Demokratie-Dinner vor Kommunalwahlen

Appetit auf lebendigen Austausch

Image
Demokratie Dinner
Nachweis

Foto: Haus Ohrbeck

Caption

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Demokratie-Dinners in Haus Ohrbeck haben nicht nur das Essen, sondern auch die Gespräche genossen.

Im September steht die Kommunalwahl in Niedersachsen an – ein wichtiger Bestandteil der lokalen Demokratie. Dann wird darüber abgestimmt, wie unser Alltag vor Ort gestaltet wird – in den Städten, Gemeinden und Landkreisen. Das geht auch uns Christen etwas an. Mit einem Demokratie-Dinner wollte Haus Ohrbeck Appetit machen auf einen lebendigen Austausch. Fragen an Hausleiterin Franziska Birke-Bugiel.

Politik am Esstisch: Hatten Sie keine Sorge, dass das eskaliert?

Überhaupt nicht. Klar, bei einer Hochzeitsgesellschaft zum Beispiel würde ich keine politischen Gespräche anfangen. Aber hier haben wir Menschen, die sich von unserem Format angesprochen fühlen und Lust auf einen Austausch haben. Im schlimmsten Fall, sollte sich jemand diskriminierend oder menschenverachtend äußern, würden wir von unserem Hausrecht Gebrauch machen. Aber das ist zum Glück noch nicht vorgekommen. 

Wie ist die Idee entstanden?

Wir haben das Demokratie-Dinner im vergangenen Jahr ins Leben gerufen. Als ein „Raum für Demokratie“ der Bundeszentrale für politische Bildung waren wir vor der Bundestagswahl aufgerufen, Menschen ins Gespräch zu bringen. Also haben wir überlegt, was wir in Haus Ohrbeck gut können: Bildung und schmackhaftes Essen. Beides haben wir miteinander verknüpft.

Offensichtlich so erfolgreich, dass es jetzt eine Neuauflage gab.

Genau. Mit dem ersten Dinner haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir hatten Fragekarten für die Tische vorbereitet, außerdem musikalische Impulse. Alle, die dabei waren, haben gesagt: „Sowas müsst ihr öfter machen.“ Jetzt stehen die Kommunalwahlen stehen vor der Tür – Anlass für ein weiteres Demokratie-Dinner. Wir haben nur den Fokus etwas anders gesetzt.

Wie sah der aus?

Unter dem Motto „Vor Ort Verantwortung übernehmen“, haben wir verschiedene gesellschaftliche Akteure angesprochen. Zum Beispiel zwei junge Männer, die in Holzhausen eine neue Physiotherapiepraxis eröffnet haben. Mit der Impulsfrage: Was hat euch Mut gemacht, das zu tun? Wir haben auch die „Omas gegen Rechts“ eingeladen und Vertreter des Jugendparlaments. Es sollte deutlich werden: Wir brauchen Menschen, die vor Ort Verantwortung übernehmen, auch losgelöst von Parteipolitik. 

Birke Bugiel
Franziska Birke-Bugiel leitet das Bildungshaus Ohrbeck in Holzhausen bei Osnabrück. Foto: Anja Sabel

Warum ist ein solcher Austausch wichtig?

Noch vor zehn Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich mal sagen werde: „Leute, lasst uns wieder zu vernünftigen Gesprächsformen kommen.“ Das war für mich selbstverständlich. Heute tun sich oft sofort Gräben auf, man hört sich nicht mehr zu, hinterfragt nicht mehr seine eigene Meinung. Das müssen wir wieder einüben. Wir haben eine Demokratie, die wir gemeinsam gestalten dürfen, und dafür braucht es einen Austausch. Wir ermutigen, die eigene soziale Blase zu verlassen und andere Leute kennenzulernen, sich eine eigene Meinung zu bilden – nicht als Abgrenzung, sondern gespeist aus vielen Perspektiven. Wie kann das gelingen? Indem ich zum Beispiel mit dem Nachtisch nicht zum eigenen Platz zurückgehe, sondern mich an einen anderen Tisch setze. Das hat gut funktioniert. 

Gehören auch populistische Themen, wie sie die AfD verbreitet, an den Esstisch? 

Wenn die Teilnehmer darüber diskutieren wollen, warum nicht. Die Gesprächsführung an den einzelnen Tischen bewertet selbst, welche Äußerungen noch in das Spektrum demokratischer Auseinandersetzung gehört. Falls es hier Unklarheiten gibt, stehen wir als Moderatorinnen zur Verfügung.

Wie können solche Gespräche auch am heimischen Tisch gelingen, ohne den Familienfrieden zu gefährden?

Es ist schwer, das zu verallgemeinern. Ich denke an meinen Sohn, 16 Jahre alt, der bei der Kommunalwahl zum ersten Mal wählen darf. Er hat sich die verschiedenen Plakate angeschaut; eine Person kennt er, die anderen nicht. Am Abendbrottisch hat er uns gefragt: „Wie entscheide ich denn, wen ich wähle?“ Ich finde, wenn Familien ohnehin eine gute Gesprächsbasis haben und auch ein Forum für politische Gespräche bieten, ist das wichtig und hilfreich. Wir wollen ja, dass alle gut begründet ihre Wahl treffen. 

Demokratie Dinner
Das Demokratie-Dinner kurz vor den Kommunalwahlen in Niedersachsen war ein Erfolg. Foto: Haus Ohrbeck

Und das Demokratie-Dinner macht auch Lust aufs Wählen?

Es ist erstaunlich, wie wenige Menschen auf dieser Welt in funktionierenden Demokratien leben. Oft schätzen wir Demokratie zu wenig. Sie ist nicht selbstverständlich, sondern ein Gut, für das wir uns einsetzen müssen. Und sie funktioniert nur, wenn die Menschen sich beteiligen. Das Mindeste ist, zur Wahl zu gehen. Und: Auch Streit tut der Demokratie gut.

Inwiefern?

Es gibt zum Beispiel die „Georgsmarienhütter Gespräche“, bei denen wir als Bildungsakteur vertreten sind. Im vergangenen Jahr waren Streitförderer eingeladen unter dem Motto „Streiten, aber richtig“. Der Rathaussaal war voller Menschen – ein beeindruckender Abend. Streit, der eskaliert, hat natürlich negative Folgen, dasselbe gilt allerdings auch für vermiedenen Streit. Wir müssen Streiten im besten Sinne wieder lernen. Konstruktiver Streit trägt in einer Demokratie dazu bei, dass keine Meinungen und Ansichten überhört oder ausgeschlossen werden. 

Warum gehört Politik auch in ein christliches Bildungshaus?

Wir sind Teil der Zivilgesellschaft – eine Schnittstelle von Kirche und Gesellschaft. Manchmal kommen Tagungsteilnehmer zu uns, die der Amtskirche kritisch gegenüberstehen – und stellen dann erstaunt fest: „Mit euch kann man ja reden.“ Wir geben Menschen Raum. Dazu gehört, dass wir uns auch mit gesellschaftspolitischen Fragen auseinandersetzen.

Anja Sabel