Jubiläum der katholischen Kirche in Burg
Hartnäckigkeit zahlt sich aus
„Tja, die Burger waren früher schon so stur“, tuschelt eine Frau hinter vorgehaltener Hand. Ihre Nachbarin kichert. Die beiden hören einem Vortrag von Torsten Müller im Pfarrsaal der Kirche St. Johannes der Täufer in Burg bei Magdeburg zu, denn: Das Kirchengebäude wurde dieses Jahr 120 Jahre alt. Die Pfarrei ist älter; sie entstand, weil die Katholiken im Burg des 19. Jahrhunderts den Schneid hatten, sich persönlich zum König durchzudrängeln.
Das Christentum verbreitete sich vor rund 800 Jahren in Burg, sagt Torsten Müller. Der Historiker und Theologe hat sich durch die Chronik der Pfarrei gewühlt. Mit der Reformation wurde die Gegend protestantisch. Nachdem 1763 der siebenjährige Krieg zwischen Preußen, Sachsen und Österreich endete, zogen jedoch katholische Handelsleute, Tuchmacher und andere Handwerker in die Gegend. Beim König baten sie darum, er möge ihnen einen katholischen Geistlichen schicken. „Der lehnte ab“, erzählt Torsten Müller, „aber Weihnachten 1814, sagt man, reisten die Burger nach Berlin und haben ihre Bitte persönlich durch das Fenster in die Kutsche des Königs gereicht.“ Den Glauben nur im stillen Kämmerlein zu leben, habe ihnen nicht gereicht. Ihre Hartnäckigkeit wurde belohnt: Der König stimmte zu und 1815 wurde die Pfarrei Burg gegründet – in einer Gegend, die zu 95 Prozent protestantisch war.
Doch die nächste Hürde wartete. 1871 kam es zum Kulturkampf zwischen Kaiser Wilhelm I., Oberhaupt der deutschen evangelischen Kirche, Reichskanzler Otto von Bismarck und dem Papst. „Bismarck fürchtete, der Papst könne in Deutschland mitmischen“, erklärt Müller. Der Staat stellte finanzielle Leistungen an katholische Pfarreien ein. Das hielt den Pfarrer von Burg jedoch nicht davon ab, zu bleiben: Die Gemeinde sammelte Spenden, bezahlte ihn in Naturalien. „Sie ernährten ihn“, sagt Müller.
1899 musste die 60 Jahre zuvor errichtete Notkirche der Pfarrei, mit Balken abgestützt und einsturzgefährdet, von der Polizei geschlossen werden. Darauf folgte die neugotische Pfarrkirche, St. Johannes der Täufer, die 1906 gesegnet und 1908 geweiht wurde, gebaut von Architekt Arnold Güldenpfennig, der 83 weitere deutsche Kirchen gestaltete.
Doch die Pfarrei unterlag weiteren Repressionen: Die Nationalsozialisten lösten sämtliche katholischen Vereine – wichtige Stützen katholischen Lebens – auf. „Hitler wollte selbst Kirche sein“, sagt Torsten Müller. „Aber“, hakt er ein, „die Burger entwickelten eine gewisse Resistenz gegen den Nationalsozialismus.“ Die Jugend hielt Glaubensfeierstunden, die Pfarrei errichtete ein symbolisches Soldatengrab in der Kirche.
Auf den Nationalsozialismus folgte die DDR. „Und Burg lag mittendrin“, sagt Torsten Müller. Doch diese Zeit, in der der Staat den Kirchen das Leben schwer machte, brachte auch Gutes: „Es gab einen Zuwachs an Katholiken durch Vertriebene“, sagt Müller. Daran kann sich auch Gemeindemitglied Werner Hottenrott erinnern, der Müllers Vortrag zuhört. „1945 war die Hälfte meiner Mitschüler zugezogen“, erinnert er sich. „Wir waren ungefähr 40 Jugendliche in der Jugendgruppe“, sagt er. Ein enges Verhältnis sei das gewesen: „Daraus entstanden viele Ehepaare und dann hatten wir hier Familienkreise. Das war ein sehr gutes Kirchenleben.“
Die Gemeinde in Burg scheint widerstandserprobt – gegründet auf einer Hartnäckigkeit, die sich noch heute zum Beispiel in politischem Engagement widerspiegelt… und in tuschelnden Gemeindemitgliedern im Pfarrsaal.