Leipziger Katholiken, die sich bewusst für die Kirche entscheiden

„Austreten ist keine Lösung“

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Leipziger Katholiken fragen: „Was können wir aus der Austrittswelle aus der Kirche lernen?“ Beim Winterseminar in der Propstei berichteten vier Menschen, die sich bewusst für die Kirche entscheiden – aus vielfältigen Gründen.

Harald Langenfeld
Barbara Meesmann
Peter Schützel
Fotos: Ruth Weinhold-Hesse

Auch beim zweiten Abend war das Interesse am diesjährigen Winterseminar des Dekanats Leipzig und des Leibniz Forums groß. Propst Gregor Giele sagte zu Beginn: „Heute scheint innerhalb der Gesellschaft der Verbleib in der Kirche ungewöhnlicher als der Austritt.“ Den Referenten war gemeinsam, dass sie über ihre Kirche intensiv nachdenken.
Harald Langenfeld, Sparkassendirektor in Leipzig, war Vorsitzender des Trägervereins des Katholikentags Leipzig und ist Mitglied in der Vollversammlung des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK). Kirche sei für ihn „Heimat für Heilige und Sünder“, gebe „Halt und Zuversicht“ und: „In Christus findet die Kirche ihre begründete Hoffnung.“
Bewusst spreche er von seinem Glauben als Führungskraft. Er finde es wichtig, dass man sagt „von welchen Werten man geleitet wird.“ So erklärte er vor 1500 Mitarbeitern, dass er als Katholik keine Finanzprodukte kaufe, die mit Lebensmitteln spekulieren. Ebenso spricht Harald Langenfeld im ZdK offen über Missstände in der Kirche. Es habe zwischen 2010 und 2018 eine mangelhafte Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch stattgefunden, den Umgang der Verantwortlichen damit bezeichnete er als „teils unvorstellbar“. Das führe zu der jetzigen Austrittswelle von Katholiken, die oft aus dem aktiven Gemeindeleben weggingen. Mit dem ZdK fordert Langenfeld einen Zugang von Frauen zu allen Ämtern und die Prüfung der Abschaffung des Pflichtzölibats.
Kirche verändern und nicht entmutigen lassen
Zur Frage, warum er bleibe, sagte Langenfeld: „Wir brauchen die Kirche Jesu Christi, was gibt uns sonst Halt?“ Austritt sei immer ein starkes Signal, aber keine Lösung. „Wir müssen Kirche verändern,“ so Langenfeld. Dabei dürften „wir uns um Jesu Willen nicht entmutigen lassen.“ Strukturen müssten so geändert werden, dass sie den Menschen im 21. Jahrhundert gerecht würden.
Barbara Meesmann ist Redakteurin beim MDR-Hörfunk, dreifache Mutter und engagiert sich im Pfarreirat der Propsteigemeinde. Bei den medialen Bildern vom Begräbnis von Papst Benedikt, habe sie sich gefragt: „Die römisch katholische Kirche ist eine Kirche alter, weißer Männer. Was mache ich eigentlich dort?“ Meesmann antwortete darauf mit „alter Verbundenheit“. Schon als Kind sei die 47-Jährige aktiv gewesen, aus kirchlichen Feiertagen wurden für sie Traditionen und schließlich Identität. Sie sehe die Kirche wie ein enges Familienmitglied: „Manchmal schämt man sich für sie und ein anderes Mal ist man ziemlich stolz.“ Wichtig sei ihr die Zugehörigkeit zu den Menschen aus der Kirche, zu einer „Wertegemeinschaft“, die weltweit vertreten ist. Sie wolle, dass auch ihre Kinder das kennenlernen. Schließlich seien es einzelne Menschen an der Basis, die die Kirche tragen. Dazu zähle sie auch Pfarrer aus ihrer katholisch geprägten Kindheit im Saarland. Als Journalistin betrachte sie die Skandale um die Kirche, wie zuletzt Missbrauchsfälle in einem katholischen Kindergarten in Thüringen, besonders sorgfältig.
Peter Schützel, ehemaliger Pflege- und Stationsleiter am Elisabeth Krankenhaus, wuchs in Nossen auf. Seine „erzkonservative“ Mutter prägte ihn, an den Traditionen hänge er bis heute. Erst als der heute 64-Jährige als junger Mensch nach Leipzig kam, entdeckte er seine Homosexualität. Mit seinem Mann, den er 2005 heiratete, ist er seit 1984 zusammen. Da es in der Kirche „für Schwule nicht viel gab“, wollte er sich bereits „verabschieden“, kam aber zu der Erkenntnis: „Gott liebt mich wie ich bin, weil er mich so geschaffen hat.“
Er erfuhr auch: „Es gibt die, die den Menschen sehen. So fand Schützel Unterstützung in seiner Gemeinde bei der Ausbildung zum Gottesdienstbeauftragten und Kommunionhelfer. Für ihn gewann das Sakrament dadurch an Bedeutung. „Das Sakrament der Ehe bekomme ich nicht“, stellt er in den Raum, fügt aber an: „Segen vielleicht, aber gesegnet bin ich auch so.“

Von Ruth Weinhold-Hesse

 

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