Seit 100 Jahren Sozialdienst katholischer Frauen in Lingen
Damit es anderen besser geht
Foto: Petra Diek-Münchow
Machen sich stark für Frauen und Familien: Marita Theilen (l.) und Katja Demberger.
Wenn Katja Demberger ihren freiwilligen Dienst für den SkF in Lingen antritt, trägt sie ein Handy bei sich – für die Rufbereitschaft des Frauen- und Kinderschutzhauses. Denn sobald das Büro abends oder am Wochenende nicht mehr besetzt ist, landen die Notrufe bei einer Ehrenamtlichen. Und die kümmern sich um misshandelte, geschlagene, gedemütigte Frauen, die ein Obdach brauchen. Katja Demberger empfängt die Betroffene in der Schutzwohnung, zeigt die Zimmer, kümmert sich um die Notfallausstattung – will Beistand und Orientierung geben. Und das Gefühl: „Hier kann Ihnen nichts mehr passieren, hier sind Sie sicher.“
Fünf Frauen standen am Anfang
Die 43-Jährige zählt zu den vielen Ehrenamtlichen, auf die der SkF im südlichen Emsland baut. Mit den Hauptamtlichen tragen sie die Arbeit des Fachverbandes, sagt Geschäftsführerin Marita Theilen. Viele der Freiwilligen gehören schon lange zum Team. Katja Demberger macht seit etwa acht Jahren bei der Rufbereitschaft mit: „Wir sind eine tolle Gruppe mit guter Gemeinschaft.“ Warum sie sich beim SkF dafür gemeldet hat? „Ich wollte anderen Menschen etwas Gutes tun“, sagt die gebürtige Ostfriesin. Ihrer Familie mit Ehemann und Tochter gehe es gut und „für das, was wir haben, bin ich sehr dankbar“. Aber auch über ihren Beruf im Versicherungswesen erfährt sie, dass das Leben andere Wege nehmen kann. Und hat sich irgendwann gefragt: „Was kann ich tun, damit es anderen besser geht?"
Genau diese Motivation mag auch der Antrieb für die fünf Frauen gewesen sein, die vor 100 Jahren aus christlicher Überzeugung heraus den „Katholischen Fürsorgeverein Lingen“ gegründet haben. Marita Theilen holt ein Fotoalbum aus dem Regal, in das die damaligen Mitarbeiterinnen Fotos und Dokumente aus jenen ersten Jahrzehnten eingeklebt haben. Vorsichtig blättert sie die Seiten um, die viele Stationen des Verbandes nachzeichnen. In den Anfangsjahren betreut das Team ledige Mütter, sucht Pflegefamilien für hilfebedürftige Kinder und vermittelt in Adoptivfamilien. In jedem der folgenden Jahrzehnte baut der Verein, der ab 1968 in Sozialdienst katholischer Frauen umbenannt wird, sein Angebot aus.
Neben der allgemeinen sozialen Beratung kommt unter anderem die Hilfe für Schwangere dazu, das Frauen- und Kinderschutzhaus als damals zweites in Niedersachsen, die sozialpädagogische Familienhilfe, die Schuldnerberatung, die rechtliche Betreuung, die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Was sich über die Jahre verändert hat? Meist gibt es nach Worten von Theilen heute nicht mehr nur ein Problem, mit dem Frauen und Familien zu kämpfen haben. „Das Leben ist komplexer geworden und da gibt es oft ein ganzes Paket an Sorgen und Notlagen. Wir versuchen, Antworten und Unterstützungsmöglichkeiten auf die jeweilige Lebenssituation zu geben“, sagt die Geschäftsführerin.
Insgesamt arbeitet der SkF in Lingen heute in 14 Fachbereichen – und das seit August 2025 als „SkF Ems-Vechte“ gemeinsam mit dem Nordhorner Verein. Beide Verbände haben fusioniert, um Kompetenzen zu bündeln „und dauerhaft verlässliche Hilfe in der Region“ anbieten zu können. Insgesamt setzen sich an beiden Standorten 80 Hauptamtliche und 300 Ehrenamtliche ein. Weitere Zahlen untermauern, wie wertvoll deren Arbeit ist. Im vergangenen Jahr hat der SkF in Lingen 220 Betreuungen übernommen, in 358 Fällen von häuslicher Gewalt betroffene Frauen, Kinder und Jugendliche begleitet – und 48 Frauen mit ihren Kindern in das Frauen- und Kinderschutzhaus aufgenommen. „Dabei ist die Dunkelziffer noch viel höher.“
Am richtigen Platz
Katja Demberger nickt nachdenklich bei diesen Worten. Fast jedes Mal, wenn sie Dienst in der Rufbereitschaft übernimmt, klingelt das Handy. Sie weiß sich am richtigen Platz – weil sie als Frau anderen Frauen helfen will. „Jede Frau hat das Recht auf ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben“, sagt sie. Die Geschichten, die sie bei der Aufnahme mal hört, mal nur erspüren kann, haben ihren Blick verändert – haben sie sensibler gemacht für das Thema. Das Ausmaß der körperlichen und seelischen Gewalt, der mehr Frauen als erahnt in den eigenen vier Wänden ausgesetzt sind, macht sie betroffen. Und aufmerksamer. „Ich glaube, ich kann manche Signale jetzt besser wahrnehmen.“
Zum 100-jährigen Bestehen des SkF Lingen gibt es am 20. Juni ab 11 Uhr ein Familienfest mit einem Tag der offenen Tür rund um die Geschäftsstelle in der Burgstraße. Am 5. November findet ein Benefizkonzert der Big Band der Bundeswehr im Theater an der Wilhelmshöhe und Ende November ein offizieller Festakt statt.