„Müssen wieder lernen, über den Glauben zu reden“

Und dann diskutieren sie – die Engagierten, hier im Gemeindesaal von St. Andreas. Anfangs leise, zurückhaltend, dann vereinzelt mutiger, sprechen sie über Strukturen und Personen, über Einstellungen und Haltungen. Schnell entwickeln sich an den Tischen zum Teil angeregte Debatten in den Kleingruppen. Was besprochen wurde, kommt als Stichpunkt auf große Blätter, auf denen vorbereitete Fragen als Anregung dienen: „Wo wird die Botschaft des Evangeliums sichtbar?“ Antworten: Ökumene, Jugendarbeit, Chor. „Wo verdunkeln wir die Botschaft mit unseren Gewohnheiten?“ Rückzug aus der Gesellschaft, ist hier zu lesen. Oder auch: Kein Impuls für Gottesdienstbesuch am Wochenende.

Zu denken gibt die verschriftlichte Antwort auf die Frage „Was hindert uns an der Verkündigung des Evangeliums?“. Denn dort steht: das Festhalten an der Organisationsform Pfarrei. Rüttelt da jemand bereits an den Grundfesten? „Welche Menschen erreichen wir nicht?“, lautet eine weitere Frage, und sie wird in Bad Salzungen beantwortet mit „Zweifelnde, Suchende, die Jugend“. Und wo kommt Engagement an seine Grenzen? „Aufgabenhäufung“, sagt ein Mann, schnell und deutlich. „Der ‚Dumme‘, der einmal ja sagt, soll plötzlich überall dabei sein.“ Am Nachbartisch wird die Diskussion lebhaft. „Wir müssen wieder lernen, über den Glauben zu reden“, sagt einer. „Eine Einladung zum Fußball auszusprechen ist einfacher, als eine Einladung, zum Gottesdienst zu gehen.“ Und eine Frau ergänzt: „Wir brauchen Mut, unsere Talente einzubringen.“

Gegen Ende wird der Zuhörer dann doch noch zum Impulsgeber: „Ich freue mich, dass Sie die Kirche mitgestalten wollen. Das macht Mut“, dankt Bischof Neymeyr den Anwesenden. „Selbst wenn wir kleiner werden, glaube ich nicht, dass wir bedeutungslos werden.“ Die Kirche bleibe präsent, in Kitas, in Caritas-Einrichtungen oder Beratungsstellen, so der Bischof.

Co-Moderator Döring fasst seine Sicht auf den Abend zusammen: „Ich fand es ehrlich und ermutigend. Die Leute haben unsere Idee aufgegriffen. Wir merken, das Interesse und die Bereitschaft, mitzumachen, ist groß.“

Draußen, vor dem Gemeindesaal, äußert sich beim Gehen eine Teilnehmerin aus Bad Liebenstein kritischer: „Ich bin nicht so zufrieden. Das wissen wir doch alles schon, was wir heute zusammengetragen haben.“ Sie habe noch über so vieles diskutieren wollen, zum Beispiel über die Situation der Frauen, doch sei dies leider alles nicht möglich gewesen, so die Bad Liebensteinerin. Es bleibt eben ein Auftakt.

Markus Bien