Roman über zwei Berliner Frauen während der NS-Zeit

Martha und Liane

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Grabstein von Katharina Wassiljeva Berkovitz
Nachweis

Foto: Gunnar Lammert-Türk

Die Journalistin Shelly Kupferberg geht in ihrem neuen Roman der Geschichte von zwei christlichen Frauen aus Berlin während der NS-Zeit nach. Beide stellten sich auf ihre Weise gegen das Naziregime.

Jeder kannte die alte Frau in ihrem Kiez in Berlin-Schöneberg, doch niemand wusste viel über sie. Außer Gerüchten, die zu ihrer Erscheinung nicht so recht passen wollten. Sie, in ihrer abgerissenen Kleidung, mit ihren langen verfilzten Haaren, sollte eine reiche Hauseigentümerin sein? Dem wollte die Journalistin Shelly Kupferberg auf den Grund gehen. Und fand heraus: Martha – so hieß die sonderbare Frau – war tatsächlich einmal Hauseigentümerin. Des Hauses eines Henry Berkowitz, des Vaters von Liane Berkowitz.

Bild von Liane Berkowitz
Liane Berkowitz
Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Shelly Kupferberg merkte auf. Von Liane Berkowitz hatte sie schon gehört. Jener jungen Frau, die mit Gleichgesinnten in Charlottenburg Zettel gegen die NS-Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ an Litfasssäulen, Straßenlaternen, Hauswände und Fensterscheiben geklebt hatte und dafür, noch keine zwanzig Jahre alt, in Plötzensee hingerichtet wurde. In welcher Beziehung Martha zu Liane Berkowitz und ihrer Familie stand, das galt es nun herauszufinden. Bei ihrer Spurensuche kam Kupferberg beiden Frauen nahe, Martha und auch Liane.

Mit Liane Berkowitz hatte sich Pfarrer Michael Maillard vom Ökumenischen Gedenkzentrum Plötzensee „Christen und Widerstand“ schon länger befasst. Die Geschichte der jugendlichen NS-Gegnerin und orthodoxen Christin sah er als besonders geeignet für die Arbeit mit Jugendlichen zum Thema NS-Zeit und Widerstand. Er hatte sich gewünscht: „Es sollte über Liane Berkowitz – außer der wissenschaftlichen Biografie von Professor Tuchel – etwas Belletristisches geben.“ Dieser Wunsch ist nun in Erfüllung gegangen. Shelly Kupferberg hat auf der Basis ihrer Nachforschungen zu Martha einen Roman geschrieben, der auch Liane Berkowitz gewidmet ist.

Martha, so ergaben ihre Recherchen, war Haushälterin und Hausbesorgerin bei der Familie Berkowitz. Sie achtete auf Ordnung, putzte die Treppen, trieb die Miete ein. Um seine Tochter und seine russische Frau Katharina – die 1923 aus der Sowjetunion geflohen war – zu schützen, ließ sich der Jude Henry Berkowitz 1939 scheiden. Er entkam nach London und bat Martha, ihm die Mieteinnahmen zu schicken. Das tat sie, solange es möglich war – in der NS-Zeit durchaus eine riskante Hilfe.

Sie kümmerte sich aber auch um die zurückgebliebene Frau und ihre Tochter Liane. Nach deren Verhaftung brachte sie ihr Lebensmittel und Bücher ins Gefängnis und tröstete ihre gebrochene Mutter. Selbst kinderlos, hatte sie Liane möglicherweise als eine Art Ersatzkind ins Herz geschlossen. Wie stark sie sich ihr verbunden fühlte, belegt, dass sie auf ihrem Hausaltar ein Foto von Liane Berkowitz mit schwarzer Trauerschärpe stehen hatte.

Martha kam aus einfachen Arbeiterverhältnissen. Sie lebte in der vorrangig von Arbeitern und kleinen Angestellten bewohnten Gegend auf der sogenannten „Roten Insel“, die ihren Namen von der politischen Gesinnung der Mehrzahl ihrer Bewohner ableitete. Martha aber gehörte zu den zwanzig Prozent Katholiken hier. Ihre Gemeinde war St. Elisabeth in der Berliner Kolonnenstraße. Ihre religiöse Prägung mag für ihr Mitgefühl und für ihren mutigen Beistand für Liane Berkowitz und ihre Mutter eine Rolle gespielt haben.

Liane brachte 19-jährig am 12. April 1943 im Frauengefängnis in der Barnimstraße in Berlin-Friedrichshain ihre Tochter Irina zur Welt. Der Vater, ihr Freund Friedrich Rehmer, sah das Kind nie. Einen Monat nach seiner Geburt wurde er als Mitglied der von den Nationalsozialisten so bezeichneten „Roten Kapelle“ hingerichtet.

GrabsteinLiane fand in ihrer Not eine Stütze im orthodoxen Glauben, den ihr ihre Mutter vermittelt hatte. Davon zeugen die Briefe, die sie aus der Haft an sie schrieb. Darin spricht sie von Gebeten für ihre Tochter und ihre Mutter und bat diese, für sie zu beten. Ein großer Trost war ihr eine Ikone, die ihre Mutter Katharina ihr schickte. In ihrem Abschiedsbrief, kurz vor ihrer Hinrichtung am 5. August 1943 geschrieben, versichert sie: „Ich glaube an Gott, an das ewige Leben und daran, dass wir uns wiedersehen werden. Ich werde im Jenseits für Dich und für Iratschka beten und euch beschützen. Ich bin ruhig und gefaßt und fürchte mich nicht vor dem Tod.“

In diesen letzten Worten verschweigt sie das eigene Leid, die schreckliche Lage zwischen dem neuen Leben der kleinen Tochter und dem Warten auf ihren Tod. „In ihr wächst das Leben und mit jedem Tag wird ihr eigenes kürzer“, bemerkt Shelly Kupferberg dazu. „Stunden wie Tage“ hat sie in Anspielung darauf ihr Buch genannt.

Dessen Hauptperson freilich Martha ist. Die sorgte nach dem Krieg dafür, daß Lianes Mutter eine Entschädigung erhielt. Kurz vor ihrem Tod vermachte Martha ihrer Kirchengemeinde St. Elisabeth mehrere 100 000 Mark. Sie war also tatsächlich begütert. Und sie war Hauseigentümerin. Henry Berkowitz hatte ihr sein Haus zu einem sehr geringen Preis verkauft. Sie überschrieb es später der Jüdischen Gemeinde.

Das Gerücht, das über sie umgegangen war, Martha habe sich das Haus durch eine Liaison mit einem hohen Nazi erschlafen, stellte sich als üble Nachrede heraus. Mit ihrem Buch hat Shelly Kupferberg Martha rehabilitiert. Und ihr und Liane Berkowitz ein Denkmal gesetzt.

Gunnar Lammert-Türk

Shelly Kupferberg: Stunden wie Tage; Diogenes Verlag; ISBN 978-3-257-07348-5; 25 Euro – Das Buch ist bei Vivat (Bestellnummer 2770230) erhältlich.