Religionspolitik in Sachsen-Anhalt

Den Glauben an Gott respektieren

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Porträt von Daniel Bethke
Nachweis

Foto: kna/Karin Wollschläger


Der Anteil der Christen in Sachsen-Anhalt ist klein – die Religionspolitik des Landes kam den Kirchen bisher dennoch wohlwollend entgegen. Mathias Bethke, Leiter des Katholischen Büros, erklärt, wieso.

Herr Bethke, Sie schreiben in Ihrer Dissertation über die Religionspolitik in Sachsen-Anhalt von 1990 bis 2021, dass es ein „wohlwollendes, unkompliziertes, konfliktarmes Miteinander zwischen Politik und Religionsgemeinschaften“ gebe. Was genau meinen Sie damit?

Das bedeutete vor allem, dass religionspolitische Themen kaum polarisiert haben oder politisiert wurden – obwohl wir mit der ehemaligen PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus), der heutigen Linken, ja schon immer eine Gruppe im Landtag hatten, die zum Beispiel strikt für die Trennung von Kirche und Staat eintritt. Religion war ein Nischenthema. Deshalb regten religionspolitische Entscheidungen kaum auf, sie „triggerten“ nicht. In Sachsen-Anhalt ist etwa der 6. Januar ein staatlich anerkannter Feiertag. Der Religionsunterricht ist hier in der Verfassung verankert und das Land zahlt bundesweit die höchsten „Pro-Kopf-Staatsleistungen“ an die Kirchen.

Sachsen-Anhalt hat bundesweit die wenigsten Christen. Wie kommt es, dass dennoch viele Politiker sich immer noch mit einem „so wahr mir Gott helfe“ vereidigen lassen?

In Landtag und Landesregierung sind in der Tat überproportional viele Christen vertreten. Nach der Wende gingen viele Leute aus kirchlichen Gremien in die Politik. Die ostdeutschen Christen beherrschten die freie Rede und waren vertraut mit demokratischen Verfahren, sagte man damals. Das war das Eintrittsticket in die Politik. Aus Westdeutschland kamen zudem Politiker, die ihre konfessionelle Prägung natürlich mitbrachten. Und vielleicht engagieren sich auch deshalb so viele Christen, weil sie im Evangelium den Auftrag erhalten: Geht hinaus in alle Welt!

In der Landesverfassung taucht der Gottesbezug auf. Wieso ist das besonders?

Nach der Wende mussten sich die ostdeutschen Bundesländer neue Landesverfassungen geben. Den Gottesbezug gibt es aber nur in Thüringen und Sachsen-Anhalt. In der Präambel steht, dass Sachsen-Anhalt sich die Verfassung „in Achtung der Verantwortung vor Gott und im Bewusstsein der Verantwortung vor den Menschen“ gibt. Das bedeutet, dass der Glaube an Gott respektiert und ernst genommen wird – auch von denen, die nicht glauben.
Andere Bundesländer haben den Gottesbezug teils mit Argumenten aus der Kirche nicht in ihrer Präambel. Mit der Wende hatten viele Menschen Angst, dass der Staat die Kirche vereinnahmen würde – die ja vorher ‚staatsfrei‘ war. Auch in Sachsen-Anhalt gab es kirchliche Stimmen, die sich gegen den Gottesbezug in der Präambel ausgesprochen hatten.

Sie nennen die Religionspolitik in Sachsen-Anhalt in Ihrer Dissertation „spezifisch ostdeutsch“. Wieso?

Bei den Diskussionen um religionspolitische Belange im Landtag haben die Beteiligten immer wieder den Blick zurück auf die DDR in Gänze geworfen. Die spezifischen kirchlichen Erinnerungen an Repression oder die Wende spielten da nur sekundär eine Rolle. Die tendenziell religionsfreundlichen Entscheidungen basierten auf den allgemeineren Erinnerungen an die DDR. Dahinter steckte eine Distanzierung vom Staats-Atheismus in der DDR und der Wille, den Kirchen gesellschaftliches Wirken zu ermöglichen.

Denken Sie, dass die Kirchen durch eine „christliche Schlagseite“ in der Politik Sachsen-Anhalts übervorteilt werden und andere Gruppen zu kurz kommen?

Ich finde nicht, dass es eine christliche Schlagseite gibt. Eher war die Landespolitik bestrebt, gleichberechtigt nach allen Seiten zu agieren. Zudem richtet sich kirchliches Wirken ja – das unterscheidet es von anderen Akteuren – immer an „alle Menschen guten Willens“. Ich wüsste nicht, wem daraus ein Nachteil entstehen sollte.

Wie blicken Sie angesichts der Landtagswahlen im September auf die religionspolitische Zukunft Sachsen-Anhalts?

Mit bangem Blick! Das entspannte Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Sachsen-Anhalt hat 2016 mit dem Landtagseinzug der AfD einen enormen Einschnitt erfahren. Deren mögliche Regierungsübernahme oder -beteiligung muss Christen beängstigen. Seit die AfD damals in den Landtag eingezogen ist, hat sie die Kirchen attackiert und religionspolitische Fragen lautstark und vor allem polemisch diskutiert. Für die AfD sind die Kirchen nämlich „vom Teufel geschickt“, eine „zutiefst gottferne Institution“, „gottlos“ und Schlimmeres, wie sie regelmäßig in Pressemitteilungen verlautbaren ließ. Ja, sie rief sogar öffentlich zum Kirchenaustritt auf! Ich hoffe, dass viele Gläubige realisieren, dass die AfD keine Alternative für Christen sein kann.

Was würden Sie persönlich sich für die katholische Kirche im Bistum Magdeburg in Zukunft von der Politik wünschen?

Verlässlichkeit, offene Ohren und Türen und ein Grundverständnis für unsere Kirche als weltweite Glaubensorganisation mit unterschiedlichen Prägungen und Geschwindigkeiten. Die religionspolitischen Fußstapfen unseres langjährigen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff sind groß. Ich hoffe auf eine beständige „religiöse Musikalität“ in der Landespolitik, von der ja wiederum nicht nur wir Katholiken profitieren.

Johanna Marin
Zur Person

Der Politikwissenschaftler Mathias Bethke (*1984) ist seit Sommer 2025 Leiter des Katholischen Büros Sachsen-Anhalt. Seine Promotion zum Thema „‚Das kann man als Atheist gelassen sehen.‘ Religionspolitik in Sachsen-Anhalt 1990–2021“ wurde im Herder-Verlag veröffentlicht: kurzlinks.de/bethke