Wartungsarbeiten an Kirchturmuhren und Glocken
Läuten, bis es perfekt klingt
Fotos: Markus Bien
Wenn Uwe Nothnagel (links) nach Geisleden kommt, um das Uhrwerk im Turm der katholischen Kirche St. Cosmas und Damian zu warten, freut er sich, mit Alfred Hartung über die Feinheiten des Räderwerks der Uhr fachsimpeln zu können. Der 81-jährige Hartung ist der Uhren- und Glockenbetreuer der Gemeinde und geht dem Experten zur Hand.
An diesem Vormittag im Februar wird der eine oder andere Geisleder verwirrt Richtung Kirche geschaut haben. Warum schlagen jetzt die Glocken? Und warum so durcheinander? Hat die Elektrik den Geist aufgegeben? Spielt jemand an den Schaltern? „Schuld“ am akustischen Durcheinander hatte Uwe Nothnagel. Er ist Mitarbeiter von „Turmuhren und Glocken, Steffen Willing“ aus Gräfenhain bei Ohrdruf. Ein Mal im Jahr kommt jemand von der Firma, um die wertvolle Turmuhr und die Glocken der katholischen Kirche von Geisleden zu warten.
Trotz Sonnenschein ist es kalt im Eichsfeld, minus vier Grad Celsius. Gefühlt herrscht diese Temperatur auch im Inneren des Kirchturms, wo Nothnagel gerade das von einem hölzernen Verschlag umgebene Uhrwerk sorgfältig untersucht. Die Uhr, gebaut von „Fuchs & Sohn, Bernburg“, stammt aus dem Jahr 1924, genau wie die Kirche. Jede Menge bewegliche Teile wie Zahnräder, Wellen, aber auch Leitungen, die Bewegungen zu den Zeigern weitergeben, müssen gereinigt und geölt werden.
Dann klackert es und die Zeiger springen weiter. Die Geisleder Uhr ist ein sogenannter Freischwinger. Das Pendel als Taktgeber schwingt eine halbe Minute frei, bis es wieder einen Impuls erhält, das Räderwerk anzutreiben. „Dadurch läuft die Uhr genauer“, erläutert Nothnagel und ein älterer Herr ihm gegenüber schaut mit Kennerblick auf das Uhrwerk und nickt zustimmend.
Denn hier in Geisleden hat Uwe Nothnagel einen kompetenten und sehr erfahrenen Helfer an seiner Seite: Alfred Hartung, seit den 1980er-Jahren Uhren- und Glockenbetreuer der Gemeinde, die inzwischen zur Pfarrei St. Gerhard in Heiligenstadt gehört. Schon seit vielen Jahren kommt der 81-Jährige etwa alle zwei Wochen in den Turm, um bei Bedarf die Uhrzeit zu korrigieren.
Erneut bewegt sich der große Zeiger und ein einzelner heller Glockenton erklingt. „Dieses Uhrwerk läuft 24 Stunden am Tag“, sagt Nothnagel. Die Viertelstundenglocke ertönt alle 15 Minuten ein- bis viermal, nach 60 Minuten kommt dann noch die Stundenglocke hinzu. „Hier wird nichts abgeschaltet“, sagt Nothnagel, „12 Uhr mittags und um Mitternacht sind das dann 16 Schläge.“ Nein, die Nachbarn störe das nicht, weiß Hartung: „Die sind das gewöhnt.“
Mit einer Leiter steigt Uwe Nothnagel eine halbe Etage höher. Auf schmalen Brettern rutscht er auf Knien zur Innenwand des Turms, reinigt Zeigergetriebe und -leitungen, die zu den Zifferblättern an drei Seiten des Kirchturms führen. Sie sind voller Vogeldreck und Spinnweben. Der 57-Jährige hat eigentlich Schlosser gelernt. Seit nun schon 13 Jahren pflegt, repariert und restauriert er große Uhren-Anlagen und Glocken und liebt diese Tätigkeit, wie er sagt. „Es ist nie die gleiche Arbeit, immer wieder spannend.“
Er steigt weiter hinauf, dahin, wo die vier großen Glocken hängen. Drei sind noch „nagelneu“, wurden erst 2011 geweiht, die vierte stammt nachweislich aus dem 15. Jahrhundert. Nothnagel hockt sich unter die größte Glocke. Ihr Klöppel wurde 2011 von Papst Benedikt bei seinem Eichsfeld-Besuch gesegnet. Doch er ist leicht schief, stellt der Experte fest. „Dann schlägt die Glocke ungleichmäßig und das hört man.“ Er schwingt sich auf das Holzjoch, an dem der Koloss aus Bronze hängt, und beginnt, mit passendem Werkzeug die Ausrichtung der Glocke zu justieren. Weil sich die dicken Schrauben nur schwer bewegen, kommt Nothnagel nach kurzer Zeit ins Schwitzen. Gleichzeitig meint er: „Minusgrade stören mich nicht. Denn im Hochsommer ist die Hitze hier im Turm schlimmer.“
Plötzlich wird es laut. Die größte Glocke beginnt zu schwingen. Kurz zuvor hatte Nothnagel nach unten gerufen: „Alfred, kannst du mal die Eins einschalten?“ Die Lautstärke im Turm ist enorm. Und Uwe Nothnagel hockt in diesem Moment direkt neben der Glocke – natürlich mit Gehörschutz. Auch das gehört zu seinem Job. Justieren, läuten, justieren, läuten – so geht es weiter, bis der Fachmann mit dem Klang aller vier Hauptglocken einverstanden ist. Doch noch fehlen zwei, die kleinen Stundenglocken ganz oben in der nur mit Netzen gesicherten offenen Turmspitze. Nothnagel steigt hinauf, prüft die Schlaghämmer, die Leitungen, ölt hier und da ein wenig – und genießt kurz den Ausblick. Beim Abstieg ruft Hartung von unten: „Und, waren es die Prellfedern?“ „Ja, habe ich nachgestellt“, ruft Nothnagel zurück. Jetzt sei er zufrieden. „Jemanden wie Alfred als kompetente Unterstützung dabeizuhaben, ist schon etwas Besonderes. Er kennt sich aus und hilft mir“, dankt Nothnagel seinem langjährigen Assistenten.
Nach einem letzten Probeläuten aller Glocken und einem abschließenden Blick ins Uhrwerk beendet der Experte seine Arbeit für dieses Jahr in Geisleden. Im Ort kehrt wieder Ruhe ein, das Pendel schwingt gleichmäßig, die Uhr geht genau und die Glocken werden am Sonntag wieder zum Gottesdienst rufen.
„Läuten ist zerstörerisch“
Warum es wichtig ist, Uhren und Glocken immer im fachmännischen Blick zu haben, erläutert Firmenchef Steffen Willing: „Die Geisleder Turmuhr läuft 24 Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche. Es ist eine vollmechanische Uhr, jedes Teil wird bewegt. Der Viertelstundenschlag erklingt rund 88 000 Mal im Jahr. Eine solche Uhr zu warten, ist kein Luxus, sondern eine Pflicht, soll sie erhalten und funktionstüchtig bleiben.“
Bei Glocken sei die jährliche Wartung aus Versicherungsgründen sogar eine Vorschrift, erklärt Willing: „Läuten ist ein zerstörerischer Akt, der Klöppel schlägt mit großer Wucht auf den Glockenkörper, alle Schraub- und Nietverbindungen werden stark beansprucht. Ohne regelmäßige Wartung können schwere Schäden entstehen.“