Absage einer Inszenierung über sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche
Ein Theaterstreit und seine Folgen
Foto: Jörg Sabel
Der Ärger über das abgesagte Stück "Ödipus Exzellenz" wurde bei einer Protestveranstaltung vor allem an der unbeteiligten Kirche ausgelassen.
Ein Stuhl auf der Bühne bleibt leer. Darauf klebt ein Zettel mit dem Wort „Bistum“. Dahinter ein Fragezeichen. Die Einladung kam sehr kurzfristig, deshalb diskutiert das Podium ohne den eingeladenen Bistumsvertreter über „Kunstfreiheit statt Kirchenlobbyismus“. Und kommentiert hämisch: Die Kirche lasse sich doch sonst keine Chance der Selbstdarstellung entgehen. Ein als Kardinal verkleideter Darsteller streift durch die Menge. Seitlich parkt ein Fahrzeug mit dem Schriftzug „Kirchenstaat? Nein danke.“ Nach einigen Minuten schallt es laut über den Platz: „Kirche, ich glaube euch nicht!“
Es ist ein in Teilen absurdes Schauspiel vor dem Osnabrücker Theater. Nicht, weil ein Regieteam gegen eine abgesagte Theaterproduktion demonstriert. Das ist legitim. Absurd deshalb, weil es darauf verzichtet hat, sich bei einem öffentlichen Protest an diesem Nachmittag direkt mit dem Verantwortlichen – dem Intendanten – auseinanderzusetzen, sondern die katholische Kirche, die nur Thema des Stückes war, auf die Anklagebank setzt. Es wird sogar behauptet, der sakrale Schatten reiche so weit, dass die Theaterleitung in vorauseilendem Gehorsam gehandelt habe. Das Publikum klatscht begeistert.
Aber der Reihe nach. „Ödipus Exzellenz“ sollte – ganz prominent – die neue Spielsaison am Osnabrücker Theater eröffnen. Ein Stück, das in kritischer Weise die sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche behandelt, das Versagen ihrer Amtsträger und den Umgang mit Schuld. Grundlage war der antike Stoff „Ödipus“ von Seneca. Auch ein von Missbrauch Betroffener wirkte an der Inszenierung mit, die zum Spiegel einer Institution werden sollte, die sich jahrzehntelang weigerte, hinzusehen.
Noch vor der Premiere kam es zum Streit. Er entzündete sich an einem katholischen Gottesdienst. Intendant Ulrich Mokrusch lehnte es ab, „Elemente der Liturgie im Kontext eines Stückes über sexualisierte Gewalt und deren Vertuschung innerhalb der Kirche auf der Bühne darzustellen“. So äußerte er sich in der Tageszeitung – ein Interview mit dem Bistumsmagazin kam nicht zustande. Er hatte den Eindruck, dass zentrale Glaubensinhalte für einen theatralen Effekt benutzt werden und strebte eine Diskussion darüber an. Das Regieteam um Lorenz Nolting und Sofie Boiten verweigerte die gemeinsame Arbeit daran, mit der Begründung: Symbole der christlichen Kirche würden nicht diskreditiert. Das Ganze endete schließlich mit einem Eklat – der Absetzung von „Ödipus Exzellenz“ und dem Rauswurf des Regieteams.
Man kann durchaus auch mal zuspitzen und provozieren
Die künstlerische Freiheit habe nie zur Debatte gestanden, beteuerte Mokrusch, sonst hätte er dem kirchenkritischen Regieansatz gar nicht erst zugestimmt. Aber die Frage, wie systemische Kritik an der Kirche sichtbar gemacht werden könne, sei von einem reißerischen Umgang mit zentralen Glaubensinhalten überlagert worden.
Was als Zerwürfnis in einem Stadttheater begann, sorgt nun bundesweit für Schlagzeilen. Überregionale Medien beschreiben Osnabrück als katholisch-konservative Provinz, in der die Kunstfreiheit eingeschränkt werde und der Intendant vor der Bistumsleitung kusche. Dabei, versichert Generalvikar Ulrich Beckwermert, habe das Bistum beim Ödipus-Stück weder interveniert noch die Dramaturgie beeinflusst. Die Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst sei respektiert worden. Die katholische Kirche wird oft zu Recht für mangelnde Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in ihren Reihen angezählt – in diesem Fall allerdings ist sie zwischen die Fronten eines internen Theaterstreits geraten.
Darf die Kunst Religionen aufs Korn nehmen, sie kritisieren – so, dass es weh tut? Darf sie, sagt der Theaterwissenschaftler Stefan Bläske aus der Teamleitung des Bremer Theaters. „Religiöse Gefühle sollten nicht unnötig verletzt werden, aber man kann durchaus auch mal zuspitzen, persiflieren oder provozieren, um eine Wirkung zu erzielen.“ Es gäbe immer wieder entsprechende Arbeiten, von Johann Kresniks Bremer „Zehn Geboten“ (2004) bis hin zu aktuell „Sancta“ von Florentina Holzinger. Wichtig, betont Bläske, sei eine transparente Kommunikation. „Das Publikum muss wissen, was es erwartet, um entscheiden zu können, ob es sich das zumuten will, auch in Bezug auf mögliche Traumata.“
Die junge Generation der Theaterschaffenden, sagt er, bringe oft mehr Sensibilität mit und verzichte bewusst auf drastische Darstellungen, zum Beispiel hinsichtlich Gewalt und Sexualität. Er findet das gut. „Bei ,Ödipus Exzellenz' scheint mir eine Rücksicht und Sensibilität vor allem in Bezug auf Menschen wichtig, die Missbrauch erfahren haben. Die gilt es zu schützen.“ Ansonsten könne man, „mit einem biblischen Bild gesprochen, den Finger durchaus auch in Wunden legen“.
Künstler waren gewissermaßen immer auch Ketzer, sie haben Traditionen und Gewissheiten überwunden, mit allen Risiken. Es ist die Freiheit, wahrhaftig und subversiv zu sein, die Kunst wertvoll macht für eine pluralistische Gesellschaft und gefährlich für autoritäre Systeme. In einer Demokratie muss immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden, wo die Grenzen der Kunstfreiheit liegen.
In Osnabrück wäre es besser gewesen, „Ödipus Exzellenz“ dem Publikum zuzumuten. Auch wenn das Stück polarisiert. Oder daherkommt „mit der Faust in den Bauch“, damit die Botschaft verstanden werde, wie es ein Ensemble-Mitglied im Podium ausdrückte. Das Bistum hätte sicher nichts dagegen gehabt.