Fernsehtipp: Franz von Assisi - Der Grenzgänger.
Ein Mann wird gefeiert
Foto: imago/catholicpressphoto
Hunderttausende kamen nach Assisi, um die Reliquie des heiligen Franziskus zu sehen.
Mehr als 370 000 Pilger waren gekommen, Assisi stöhnte unter den Besuchermassen. Sie alle wollten Franziskus sehen. Denn zum ersten Mal in der Geschichte wurden seine Gebeine hervorgeholt und in einem Glaskasten ausgestellt. Sechs Wochen lang im Frühjahr dieses Jahres. Und anders als bei vielen anderen Reliquien konnte man sicher sein: Er ist es wirklich. Denn Franziskus galt im Volk schon bei seinem Tod als heilig; nur zwei Jahre später – ein Rekord – bestätigte der Papst dieses Urteil.
Franz von Assisi ist aber nicht nur bei gläubigen Menschen populär. Die Doku, die Arte zum Todestag ausstrahlt, nennt ihn „den Popstar unter den Heiligen“. Das wird dem bescheidenen Asketen sicher nicht gerecht. Aber klar ist: Auch Ökologen schwärmen für den Mann, der den Sonnengesang dichtete und den Vögeln predigte. Und Wohlstandskritiker verweisen auf sein Armutsideal und darauf, dass er seinem Vater dessen frühkapitalistische Reichtümer vor die Füße warf.
Die Dokumentation zeichnet ein wohltuend differenziertes Bild von Franziskus. Manches überrascht. Zum Beispiel das, was der Franziskaner Thomas Freidel, der in Assisi deutsche Pilger begleitet, erzählt: dass sein Skelett gerade mal 1,40 Meter misst. „Das sagt ja auch etwas über einen Menschen“, so Bruder Thomas. „Dass er so ein kleiner, starker Typ gewesen ist.“
Nicht romantisch, sondern extrem
Zur Verklärung neigt der Film nicht. An Franziskus, dem Aussteiger, das wird klar, war nichts romantisch, sondern eher heruntergekommen, stinkend, armselig. Die Radikalität, die er lebte, mag heute heilig erscheinen – damals war sie ein vollständiger Ausbruch aus der Gesellschaft, der Kirche und allem, was man bürgerlich so machte. Auch wie Franziskus mit seinem eigenen Körper umging, war nicht nachahmenswert. Dabei war die Nähe zu Kranken noch das Harmloseste. Faktisch beging er durch seine extreme Askese Raubbau an seiner Gesundheit. Dass er nur 44 Jahre alt wurde, hatte er sich auch selbst zuzuschreiben. „Franziskus sagt irgendwann selbst, dass er es übertrieben hat“, so der Theologe Jan Frerichs. Da war es aber schon zu spät.
Was Franz von Assisi heute für viele interessant macht, ist seine Haltung zur Natur. Der Sonnengesang gibt davon ein poetisches Zeugnis. Und viele Legenden erzählen davon: dass er Vögeln predigte, den Wolf von Gubbio zähmte, einen Regenwurm rettete. Für Natascha Wothke, die in der Nähe von Assisi einen Gnadenhof für ausgesetzte Tiere leitet, ist Franziskus bleibender Ansporn. „Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass wir erst unsere menschlichen Probleme lösen müssen und uns dann der Natur zuwenden können“, sagt sie. „Es ist genau umgekehrt. Frieden in der Welt führt über Frieden mit der Schöpfung.“
Natürlich kommt auch die heilige Klara vor, Franziskus’ Schwester im Geiste. Französische Klarissen aus Assisi erzählen vom Verhältnis der beiden, das keineswegs ungetrübt war. Denn eigentlich konnte Franz mit Frauen nicht viel anfangen und hielt sich gern von ihnen fern.
Der Film ist ausgesprochen facettenreich. Alle, die sich für Franziskus interessieren, werden etwas Neues, Spannendes, Ungewohntes entdecken. Autor Stefan Ludwig hat seine Gesprächspartner gut ausgewählt. Neben diversen Ordensleuten ist auch Volker Leppin dabei, einer der profiliertesten Mittelalterkenner mit dem Schwerpunkt Religiosität. Oder Jan Frerichs, der als Laie dem Dritten Orden der Franziskaner angehört und einige Bücher über franziskanische Spiritualität geschrieben hat. Wer den 800. Todestag mitfeiern möchte, sollte unbedingt reinschauen.
Franz von Assisi – Der Grenzgänger.
Am Samstag, 3. Oktober, um 20.15 Uhr bei Arte. Auch am Dienstag, 6. Oktober, 8.55 Uhr (90 Min.)