Vietnamesische Organistin in Forst

Eine neue Heimat an der Orgel

Image
To Na an der Orgel in der Kirche von Forst
Nachweis

Fotos: Michael Burkner


In der Gemeinde von Forst spielt seit ein paar Monaten eine junge Vietnamesin die Orgel. Wie To Na aus Südostasien in die Lausitz kam und dort ein Instrument kennenlernte, von dem es in ihrem Heimatland nur wenige gibt.

Als Anna im September 2024 nach Deutschland kam, sah sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Orgel. „In meiner Heimat gibt es nur wenige Orgeln in sehr großen Kirchen“, erklärt die 21-jährige Vietnamesin, die eigentlich To Na heißt, in Deutschland aber lieber bei ihrem Taufnamen Anna genannt wird. Sie sitzt auf der Empore der kleinen katholischen Kirche in Forst, nur wenige hundert Meter von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Den beigen Rollkragen hat sie bis knapp unters Kinn gezogen. Kalt ist es hier im Winter, obwohl die tiefstehende Nachmittagssonne freundlich durch die neugotischen Fenster scheint. Und auch sonst ist im äußersten Osten Deutschlands vieles anders als in ihrer tropischen Heimat in Südostasien.

Sich mutig in die Gemeinde einbringen

Anna wuchs im Zentralvietnam in einer katholischen Familie auf, die vom Verkauf von Bambusbetten lebte. In ihrem kleinen Heimatdorf sind rund fünfzehn Prozent der Bevölkerung katholisch – eine Minderheit und trotzdem etwa doppelt so viele wie im landesweiten Durchschnitt. Der sonntägliche Kirchgang sei für sie und die rund hundert Gläubigen der Dorfgemeinde selbstverständlich gewesen – „wie eine Pflicht“ – sagt sie und es klingt nicht so, als würde sie dies negativ meinen. Sehr wohl kritisch sieht sie aber, dass es in der ländlichen Region wenige Aktivitäten für junge Menschen und vor allem kaum Arbeit gebe. Nachdem Anna die Schule abgeschlossen hatte, wollte sie ins Ausland gehen, nach Deutschland, wie viele andere im Dorf auch. „Meine Eltern haben es erst nicht erlaubt. Aber ich habe gesagt: ‚Was soll ich im Vietnam machen?‘ Ich wollte eine Ausbildung in Deutschland machen und Neuland entdecken“, blickt Anna zurück. Sie konnte ihre Eltern überzeugen, machte einen Deutschkurs und zog im Herbst 2024 schließlich nach Forst. Im benachbarten Cottbus begann sie in einer speziellen Klasse mit 20 anderen Vietnamesen ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau. „Es ist eine sichere Arbeit, die ich langfristig machen kann“, sagt sie. Die Lausitzstadt habe sie als Ausbildungsort bewusst gewählt. „So schön ruhig“ sei es da, in einer Großstadt wolle sie nicht leben.

To Na an der OrgelEiner der ersten Wege in ihrer neuen Heimat führte sie und ihre vietnamesische Mitbewohnerin in die katholische Kirche von Forst. „Die Menschen waren sehr freundlich und haben uns gleich begrüßt“, erinnert sich Anna. Am Anfang habe sie nicht alles im Gottesdienst verstanden. „Aber der Ablauf ist ja zum Glück überall gleich.“ Seitdem gehe sie jeden Sonntag in den Gottesdienst und habe bald festgestellt, dass die Orgel nicht selten stumm blieb. Anna, die in ihrem Leben mutig und auch etwas forsch neue Herausforderungen zu suchen scheint, bot an, den Gottesdienst am Klavier zu begleiten. Das Instrument hatte sie im Vietnam von ihrem Dorfpfarrer gelernt, als sie sich mit acht Jahren auf die Erstkommunion vorbereitete. „Ich wollte mich in der Gemeinde einbringen und Teil der Gemeinschaft sein“, sagt sie. Zunächst spielte sie ein Lied pro Gottesdienst, nach und nach wurden es immer mehr. Später zeigte ihr eine ehrenamtliche Organistin die Orgel und erklärte ihr die Register. Inzwischen begleitet Anna regelmäßig Gottesdienste auf dem Instrument, das sie nur wenige Monate zuvor noch nie gesehen hatte. „Der Klang ist sehr gut und die unterschiedlichen Stimmen sind toll“, erklärt sie begeistert und zeigt, welche Register sie für die Gemeindebegleitung wählt und welche sich gut für ein ruhiges Kommunionlied eignen. „Besonders gut gefallen mir die verschiedenen Glorias. Im Vietnam gibt es nur ein Gloria, das immer gesungen wird“, sagt sie. Ans Pedal traue sie sich aber noch nicht.

Gegen das Heimweh beten

Natürlich vermisse sie ihre Familie und ihre etwa 17 Flugstunden entfernte Heimat, die sie seit über einem Jahr nicht gesehen hat, sagt Anna, die in ihrer Freizeit gerne Fahrrad fährt und eine Leidenschaft für psychologische Bücher und Actionfilme hat. „Am Anfang war ich schon sehr traurig. Aber ich kann jeden Tag mit meiner Familie telefonieren. Dann habe ich nicht so viel Heimweh“, sagt sie. Ihr Glaube sei ihr fern der Heimat noch wichtiger geworden. „Ich bete jeden Abend, wenn ich traurig bin manchmal auch sehr lange. Wenn man im Stress Gott um Hilfe bitten kann, stärkt das die Psyche“, sagt sie und ist sich sicher: „Ich glaube an einen Gott, der mir immer hilft!“

Auch der Kontakt zu ihren vietnamesischen Mitschülern ist ihr wichtig. „Mit ihnen kann ich in meiner Sprache sprechen und manchmal auch Party machen“, sagt sie und grinst. Gemeinsam entdecken sie in Deutschland viel Neues. „Am Anfang war ich neugierig und habe mich gefragt: ‚Warum essen Deutsche immer nur Brot und keinen Reis?‘ Aber inzwischen esse ich zumindest zum Frühstück auch Brot“, sagt Anna und kommt dann gleich auf eine weitere kulinarische Entdeckung zu sprechen: Döner. „Den mag ich sehr gerne, aber er ist mir immer zu groß. Ich schaffe keinen ganzen“, erzählt sie lachend. Im Advent haben ihr die Weihnachtsmärkte besonders gut gefallen. Auch an die kalten Temperaturen habe sie sich in ihrem zweiten Winter in Deutschland inzwischen gewöhnt, und daran, dass in Deutschland anders als im Vietnam das Leben eher im Privaten und weniger auf der Straße stattfindet.

Und auch die Kirchengemeinde in Forst kann von Annas Kontakt mit anderen Gläubigen aus Vietnam profitieren. Seit drei Monaten spielt eine weitere Kollegin aus der Pflegefachschule regelmäßig an der Orgel. Die beiden jungen Frauen erfüllen in Forst das Gotteshaus mit einer Musik, die sie in ihrer fernen Heimat noch gar nicht kannten.

Michael Burkner