Die Babyklappe in Nordhorn bleibt ein Rettungsanker
„Wenn wir nur ein Kind retten können“
Fotos: Petra Diek-Münchow
Die Babyklappe bleibt wichtig – sagen Vera Büscher (l.) und Bianca Farwick vom Sozialdienst katholischer Frauen in Nordhorn.
„Projekt Moses“ – So heißt die Babyklappe beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Nordhorn. Der Name bezieht sich auf die Erzählung aus dem Alten Testament. Moses‘ Mutter setzt ihn in einem Schilfkorb aus, um ihn vor dem Tod zu bewahren. Er wird gefunden und gerettet. Und genau dieser Gedanke steht hinter dem Angebot des katholischen Verbandes. Seit 2001 gibt es das Angebot, damit zählt die Grafschafter Babyklappe zu den ersten der jetzt sechs in Niedersachsen/Bremen. Zwölf Kinder sind seitdem dort in das Wärmebettchen hineingelegt worden. SkF-Geschäftsführerin Bianca Farwick verschweigt nicht, dass die Zahlen zeitweise etwas zurückgegangen sind. „Aber die Babyklappe ist nicht überflüssig, wir wollen das auf jeden Fall aufrechterhalten, um ungeborenes Leben zu schützen.“ Nach Angaben des Verbandes werden jährlich etwa 40 Babys in Deutschland ausgesetzt, weil die Mütter keinen anderen Ausweg sehen – und nicht alle Kinder überleben das.
60 Ehrenamtliche engagieren sich für die Babyklappe
Agnes Deitermann möchte mithelfen, dass eben das nicht passiert. Sie ist eine der 60 Ehrenamtlichen, die sich beim SkF in Nordhorn in der Rufbereitschaft für die Babyklappe engagieren. Von Beginn an macht die pensionierte Grundschullehrerin dort mit: „Ich wollte mich um Menschen kümmern, vor allem um Frauen in einer großen Notlage.“ Noch gut kann sie sich erinnern, wie vor einigen Jahren an einem Sommertag das „Babyhandy“ bei ihr klingelte. „Mit klopfendem Herzen bin ich ganz schnell hingefahren“, erzählt sie. Der zeitgleich alarmierte Rettungswagen war schon vor Ort, Sanitäter kümmerten sich um das Baby. „Da lag dieses kleine Wesen in der Klappe, in eine Decke eingehüllt und offensichtlich erst kurz zuvor geboren, aber ruhig und bei bester Gesundheit“, sagt Deitermann. Und man spürt, wie sehr sie das Erlebnis immer noch bewegt.
Welche Gedanken ihr durch den Kopf schossen? „Wie gut, dass es das gibt und die Mutter ihr Kind in die Babyklappe legen konnte. Und nicht an einen anderen Ort, wo es vielleicht gestorben wäre“. Und: Wie verzweifelt muss die Frau gewesen sein? „Und doch hat sie verantwortungsvoll gehandelt. Sie hat das Kind ausgetragen, hat es mit all dieser Not im Kopf hier abgelegt, weil es ein gutes Leben für es wollte.“ Ihrer Ansicht dürfe sich niemand anmaßen, darüber zu urteilen. „Die Frauen stehen oft allein da.“
So sehen es auch Bianca Farwick und ihre Kollegin Vera Büscher. Sie zeigen, wo die Babyklappe beim SkF an der Bentheimer Straße 33 in Nordhorn steht und wie sie funktioniert. Dort können Mütter oder Eltern Tag und Nacht unbeobachtet ihr Kind anonym in ein Wärmbettchen legen. Sie finden einen Brief vor, der ihnen versichert, „dass wir alles tun, damit es Ihrem Kind gut geht“. Und das Angebot, dass sie sich ohne Nennung ihres Namens jederzeit an den Verband wenden dürfen. Manche hinterlassen eine Nachricht oder ein paar Angaben zum Kind, legen eine Decke oder ein Kuscheltier dazu. „Alle Babys waren frisch gewickelt und vollständig angezogen“, erzählt Farwick. „Ganz offenbar wollten die Mütter nur das Beste für sie.“
Es steckt immer eine große Not dahinter
Denn die Geschäftsführerin und ihre Kollegin machen eines ganz deutlich: Keine Frau, kein Paar macht sich diese Entscheidung leicht. „Da steckt immer eine große Not dahinter, sonst würde das keiner machen. Und in dieser Not handeln sie verantwortlich.“ Die Gründe können die Beraterinnen nur erahnen. Das mögen Mütter sein, die keine Unterstützung durch Partner oder Familie haben. Die sehr jung sind und vielleicht ihre Schwangerschaft verbergen (müssen). Die von ihrem Umfeld verurteilt werden – die glauben, sich nach der Geburt nicht um ihr Kind kümmern zu können. Für die können Babyklappen zum letzten Rettungsanker werden.
Und was passiert, wenn sie die Klappe geschlossen haben? Noch mal geöffnet werden kann die Einrichtung nicht mehr. Über ein Signal wird die Rettungsleitstelle benachrichtigt, die sofort einen Rettungswagen losschickt und zugleich die Ehrenamtlichen in der Rufbereitschaft alarmiert. Das Kind wird untersucht und kommt danach in die Obhut des Jugendamtes. Meist wird es vom Krankenhaus aus in eine Pflegefamilie vermittelt und später oft adoptiert.
Es gibt auch die vertrauliche Geburt
An dieser Stelle wissen die SkF-Frauen um die Kritik an den Babyklappen. Denn laut UN-Kinderrechtskonvention hat jedes Kind das Recht, seine Herkunft zu erfahren. Das bleibt ihnen durch die Babyklappe in der Regel verwehrt. Farwick und Büscher verweisen daher auch auf die vertrauliche Geburt, die in vielen Kliniken möglich ist. Dabei kommt das Kind im Krankenhaus sicher zur Welt, die Identität der Mutter bleibt aber geschützt. Sie hinterlässt ihre Angaben nur bei einer Schwangerschaftsberatungsstelle und diese Daten werden beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hinterlegt. Somit könnte das Kind nach dem 16. Lebensjahr erfahren, wer seine leiblichen Eltern sind – sofern die keinen Widerspruch einlegen.
Farwick und Büscher weisen noch auf andere Möglichkeiten der Hilfe hin, wenn eine Schwangerschaft große Not auslöst. Angefangen bei Familienhebammen, frühen Hilfen, der Stiftung Mutter und Kind „und anderen Töpfen“. Vera Büscher rät dazu, den Weg „auch anonym“ zum SkF zu finden. „Wir können in der Beratung Wege finden.“ Die Babyklappe bleibt nach beider Ansicht trotzdem weiter wichtig. „Wenn wir damit nur ein Kind retten konnten und können, ist das Grund genug.“
So sieht das auch Agnes Deitermann. Sie hat einen Brief an das Kind geschrieben, der ihm später ausgehändigt wird. Darin erklärt sie, wie sie es gefunden hat und dass es der Mutter auch dankbar sein darf für diese Entscheidung, „weil sie wollte, dass du lebst, weil sie wollte, dass du ein gutes Leben hast.“ Monate später hat sie dann die Adoptiveltern kennengelernt und durfte das Kind noch einmal auf den Arm nehmen. „Das war so berührend und unglaublich motivierend für die Arbeit.“
Deutschlandweit gibt es rund 100 Babyklappen, die erste ist im Jahr 2000 in Hamburg eingerichtet worden. Wie viele Kinder dort abgegeben wurden, dazu gibt es kaum verlässliche Zahlen. Insgesamt scheinen die Einrichtungen aber wegen anderer Angebote etwas seltener genutzt zu werden.
Wer Unterstützung braucht, kann sich unter anderem an das Hilfetelefon „Schwangere in Not“ des Bundesfamilienministeriums wenden (0800 4040 020) oder Kontakt zu Krankenhäusern, Sozialverbänden und lokalen Schwangerenberatungen wie zum Beispiel den Sozialdiensten katholischer Frauen aufnehmen.
Mehr Infos zu Hilfe und Unterstützung für Schwangere und Familie gibt es bei:
https://www.bundesstiftung-mutter-und-kind.de/
https://familienportal.de/familienportal/lebenslagen/schwangerschaft-geburt/fruehe-hilfen
https://www.bafza.de/rat-und-hilfe/vertrauliche-geburt