Spaziergang über den Katholikentag Erfurt

„Ich suche hier Hoffnung und Futter für den Glauben“

Gesprächsbank Katholikentag

Foto: kna/Harald Oppitz

Viele Besucher nutzten den Katholikentag für die persönliche Begegnung und Austausch.

Wer kommt heutzutage zu solchen Großveranstaltungen? Hat der vielbeschworene Austausch zwischen ost- und westdeutschen Christen wirklich stattgefunden? Unsere Berliner Autorin ist beim Katholikentag neugierig durch Erfurt geschlendert.

Musiker auf der Bühne
Bild: kna/Julia Steinbrecht
Immer wieder war auf dem Katholikentag Musik zu hören 
– in unterschiedlichsten Facetten.

Volksfeststimmung herrscht auf dem Erfurter Domplatz. Himmel und Menschen. Auf der Bühne rockt eine Band. Junge Leute beginnen im Kreis zu tanzen. Etwas abseits steht ein älterer Herr und schaut dem Treiben zu. Eine Jugendliche geht auf ihn zu, reicht ihm die Hand und holt ihn hinein in den Kreis. Der Mann wirkt überfordert, lässt es aber geschehen. Die jungen Leute lassen sich auf ihn ein, tanzen langsamer. Als er den Kreis wieder verlässt, sagt er kein Wort. Doch auf seinem Gesicht liegt ein scheues Lächeln.

An der Severi-Kirche sitzt eine braungebrannte Mittvierzigerin. Urlaub oder Schrebergarten, denke ich. Neben ihr ist noch Platz, ich setze mich dazu. Sie blättert etwas ratlos im Programmheft. „Suchen Sie was Bestimmtes“, frage ich. „Ja, Futter für meinen Glauben.“ Sie sei in der Uckermark zuhause, erzählt sie, dass sie als Landwirtin im Landesbauernverband aktiv sei und mit ihrem Traktor bei den Protesten dabei war. „Politische Diskussionen sind wichtig, klar, aber hier will ich mir Hoffnung holen.“

Der Herr neben ihr bietet uns erstmal „Glückskekse“ an. Auf der Verpackung steht „Du bist das Jetzt Gottes“. Er komme aus Hamburg, stellt er sich vor, und dass er sie verstehen könne. Ob er denn eine Idee habe fürs Frieden schaffen? Er schmunzelt: „Wie wär’s mit Beten?“ Die Bäuerin aus Prenzlau nickt: „Verraten Sie mir auch, wie Sie beten? Ich hab da so meine Probleme.“ Ein Ost-West-Glaubensgespräch beginnt.

Kaffee und Frieden

Tanzen am Katholikentag
Bild: kna/Julia Steinbrecht
Auf dem Erfurter Katholikentag wurde eine Menge getanzt.

Am Anger läuft mir eine junge Frau mit zwei Kaffeebechern und dem Handy in den Händen über den Weg. Wenn das mal gut geht, denke ich, und frage, ob ich ihr einen Becher abnehmen soll, bevor der Kaffee das T-Shirt verziert. „Das ist voll lieb.“ Wir gehen ein Stück gemeinsam und landen beim Thema Frieden. „Da bin ich bin total der Meinung des Papstes. Es ist immer besser zu verhandeln, sich für den Frieden stark zu machen als sich für den Krieg zu, ertüchtigen‘.“

Sie berichtet von einem Mann, der 1992 aus Görlitz in ihre Gemeinde im Sauerland gekommen war. In der DDR hätte er bei den „Spatensoldaten“ der NVA gedient. Damals wäre klar gewesen: Ein Christ verweigert den Kriegsdienst mit der Waffe. „Er hat sogar in Kauf genommen, dass er deswegen nicht studieren durfte. Für mich ist er ein Mensch des Friedens.“

Inzwischen haben wir ihre Freundin erreicht, die mit zwei Stück Huckelkuchen auf den Kaffee wartet. Der Kuchen sei so „huckelig“ wie die Landschaft, hat sie von der Verkäuferin gelernt. Später wollen sie einen Gottesdienst besuchen, den der Erfurter Malteser Hilfsdienst mit vorbereitet hat. „Wir sind bei den Maltesern und wollen neue Kameraden kennenlernen.“

Inspirationen für Ehrenamtliche

Am Thüringer-Rostbratwurst-Stand stehen zwei Frauen vor mir in der Schlange. Eine ist aus Potsdam, die andere aus Berlin. Die Lehrerin aus Kreuzberg erhofft sich Impulse für die Beheimatung von Kindern in der Gemeinde und fürs Ehrenamt. Ihre Bekannte nickt: „Viele klagen, dass die Seelsorge den Bach runtergeht.“ Die Hauptamtlichen seien am Limit. Und Ehrenamtliche, die versuchen, „den Laden irgendwie zusammenzuhalten“, fühlten sich überfordert. „Ich brauche einfach neuen Schwung, deshalb bin ich hier.“ Auf der Kirchenmeile, einer Mischung aus Markt der Möglichkeiten und Ideenbörse, habe sie schon einiges gefunden, das sie „abkupfern“ wolle.

Für die Informatikerin aus Potsdam sind Katholikentage so was wie Familientreffen: „Eben hab ich ein Ehepaar aus Freiburg getroffen, das ich vor 20 Jahren im Urlaub kennengelernt hatte. Die sind jetzt mit ihren Enkeln hier.“

Am Stand der Erzbistums Berlin unter dem augenzwinkernden Motto „Bei Gott ist es nie zu Späti“ steht ein Mann mit kurzen Rasta-Locken, die ihm lustig vom Kopf abstehen. Der Jura-Student aus Augsburg wartet auf seine Partnerin, die Erfurt erkundet. „G‘hört auch amal dazu“, sagt er im gemütlichen Schwäbisch. Beide waren noch nie im Osten der Republik.

Wen er hier treffen wolle, frage ich ihn. „Den Soziologen Hartmut Rosa und den Linken-Politiker Bodo Ramelow“. Und warum? „Weil die ihre Überzeugung sachlich begründen und eine Vision von Zukunft suchen, auf die es sich lohnt, zuzugehen.“ Kleiner Schluck aus der Club-Mate-Flasche, dann „und die politisch Andersdenkende nicht moralisch herabwürdigen“.

Gute Streitkultur erleben

Das Moralisieren in der Politik führe dazu, „dass es eine angeblich politisch-moralisch richtige Meinung gibt und wer die nicht teilt, ganz schnell als schlechter Mensch dasteht“. Bei Gesprächen, die er etwa am Stand der Katholischen Militärseelsorge oder bei Pax Christi hatte, habe er eine gute Streitkultur erlebt: „Da wurde einander zugehört und sachlich diskutiert.“

Ministerpräsident Ramelow
Foto: epd/Paul-Phillip Braun 
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow war ein begehrter Gast auf dem Katholikentag. Für die einen als Sprecher, für andere als Fotomotiv.

Ministerpräsident Ramelow wolle er treffen „weil der für die Aufnahme eines Waffenlieferverbots ins Grundgesetz wirbt, also dass aus Deutschland keine Waffen exportiert werden. Nirgendwohin. Utopisch, sollte aber hier, wo es um die biblische Friedensvision geht, thematisiert werden“.

Ich erzähle von einem Leipziger Studenten, den der Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ auf dem Parka in den 1980ern fast ins Gefängnis gebracht hätte. „Krass“, sagt angehende Jurist, „der war ungefähr so alt wie ich?“ – „Mmh.“ – Wir schweigen. Es ist ein gutes Schweigen.

Auf dem Fischmarkt sitzt ein junger Mann auf dem Asphalt. „Ich helfe“ steht auf seinem grünen Halstuch. Und müde sieht er aus. „Bin ich, hab ne Schicht hinter mir“, sagt er. „Aber macht ja auch Spaß. Ihr seid echt super drauf, sogar wenn’s in Strömen gießt.“

Perfekt vorbereitet auf Regenwetter ist die „Familien-Oase“ im Ursulinenkloster. Kinder können basteln, spielen, toben und Mama (oder Papa) in der Hängematte entspannen. Eine Familie aus Husum genießt die Oasenzeit. „In Friesland sind nur wenige katholisch“, erzählt der Vater. In Erfurt mit Tausenden zusammen Eucharistie zu feiern und „unbefangen über meinen Glauben und meine Kirche reden zu können, das gibt mir Kraft“.

„Wir brauchen euch“

Ein Tag geht zu Ende. Im Bus sieht der Mann neben mir meinen Katholikentags-Schal und legt los: „In der ‚Sächsischen Zeitung‘ stand, dass bei uns 30 Millionen Menschen von der Hand in den Mund leben. Weil die nix auf der hohen Kante haben. Wer dann richtig krank wird oder arbeitslos, der ist am A…“ Dass die Katholiken auch über die Armut der Deutschen reden, finde er gut.

„Ich bin gelernter DDR-Bürger“, erklärt er mir, heißt: nicht kirchlich sozialisiert. Seine Frau wäre aber in einem katholischen Pflegeheim betreut worden: „Das Personal war immer aufmerksam, richtig lieb zu meiner Gundi. Also macht weiter so. Wir brauchen euch.“ 

Auch das Thema Krieg gehe ihm nahe: „Wenn ich mir vorstelle, dass meine Enkel vielleicht in den nächsten Krieg ziehen müssen…“, sagt er leise. Und dann: „Sie glauben doch an Gott. Beten Sie, dass der das verhüten möge.“ Ich verspreche es ihm.

Juliane Bittner