Migration aus christlicher Sicht

„Es geht um Menschen!“

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Porträtfoto von Jesuitenpater Fabian Retschke (links) und Markus Lang
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Foto: Michael Burkner

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Pater Fabian Retschke (links) ist Jesuit, Pfarrvikar in Berlin und beim Jesuitenflüchtlingsdienst tätig. Markus Lang ist Katholik, promovierter Jurist und vertrat als Diplomat die Bundesrepublik Deutschland in Österreich, Singapur, der Türkei, Kanada und Laos.

Das Thema Migration beschäftigt Bevölkerung und Politik in Deutschland. Im Interview ordnen Pater Fabian Retschke vom Jesuitenflüchtlingsdienst und der promovierte Jurist und ehemalige Diplomat Markus Lang die jüngsten Entwicklungen ein. Sie blicken auf ihre Auslandserfahrungen und darauf, was die Bibel zu Flucht sagt.

Deutschland treibt die „Migrationswende“ voran: 2025 gab es halb so viele Erstanträge auf Asyl wie 2024 und etwa 20% mehr Abschiebungen, wie das Bundesinnenministerium mitteilte. Herr Pater Retschke, Sie arbeiten beim Jesuitenflüchtlingsdienst, der Flüchtlinge unter anderem zu Asylverfahren, Härtefällen, Kirchenasyl und Abschiebehaft berät. Was sind Ihre Gedanken zu diesen Zahlen?

Retschke: Das ist eine nachvollziehbare Darstellung des Bundesinnenministeriums, das öffentlich kommunizieren will: Wir haben das Migrationsgeschehen unter Kontrolle. Die Zahlen können aber nicht alle kausal auf das Wirken dieses Innenministeriums zurückgeführt werden, das erst seit Mai 2025 im Amt ist. Die Asylanträge gingen auch schon davor zurück und das hat verschiedene Gründe. Die veränderte politische Situation in Syrien ist ein wichtiger Faktor. Gleichzeitig kommen aus Ländern wie Russland und der Ukraine wieder mehr Menschen. Wenn wir uns langfristig Migrationsbewegungen anschauen, bleiben die Zahlen relativ stabil. Weil wir medial aber auf recht kurzfristige Ereignisse reagieren, erscheinen solche Spitzen dramatisch.

Merken Sie die kurzfristigen Veränderungen in Ihrer alltäglichen Arbeit mit Flüchtlingen?

Retschke: Wir merken noch nicht, dass weniger Menschen zu uns kommen, sondern eher, dass die Verunsicherung größer wird. Die Behörden wirken auch auf uns immer restriktiver. Sie agieren natürlich nach Vorgaben und Verordnungen, haben aber auch Ermessensspielräume. Die Stimmung in der Gesellschaft spiegelt sich auch im behördlichen Handeln wider. Das sorgt für Verunsicherung. In der Härtefallkommission wird heute manchmal anders entschieden, als vor zehn Jahren.

Herr Lang, Sie sind Jurist, waren über drei Jahrzehnte als Diplomat im internationalen Kontakt mit anderen Ländern. Wie schauen Sie auf die „Migrationswende“?

Lang: Ich teile die Einschätzung von Pater Retschke, dass es hier verschiedene Entwicklungen gibt. Mir ist wichtig, dass das Thema Migration nicht so negativ gesehen wird. Migration hat es in der Vergangenheit gegeben, gibt es in der Gegenwart und wird es auch in der Zukunft geben. Sie ist Teil eines sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Wandels. Deswegen gibt es auch die Zyklen, die hoch und runter gehen können. Momentan ist die Wirtschaft bei uns in schwierigem Fahrwasser. Migration ist einem Wandel unterworfen, aber auch ein Ausdruck dafür, dass wir in Europa eine lange Phase von wirtschaftlicher Stabilität hatten. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Menschen zu uns kommen, in erster Linie, um zu arbeiten, zu studieren und einen Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten. Aber ich finde es nachvollziehbar, dass ein Staat für sich in Anspruch nimmt, Migration zu steuern.

Eine Maßnahme zur Steuerung sind Grenzkontrollen, auch im Schengenraum. Wie blicken Sie darauf?

Lang: Diese Grenzkontrollen können nur eine zeitlich begrenzte Notmaßnahme sein. Je länger sie dauern, desto mehr müssen sie hinterfragt werden, weil sie dem Prinzip der freien Mobilität innerhalb des Schengenraums widersprechen. Man muss sehr aufpassen, dieses Instrument nicht überzustrapazieren. Es ist schwer nachzuverfolgen, inwieweit verstärkte Grenzkontrollen dazu führen, dass Asylzahlen zurückgehen. Die Erfahrung zeigt, dass Personen immer wieder Mittel und Wege finden, Grenzkontrollen zu umgehen. Schlepper und Schleuser sehen darin leider ein Geschäft. Die Kontrollen sind ein zweischneidiges Schwert, das man mit Augenmaß einsetzen sollte.

Pater Retschke, Sie unternehmen Gesprächsreisen, um mit der Bevölkerung über Migration ins Gespräch zu kommen. Hören Sie dabei auch das angesprochene Bedürfnis nach Kontrolle?

Retschke: Die Menschen möchten den Staat handlungsfähig erleben. Dass er die Hoheit über seine Grenzen verliert, kann sich niemand wünschen. Es ist ihnen ein Anliegen, dass wir unsere Standards mit Ordnung, Sicherheit, Bildung und Arbeit halten können. Niemand möchte in einem Land leben, in dem man ständig das Gefühl hat, dass es nur noch bergab geht. Vor Ort führen ganz konkrete Situationen zu Problemen, wenn beispielsweise Schulkinder nicht zum Unterricht erscheinen, weil die Eltern selbst kein Deutsch sprechen. Es entstehen reale Probleme, weil Ebenen überfordert werden. Aus der katholischen Soziallehre kennen wir das Prinzip der Subsidiarität: Wenn eine Ebene überfordert ist, müssen ihr die übergeordneten Ebenen zur Hilfe kommen. Wenn das nicht geschieht, man sich alleine fühlt und dann auch noch die Schuld auf die Schwächsten in dieser Kette geschoben wird, wird es problematisch. Es gibt politische Akteure, die das ausnutzen.

Herr Lang, erleben Sie in Ihrem persönlichen Umfeld ähnliche Perspektiven?

Lang: Ja, es gibt sehr gelungene Beispiele von Migration: Eine Lehrerin berichtete mir neulich von zwei jungen Syrern, die sich hervorragend integriert haben und sehr gute Leistungen erbringen. Auf der anderen Seite leitet eine Freundin eine Berufsschule und berichtet, dass es auf dem Schulhof zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendgruppen mit Migrationshintergrund käme. Des Öfteren muss auch die Polizei gerufen werden. Die Medien gehen oftmals sehr stark auf diese negativen Beispiele ein. Die Einzelfälle sind sehr traurig und schwerwiegend. Andererseits sind sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund in Berufen tätig, die nicht so attraktiv bezahlt sind, und tragen dazu bei, dass unser System funktioniert.

Retschke: Auch die, die skeptisch auf Migrationsbewegungen blicken, erkennen an, dass unser Gesundheitssystem ohne Migration zusammenbrechen würde. Unsere Gesellschaft legt traditionell einen hohen Wert auf Arbeit und die Menschen fordern das, sie sagen: ‚Es kann doch nicht sein, dass Flüchtlinge hierher kommen und über Jahre nur Sozialleistungen beziehen und nicht arbeiten.‘ Dann muss man erklären, dass die Geflüchteten nicht faul sind, sondern dass ihnen der Arbeitsmarktzugang erschwert wird, etwa durch bürokratische Hürden. Gleichzeitig muss man fairerweise sagen, dass nicht nur Menschen kommen, die man sofort in unseren Arbeitsmarkt integrieren kann.

Worum geht es in den Gesprächen noch?

Retschke: Um Sprache: Viele fordern, dass alle, die zu uns kommen, Deutsch lernen. Das fällt nicht jedem leicht, manche haben schon Schwierigkeiten mit dem Alphabet. Deswegen versuchen wir hier auch beim Jesuitenflüchtlingsdienst, dass sie niedrigschwellig und kostenlos mit Einheimischen ins Sprechen kommen können.
Das andere Reizthema ist Kriminalität. Durch die mediale Berichterstattung entsteht ein Bild, dass es mit Kultur und Herkunftsland zu tun hat, ob jemand kriminell wird. Das kann die Kriminalforschung so nicht belegen. Es hängt damit zusammen, wie gesichert oder prekär eine Lebenssituation ist. Wer in einer Krise steckt oder perspektivlos ist, steht mehr in der Gefahr, kriminell zu werden. Segregation ist die Mutter aller Probleme, das heißt, dass Stadtteile mehrheitlich von einer Bevölkerungsgruppe bewohnt werden. Diese können dann zu Armutsfallen werden. Das ist zum großen Teil ein hausgemachtes Problem. Kriminalität liegt nicht an den Herkunftsländern, sondern daran, wie Integration gelingt oder eben nicht gelingt.

Herr Lang, Sie waren Diplomat in verschiedenen Einwanderungsländern, zuletzt in Kanada. Wie blickt die Bevölkerung dort auf Migration?

Lang: Kanada ist ein klassisches Einwanderungsland, so wie die USA oder Australien. Da gehört Einwanderung einfach zum Alltag. Was sich geändert hat, ist die Herkunft der Einwanderer. Während die Menschen früher aus Irland, Italien und Deutschland nach Amerika kamen, kommen sie jetzt vermehrt aus Asien, insbesondere in Westkanada. Die Länder sind Einwanderung gewohnt, weil sie – abgesehen von der indigenen Bevölkerung, die heute leider eine untergeordnete Rolle spielt – nur durch Einwanderung entstanden sind. In Kanada gibt es durchaus dieses Bewusstsein, dass man hier eingewandert ist.
Auch dort spielen wirtschaftliche Entwicklungen eine große Rolle und es gibt Stimmen, die Einwanderung zurückzudrängen wollen. Wenn es auf den heimischen Arbeitsmärkten Probleme gibt, ist die Bereitschaft, Zuwanderer von außen aufzunehmen, geringer. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind ähnlich, aber das Grundverständnis von klassischen Einwanderungsländern und den kontinentaleuropäischen Ländern ist doch recht unterschiedlich.

Pater Retschke, Sie waren lange in Kolumbien, wo rund drei Millionen Menschen aus Venezuela leben. Wie sehen die Kolumbianer auf diesen Zuzug aus dem Nachbarland?

Retschke: Venezuela ist der Nachbarstaat, hat die gleiche Sprache und ist kulturell ähnlich. Dennoch gibt es fremdenfeindliche Tendenzen. Wenn jemand ausgeraubt wird – was in Bogotá sehr häufig passiert – sagen manche reflexartig: Das müssen Venezolaner gewesen sein. Insgesamt ist der kolumbianische Staat sehr gut damit umgegangen, hat sehr großzügig aufgenommen. Die Menschen sind einigermaßen integriert, natürlich in einen Arbeitsmarkt, der ganz andere Startbedingungen hat, als der unsere. Es gibt viel nicht-reguläre Beschäftigung, es ist alles ist ein bisschen improvisierter und „kreativer“.

Sind gewisse Vorbehalte Menschen von außen gegenüber zutiefst menschlich?

Retschke: Dinge und Menschen, die uns fremd sind, erzeugen erstmal Stresshormone – rein physiologisch. Das kann Angst machen und durch die Diskurse zusätzlich verschärft werden. Dinge sind also in uns angelegt, aber sie werden durch unsere Kultur stark geformt.

Lang: Ich glaube, es ist wirklich wichtig, dass Menschen, die hier leben, mit denen, die zu uns gekommen sind, in Kontakt treten. Ich habe eine Reihe von Freunden, die aus anderen Ländern gekommen sind, und so weiß ich, wie sehr man Migration schätzen kann. Je mehr diese Kontakte gefördert werden, desto mehr können Vorbehalte abgebaut werden.

Retschke: Mit der Umsetzung des gemeinsamen europäischen Asylsystems legt Deutschland immer mehr Wert auf Abschottung, auf die Unterbringung in zentralen Unterkünften – das behindert genau diese Kontakte. Die Isolation und die Gewahrsamspolitik zur Steuerung der Migration trägt nicht dazu bei, dass mehr Verständnis zwischen Menschen verschiedener Herkunft entsteht.

Spielt die Bevölkerung in den politischen Überlegungen allgemein eine zu geringe Rolle?

Retschke: Herr Lang hat schon gesagt, dass der zentrale Motor für Migration wirtschaftliche Entwicklungen sind, von denen die profitieren, die hier einen Arbeitsplatz und dadurch einen besseren Lebensstandard erhalten. Aber es profitieren auch die Unternehmen, die diese Arbeitskräfte brauchen. Die Arbeitskräfte leben aber oft nicht in der Nachbarschaft derer, die die Unternehmen führen. Wir müssen die Bevölkerung, die Kontakt mit Menschen aus anderen Ländern haben, fragen, was sie beschäftigt und besorgt. Und wir müssen – wie schon gesagt – Segregation verhindern.

Lang: Ich würde noch hinzufügen, dass das Migrationsthema nicht isoliert betrachtet werden sollte, sondern verknüpft mit Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik und Lohnpolitik. Es ist generell wichtig, dass Arbeit im Sozialsektor besser bezahlt wird, weil durch den Lohn Wertschätzung zum Ausdruck kommt. Migration spielt auch bei der Frage nach dem Renteneintrittsalter eine Rolle. Zuwanderung wird unsere demografischen Probleme nicht lösen, aber abschwächen, vor allem in Arbeitsbereichen, die schwieriger zu besetzen sind. Es gibt viele Beispiele einer guten Integration. Es gibt aber auch Bereiche, auf die wir stärker achten müssen. Segregation ist übrigens nicht nur ein deutsches Problem. Aber auch natürlich Kriminalität. Sprache und Ausbildung sind essenziell, um auch die zweite Generation mitzunehmen, die es oft schwerer hat – gerade, wenn es Bildungsdefizite gibt.

Auch in der Bibel finden wir viel Flucht und Vertreibung, zum Beispiel die Flucht nach Ägypten: Eltern, die fliehen, um das Leben ihres Kindes zu retten. Herr Lang, Sie sind Katholik und dreifacher Vater. Beeinflussen solche Bibelstellen Ihren Blick auf Migration?

Lang: Ja, natürlich, berührt mich das sehr stark und das sollte unser praktisches Leben auch beeinflussen. Genau darum geht es: Was heißt der Glauben für mich in meinem Leben und wie kann ich dazu beitragen, dass der Glaube die Realität verändert? Es sind eben Menschen mit all ihren Bedürfnissen, die zu uns kommen, und nicht nur Arbeiter oder Maschinen. Das sollte unseren Umgang prägen.

Pater Retschke, erleben Sie, dass Gläubige mit Blick auf Migration von der Bibel ähnlich geprägt sind, wie Herr Lang?

Retschke: Die Bibel als Referenz ist für manche durchaus relevant, für andere nicht so sehr. In der öffentlichen Debatte besitzt die Bibel keine moralische Autorität. Aber für unsere Arbeit im Jesuitenflüchtlingsdienst bildet sie eine Inspiration. Wir haben die heilige Familie als Patron und sie prägt meine Sicht auf den Menschen als Familienmenschen. Ich kann ihn nicht getrennt von seiner Familie betrachten. Einen Vater unzumutbar lang von seinen Kindern zu trennen, ist unchristlich. In der heiligen Familie finde ich sehr viel Inspiration, weiter für diese Familien zu kämpfen.

Kurz gesagt: Wie sieht dann für Sie christlich und biblisch fundierte Migrationspolitik aus?

Retschke: Für mich sind Grundstandards unserer christlichen Sozialethik wichtig: Die Person anzuschauen, auf den Einzelfall zu schauen, die Rechte des Individuums zu sehen und diese nicht nur dem Kollektiv unterzuordnen. Dazu gehören auch die Subsidiarität, also Menschen dazu befähigen, selbstständig zu sein, die Solidarität mit allen, die dazu gezwungen sind, hierher zu kommen, was sicher auch Grenzen hat. Das sind entscheidende Grundlinien. Wie man die in Gesetzen ausbuchstabiert, das sind Detailfragen, für die man viele verschiedene Dinge in Betracht ziehen muss.

Herr Lang, wie würden Sie christlich fundierte Migrationspolitik umreißen?

Lang: Ich denke, Humanität ist ganz wichtig, auch auf dem Boden unseres Grundgesetzes, Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das ist ein zentraler Satz, ebenso die Menschlichkeit – natürlich im Rahmen der Gesetze. Weil diese aber nicht immer für Einzelfallgerechtigkeit sorgen können, gibt es Instrumente wie die Härtefallkommission oder den Dialog zwischen Kirchen und Behörden. Das sollte man nutzen, immer unter dem Aspekt: Es geht um Menschen. Dann hat man auch den christlichen Gedanken berücksichtigt.

Michael Burkner