40 Jahre Ökumenische Telefonseelsorge in Dresden
Da sein, zuhören, Mut machen
Foto: Jens Daniel Schubert
Eckart König im Büro von Ruth S..
Wir treffen uns in der Geschäftsstelle der Diakonie in Dresden. Wo die 75 Mitarbeiter, um die es geht, arbeiten – wie sie heißen, ist geheim. Anonymität heißt das Zauberwort. Es ist der erste Grundsatz der Telefonseelsorge. Dazu gehören Verschwiegenheit und Erreichbarkeit, Kompetenz und Offenheit sowie Gebührenfreiheit. Die rüstige Rentnerin, die seit mehr als zehn Jahren hier ehrenamtlich arbeitet, gibt mir bereitwillig Auskunft. Auf dem gestellten Foto soll ihr Gesicht jedoch nicht zu erkennen sein.
Am Anfang war das etwas anders. Da hat Hartmut Kirschner, Arzt am Diakonissenkrankenhaus, während des Evangelischen Kirchentags 1983 seine persönliche Telefonnummer zu Verfügung gestellt und per Aushang Kontaktaufnahme zum Gespräch angeboten. So erzählt es Eckart König. Er gehörte zur ersten Riege Ehrenamtlicher, leitete nach der Friedlichen Revolution die Telefonseelsorge in Dresden und steht nun dem Förderverein vor.
Am 2. Januar 1986 war der erste Ausbildungskurs für Ehrenamtliche in Dresden abgeschlossen und in den Büros der Diakonie, unter dem Dach der evangelischen Kirche, begann die Ökumenische Telefonseelsorge zu arbeiten. Wer weiß, wie wenige private Telefonanschlüsse es damals in der DDR gab und wie gerne die Stasi bei Telefonaten vermutlich mitgehört hat, wird sich vielleicht darüber wundern. Aber trotzdem war das Angebot, anonym zu telefonieren, jemandem sein Herz auszuschütten, Zuhören, Zuwendung und vielleicht sogar Rat zu erfahren, von Anfang an rege nachgefragt.
„Mich rief einmal ein junger Mann an“, sagt die Ehrenamtlich Ruth S., deren wirklichen Namen wir nicht nennen sollen, „er stand auf dem Bahnhof und war im Begriff, zu seiner Mutter zu fahren. Er war drogenabhängig und hatte gerade erfahren, dass er nicht mehr lange leben würde. Ich konnte ihm praktisch nicht helfen, das Gespräch war auch sehr kurz, vielleicht fünf Minuten, dann kam der Zug. Aber ich konnte ihm zuhören, und, so sagte er es, das hat ihm geholfen.“ „Die Problemsituationen haben sich geändert“, ergänzt Eckart König, „aber der Bedarf nach Zuwendung, nach verschwiegenem, vertraulichem Angehört werden, ist geblieben“.
Seelsorge aber keine Missionsgespräche
Gespräche der Telefonseelsorge sind keine Missionsgespräche. Glaubensfragen werden nur thematisiert, wenn sie der Anrufer einbringt. „Mich trägt mein Glaube“, sagt Ruth S., „das sage ich auch. Aber nur, wenn ich danach gefragt werde.“ „Seelsorge wird von vielen jungen Menschen überhaupt nicht religiös gesehen“, ergänzt Eckart König, „jeder Mensch braucht psychologische, seelische Zuwendung“.
Heute ist die Ökumenische Telefonseelsorge technisch ganz anders ausgestattet. Pfarrer Thomas Slesazeck, Geschäftsführer der Diakonie Dresden, erläutert die Rahmenbedingungen. Die Diakonie ist der Träger im Auftrag von evangelischer Landeskirche Sachsen und katholischem Bistum Dresden-Meißen. Sie stellt die hauptamtlichen Koordinatoren, organisiert die Ausbildung und die Begleitung der Ehrenamtlichen, etwa durch regelmäßige Treffen und Supervision. Es gibt eine bundesweit einheitliche, kostenfreie Rufnummer, die Möglichkeit des Chats und Mailkontakts. In den Dienstplan auf der internen Website tragen sich die Ehrenamtlichen ein, um dann im geheimen Büro die Anfragen entgegen zu nehmen. Rund 10 000 Anrufe kommen im Jahr, 60 Prozent davon sind Seelsorgegespräche, 25 Prozent Test- oder Scherzanrufe, etwa 15 Prozent der Anrufer schweigen oder legen sofort wieder auf.
„Wir bekommen die Herkunft der Anrufe angezeigt, natürlich nicht die Nummer. Aber so wissen wir, ob der Anrufer aus Dresden oder vielleicht aus dem Umland kommt. Das sind oftmals völlig unterschiedliche Ausgangssituationen“, meint Ruth S.. „In Ausnahmefällen, bei besonders hohem Anrufaufkommen in einer Region, kann die Zentrale auch mal einen Anruf in eine entferntere Region umleiten. Das ist eine Ausnahme, aber so wird gewährleistet, dass jeder Anrufer schnell einen Seelsorger findet.“ Dadurch haben auch die eingesetzten Ehrenamtlichen eine Chance, zwischen den Anrufen das Erfahrene zu verarbeiten.
Die Finanzierung der Telefonseelsorge erfolgt über staatliche, kommunale und kirchliche Zuwendungen sowie über Spenden. Dafür gibt es den Förderverein. Der wurde vor 25 Jahren gegründet. Seitdem engagiert er sich insbesondere für Ausbildung und Supervision der Ehrenamtlichen.
Das 40-jährige Jubiläum der Ökumenischen Telefonseelsorge wird im März gefeiert. Nicht nur intern, sondern auch mit einem Festvortrag in Kooperation mit der Katholischen Akademie. Eckart König betont: „Öffentlichkeitsarbeit für ein Angebot, das im Verborgenen und anonym stattfindet, ist besonders wichtig.“ Ausgebildete Ehrenamtliche verpflichten sich zu drei Jahren, die meisten bleiben länger, im Schnitt acht bis zehn Jahre. „Wir lernen aus jedem Telefonat, nehmen auch für uns etwas mit“, beschreibt Ruth S. einen Mehrwert für die Ehrenamtlichen. Sie ermutigt andere, sich in den Dienst nehmen zu lassen. Die regelmäßigen Treffen der Ehrenamtlichen, mit den jedes Jahr zehn bis 15 Neuen und den Erfahrenen, begründen eine gute Gemeinschaft. „Und wenn man spürt, einem Anrufer geholfen zu haben, ist das eine Freude, die bleibt und weiterträgt.“