Angelaschule besiegelt Partnerschaft mit ukrainischem Gymnasium
Begegnung trotz Krieg
Foto: Thomas Osterfeld
Schon jetzt mehr als nur ein politisches Zeichen: Zwischen Schülern und Lehrkräften beider Schulen sind Freundschaften entstanden.
Wenn Yana von ihrer Heimat erzählt, dann leuchten ihre Augen. Die ukrainische Austauschschülerin sitzt am Küchentisch ihrer Osnabrücker Gastfamilie und berichtet begeistert von ukrainischen Traditionen, Gerichten und Ritualen. Stolz zeigt sie ihre Trachtenkleidung Wyschywanka mit den traditionellen Stickmustern, berichtet vom Schulleben und ihrem Alltag in Ivano-Frankivsk in der Westukraine – fröhlich, frei und unbeschwert. Die englische Sprache und der Smartphone-Übersetzer regeln die Verständigung.
„Es ist eine große Chance, uns näher kennenzulernen“
In Deutschland ist die 14-Jährige zum ersten Mal. Sie nimmt an einem Schüleraustausch mit der Osnabrücker Angelaschule teil. Auf den ersten Blick ist dieser Austausch ein ganz normaler: ein Treffen zwischen Lehrern, Schülern und Familien verschiedener Länder, wie es seit Jahrzehnten in den Schulen angeboten wird. Begegnungen, Ausflüge, Sightseeing, Schwimmen, Bowling und Teilnahme am Unterricht stehen auf dem Programm. „Es ist für uns eine große Chance, uns besser kennenzulernen, die Kultur, die Familien, die Schulen, das Leben in Deutschland“, sagt Lehrerin Lesya Litsovska, die die zehn ukrainischen Jungen und Mädchen nach Osnabrück begleitet – in Vertretung des Deutschlehrers, der nicht ausreisen durfte. Alles soll „so normal wie möglich“ sein.
Und doch ist da dieser Elefant im Raum. „Reden wir über den Krieg – oder besser gerade nicht?“ Das fragen sich auch Gasteltern Kathrin und Christian Schaefer, während Yana für fünf Tage bei ihnen wohnt. Sie sind sich unsicher, haben Sorge, dass sie das aufwühlt. Eine Broschüre der Schule hilft schließlich bei der Entscheidung. Mit ihr zeigt Yana der Familie das Schulleben am katholischen Basilius-Gymnasium: Fotos und Informationen vom Kollegium, vom Gebäude, der Turnhalle, dem Schulhof, der Kapelle, den Klassenräumen – und dem Schutzbunker, in dem bei Luftalarm weiter unterrichtet werden kann. Er wurde mit Elektrik, Tischen und Stühlen ausgestattet und wird regelmäßig genutzt. Wie selbstverständlich erzählt Yana vom Leben im Krieg: Von Alarmsignalen, die Gefahr melden, von Stromausfall, Drohnen und Luftangriffen. Neben dem Bild ihrer Katze tummeln sich auf ihrem Smartphone diverse Warn-Apps, die das Leben der 14-Jährigen bestimmen – und schützen. Sie zeigen Bombeneinschläge, Drohnenangriffe, rote Gebiete, die wachsen. Je schriller der Warnton, desto näher rückt die Gefahr. Täglich um 9 Uhr erinnert eine weitere App an die Gedenkminute für die Soldaten an der Front, die in der gesamten Ukraine eingehalten wird.
Für die deutschen Gasteltern und Gastgeschwister sind das surreale Szenarien, für Yana und ihre Mitschüler ein Alltag, mit dem sie aufwachsen. „Keiner weiß, was passieren kann“, sagt Lehrerin Lesya Litsovska, die selbst einen Sohn hat, der an der Front kämpft. Noch ist es in Ivano-Frankivsk relativ ruhig. Luftalarm und Energieausfälle stehen aber auch hier schon lange auf der Tagesordnung. Jeder kennt Schutzbunker und betroffene Familien, die Solidarität mit den Soldaten an der Front ist groß, das zeigen diverse Charityaktionen an der Schule.
Das Basilius-Gymnasium will den Schülern einen möglichst normalen Alltag, gute Bildung, Begegnungen und internationale Kontakte ermöglichen. „In Momenten, in denen jemand alles Wertvolle und Gute zerstören möchte, bemüht sich unsere Schule, ein Leuchtturm zu sein und den Weg selbst aus der größten Dunkelheit zu weisen“, so Schulleiter Markian Bukatchuk. 2024 schreibt er eine Rundmail an katholische Schulen in Deutschland mit der Bitte um eine Partnerschaft. Auch Tobias Stich, Schulleiter der Angelaschule, erreicht diese Mail in Osnabrück. Er erinnert sich: „Das war zunächst ein peinlicher Moment. Ich merkte, dass ich die Stadt nicht kannte und auch über die ukrainisch griechisch-katholische Kirche eigentlich nichts wusste.“ Dabei sollten gerade die Deutschen mehr in die osteuropäischen Länder schauen, „weil wir im Zweiten Weltkrieg dort so viel Zerstörung verursacht haben“, sagt er – und antwortet auf die Mail. Er betont: „Mit diesem Projekt wollen wir den Horizont unserer Schüler weiten und den Menschen in der Ukraine zeigen, dass sich Menschen in Europa mit ihnen verbunden fühlen.“
Es folgen Videokonferenzen, Gespräche, erste Kontakte. Im Sommer 2024 reist schließlich eine Schüler-/Lehrergruppe von Osnabrück ins polnische Lublin, um direkte Begegnungen zu ermöglichen und zu testen. „Das war die einzige Möglichkeit, sich zu treffen. In die Ukraine können wir ja leider nicht fahren“, erklärt Lehrerin Andrea Tüllinghoff. Mit ihrer Kollegin Anne Middendorf und Schulleiter Tobias Stich begleitet sie die Fahrt – für alle eine „ganz besondere Erfahrung“.
Im Januar folgt – wie bei einem Schüleraustausch üblich – der Gegenbesuch in Osnabrück und die offizielle Besiegelung einer neuen Partnerschaft, die schon jetzt mehr geworden ist als ein politisches Zeichen: „Sie ist ein Projekt, aus dem persönliche Freundschaften entstanden sind. Wir haben die Menschen und die Ukraine kennengelernt und wir sehnen uns danach, bald einmal selbst hinfahren zu können“, so Stich. Generalvikar Ulrich Beckwermert, der den Austausch stark unterstützt, betont: „Wir müssen in diesen Zeiten etwas dagegenhalten. Wir sind so hilflos. Aber was wir machen können, ist, uns zu begegnen.“ Kontakte könnten eine so hohe Eigendynamik entwickeln, aus der etwas entstehen könne. „Wir brauchen Antworten und die sehe ich in den Gesichtern der Menschen“, betont Beckwermert im Gottesdienst, der anlässlich der Partnerschaft gefeiert wird.
„Wir haben ein neues Land kennengelernt, das wir vorher gar nicht so im Blick hatten"
Auch für Familie Schaefer und die anderen Osnabrücker Gastfamilien ist dieser Austausch besonders. Mit ihren Gastschülern lernen sie eine ihnen bislang eher fremde Kultur kennen, sie erleben stolze ukrainische Jugendliche, die nach vorne schauen, ihre Zukunft frei gestalten wollen, nicht aufgeben. Abiturientin Laura, die bei der ersten Begegnung in Lublin dabei war, erklärt es so: „Wir haben ein neues Land kennengelernt, das wir vorher gar nicht so im Blick hatten. Und wir haben gelernt, dass wir alle gleich sind – Jugendliche auf dem Weg ins Leben. Mit gleichen Hobbies und Interessen, gleichen Fragen, Wünschen und Hoffnungen.“ Und hoffentlich bald auch gleichen Lebensbedingungen.