Glaube als Ausweg aus Depression und Sucht

Der Journalist Daniel Haas zwischen Absturz und Aufbruch

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Daniel Haas
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Foto: Lea Sofia Fichtner/penguinrandomhouse

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Daniel Haas: »Ich betete oft in ein diffuses Nichts hinein«

Der Journalist Daniel Haas war nach Jahren der Sucht, einer schweren Depression und familiären Tragödien am Ende. Die Wende brachte ein christlicher Wochenendkurs. Danach wusste er: „Auf diesem Weg geht es jetzt für mich weiter.“

Angefangen zu trinken hat Daniel Haas bereits recht früh. Mit 16 Jahren nahm sich sein Vater das Leben – er raste mit dem Auto gegen einen Baum. Um Gefühle und Schmerz zu betäuben, griff Haas bald zu immer stärkeren Drogen, schließlich Opiaten. Mit 26 war er „ausgemergelt, körperlich ein Wrack“, sagt er. Der neue Partner seiner Mutter, „ein reicher Industrieerbe“, finanzierte ihm die Therapie in einer Fachklinik. Doch Haas wurde rasch entlassen. Sein Arzt hielt ihn für „einen Upper-Class-Zögling“ ohne echte Motivation zur Abstinenz. Über die Klinik fand er eine Suchtselbsthilfegruppe. Unter genesenden Süchtigen fühlt sich der Journalist bis heute „zugehörig und im Kern besser verstanden als irgendwo sonst auf der Welt“. 

Die Treffen der Gruppe beschreibt der 57-jährige Hamburger als spirituelle Denkschule, die einem dabei helfen könne, mit der Vergangenheit aufzuräumen. Am Anfang steht das Bekenntnis, dass man der Sucht gegenüber machtlos ist. Dann folgt eine gründliche Inventur der eigenen Persönlichkeit – ähnlich einer Generalbeichte. Im Zwölf-Schritte-Programm dieser Gruppen kommt häufig das Wort Gott vor. Etwas vereinfacht ausgedrückt, sollen sich die Teilnehmer dem Willen einer höheren Macht anvertrauen und durch Gebet und Meditation versuchen, eine bewusste Verbindung zu Gott aufzubauen. 

Haas folgte den meisten Empfehlungen. Er betete, bat morgens um Hilfe für den Tag, sagte abends Danke. Eine persönliche Gottesbeziehung hatte er jedoch nicht: „Ich betete oft in ein diffuses Nichts hinein.“ Sein Glaube blieb oberflächlich und war – ähnlich wie die Religiosität in seinem Elternhaus – „eher eine Art Kulturtapete“, sagt er.

Beruflich hatte Haas dank seiner Abstinenz zunächst Erfolg. Nach Stationen beim Spiegel, der Zeit und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde er Kulturkorrespondent bei der Neuen Zürcher Zeitung. Obwohl Haas zum Teil 60 bis 70 Stunden pro Woche arbeitete, lief es dort allerdings nicht rund. Seine Probezeit wurde verlängert. Der Journalist litt unter Versagensängsten, konnte nachts kaum schlafen und befürchtete, den Job und seinen gesellschaftlichen Status zu verlieren: „2019 bin ich zusammengeklappt, war ausgebrannt.“ Mit einer schweren Erschöpfungsdepression und Panikattacken landete er in der Psychiatrie. Seine Freundin trennte sich von ihm. 2021 beging nach dem Vater auch seine Mutter Suizid. Haas fühlte sich isoliert von Gott und der Welt.

„Nach zwölf Stunden stand ich weinend in der Ecke“

2022 nahm ihn ein Freund zu einem sogenannten Emmaus-Wochenende mit. Bei diesen Treffen, oft von lokalen Kirchengemeinden unterstützt, reflektieren die Teilnehmer sehr persönlich ihren Glauben und ihr bisheriges Leben. Nach vier Stunden wollte Haas flüchten. Die Gespräche über Einsamkeit und Schmerz rührten tief. „Nach zwölf Stunden stand ich weinend in der Ecke, total aufgeweicht“, sagt er. Doch beim Abschlussgottesdienst wusste er: „Auf diesem Weg geht es jetzt für mich weiter.“ Angetan hatten es ihm die Fürsorglichkeit der dortigen Priester – und die Gemeinschaft. Haas begriff: „So wie Süchtige nur schwer alleine abstinent bleiben können, so schwer ist es auch, ein erfülltes Glaubensleben ohne Gemeinschaft zu führen.“

Der Journalist begann, wie das auch in Selbsthilfegruppen empfohlen wird, sein Leben systematisch aufzuräumen: seine in der Depression vernachlässigte Wohnung, seine Finanzen, seine Beziehungen. Heute weiß er, dass sein Hang zu Luxus und elitärer Mode, ähnlich wie einst die Drogen, ein Schutzwall war. Er kompensierte damit seine emotionale Bedürftigkeit. 

Seit dem Emmaus-Wochenende geht Haas regelmäßig zur Messe. Bei einem Hamburger Jesuitenpater belegte er einen Glaubenskurs: „Seitdem ist mein Bild von einer höheren Macht konkreter, persönlicher geworden.“ Sein Glaube, sagt er, habe heute zuweilen etwas Kindliches: „Es gibt die Heiligen, zu denen man beten kann. Und es gibt eine Mami, die Maria, an die man sich wenden darf.“

Seine neue spirituelle Praxis und die Gespräche mit anderen Gläubigen und genesenden Süchtigen helfen ihm, „dass meine Charakterfehler wie Arroganz, Hochmut und Selbstmitleid nicht so ins Kraut schießen“, sagt er. Eine Sucht sei schließlich weit mehr als ihr auffälligstes Symptom, der Drogenmissbrauch: „Wenn Süchtige abstinent leben, sind die Ursachen ja nicht weg.“ Haas möchte nicht zulassen, dass ihn seine manchmal „schrecklichen Gefühle und mein tiefes Misstrauen in die Welt“ abermals überwältigen. Deswegen spricht und schreibt er heute sehr offen über sich.

Andreas Kaiser

Buch Haas

Buchtipp

Daniel Haas: Einsamsein – Eine Befreiungsgeschichte. Goldmann Verlag, 224 Seiten, 22 Euro