Impuls zur Sonntagslesung am 18. Oktober 2026

Der Dank muss echt sein

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Blumen als Dankeschön
Nachweis

Foto: istockphoto/BeritK

Paulus beginnt den Brief an die Thessalonicher mit einer wahren Hymne auf die Gemeinde. Könnte das ein Vorbild für unsere kirchlichen Gruppen sein? Oder kämen Lob und Preis aufgesetzt rüber? Fragen an den Berater und Coach Tobias Dech.

Herr Dech, nörgeln wir in unseren Gemeinden zu viel und loben zu wenig?

Man könnte meinen, es sei eine typisch deutsche Eigenart, dass wir zuerst das sehen, was nicht gut läuft. Das ist im kirchlichen Bereich nicht anders als in anderen gesellschaftlichen Feldern. Manche denken, nicht zu kritisieren, sei genug gelobt. Aber es ist eben nicht selbstverständlich, wenn etwas gut läuft.

Typisch deutsch? Ist das anderswo anders?

In der angelsächsischen Kultur gibt es manchmal das andere Extrem, dass man sich selbst aufputscht mit „We are the greatest“ – wir sind die Größten und Besten! Aber das ist dann ja auch nicht unbedingt echt.

Tobias Dech
Tobias Dech. Foto: Sebastian Görner

Wie könnte das besser gelingen?

Ich denke, dass Loben, Danken, Feiern – was wir in der Kirche ja tun – ein konkreter Ausdruck ist, ein Mittel. Aber es braucht auch die grundsätzliche Haltung dahinter. Wenn man aufgetankt ist mit einer Haltung der Wertschätzung, kann man auch besser auf Konflikte schauen, um sie konstruktiv zu lösen.

Wie geht das konkret?

In Gruppen, die ich begleite, lade ich die Leute zu Beginn oft ein, sich gegenseitig zu sagen, was sie aneinander gut finden oder wofür sie dankbar sind: für eine gute Predigt, für einen schönen Flyer oder einfach dafür, dass jemand dem anderen mal einen Kaffee gebracht hat. Es ist auch hilfreich, in einer Blitzlichtrunde zu sammeln, was in der vergangenen Zeit gut gelungen ist und warum. Das Kopieren von erfolgreichen Mustern trägt dann dazu bei, dass man sagen kann: Davon wollen wir mehr haben! 

Also wie bei Paulus: mit Lob beginnen.

Ja, genau. Aber Vorsicht: Das kann auch umgekehrt laufen, wenn man sich auf Konflikte konzentriert und sich daran abarbeitet. Wir bestimmen selbst, worauf wir uns fokussieren, im Guten wie im Konflikt. Und das bestimmt unsere Wirklichkeit.

Wenn ein Konflikt im Raum steht, kann dann ein Lob-und-Dank-Ritual nicht aufgesetzt rüberkommen?

Man könnte sich ja zunächst sagen, in welcher Stimmung man angekommen ist. Wertschätzung heißt, den anderen wahrzunehmen und zu schätzen, wie er ist. Aber, ja, an manchen Tagen passt es vielleicht nicht. Das gilt übrigens gerade im kirchlichen Bereich auch für Rituale wie die Eröffnung einer Sitzung mit einem geistlichen Impuls.

Was haben Sie dagegen?

Es bringt den Teilnehmenden wenig, wenn ein frommer Text oder eine Bibelstelle vorgelesen wird und man dann zur Tagesordnung übergeht. Da empfehle ich, dass man sich wenigstens kurz Zeit nimmt, um den Text in Kleingruppen daraufhin anzusehen, was er einem persönlich in der aktuellen Stimmung und Lage gerade sagt; vielleicht auch mit Blick auf die Konflikte, die besprochen werden müssen. Das bringt viele Perspektiven zusammen und jeder kann sagen, was ihn berührt. Auch das ist Wertschätzung.

Haben Sie in Ihrer Beratungspraxis dadurch Veränderungen erlebt?

Ich kann Dinge anstoßen. Aber authentisch ist es erst, wenn die Gruppen das anwenden, wenn ich nicht mehr dabei bin. Weil es für sie passt – oder eben nicht. Ich habe Teams erlebt, die machen sowas jetzt regelmäßig und finden es gut. Andere nicht. Es kommt auch darauf an, wie viel Zeit bei einer Veranstaltung ist: Wenn man sich in einer Zwei-Stunden-Sitzung erst mal 90 Minuten sagt, was man aneinander gut findet oder was einem ein Impulstext bedeutet, bleibt ja nicht mehr viel Zeit für anderes. Mit Augenzwinkern gesagt: Auch im kirchlichen Bereich ist nicht alles Dogma, in Stein gemeißelt und unveränderlich. 

Paulus lobt vor allem die Bereiche Glaube, Hoffnung und Liebe. Was könnte das heute bedeuten?

Das sind drei grundlegende Bereiche: Was glaube ich, woran halte ich fest, was ist mir wichtig? Aber auch: Wie gehen wir miteinander um? Was bestimmt unsere Kommunikation, was schätzen wir aneinander? Und nicht zuletzt: Was hält unsere gemeinsame Hoffnung wach? Warum setzen wir uns ein für etwas? Das sind ganz aktuelle Felder, die in vielen Gremien und Gruppen konkrete Bezugspunkte finden im Gemeindealltag: vom Klimawandel bis zur Sorge um die Enkel.

Macht es einen Unterschied, ob das Lob von einem Vorgesetzten – wie Paulus – kommt oder von anderen?

Wichtiger ist, dass es überhaupt von einem Menschen kommt und nicht aufgesetzt ist – das schafft Augenhöhe und Verbundenheit. Wenn mehrere Leute ehrlich sagen, was sie an einem schätzen, dann tut das einfach gut. Aber es muss echt sein. Um es klar zu sagen: Eine mit künstlicher Intelligenz verfasste hymnische Dankeskarte, die zu Weihnachten verschickt wird, kann schön formuliert sein, ersetzt aber nicht die direkte Rückmeldung und Interaktion zwischen den Menschen. 

Wäre die Textstelle von Paulus eine gute Motivations- oder Danke-Karte an Gemeindemitglieder?

Das könnte spannend werden. Aber dann empfehle ich, dass sie auch von ein paar Leuten auf die konkrete Gruppe hin übersetzt wird. Und auch, dass sie vielleicht die Frage stellen: Wie seht ihr das? Was macht das mit euch? Worin findet ihr euch wieder? Darüber in Austausch zu kommen und sich für die Sicht der anderen zu interessieren, wäre Ausdruck dieser Haltung der Wertschätzung.

Zur Person

Tobias Dech (50) ist Diplom-Pädagoge, Systemischer Berater und zertifizierter Mediator. Er berät Unternehmen, kirchliche und soziale Organisationen. www.tobias-dech.de