Nachruf

Ein Urgestein der Flensburger Kirchengemeinde

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Männer singen im Chor vor einer Orgel.
Nachweis

Foto: Marco Heinen

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Helmut Köhler (rechts) 2016 beim  Dirigieren der lateinischen Choralschola von St. Marien – Schmerzhafte Mutter.

Zum Tode von Helmut Köhler

Die Kirchengemeinde Flensburg ist um ein verdientes Mitglied ärmer: Am 6. Juli verstarb in Köln Helmut Köhler, der viele Jahre die lateinische Choralschola von St. Marien – Schmerzhafte Mutter leitete – und viele seiner Berufsjahre auf höchster politischer Ebene verbrachte. Einer der Sänger, Günter Thye, nennt ihn seinen „Lehrer und Freund“. Anlässlich von Köhlers 90. Geburtstag hatte Thye mit einem weiteren Sänger die Lebensgeschichte des Mannes aufgeschrieben, der prägenden Eindruck in der Gemeinde hinterließ.

Foto: Marco Heinen

Geboren am 16. Januar 1929 im ostpreußischen Allenstein (Olsztyn), lebte die Familie neben der Herz Jesu-Kirche, unweit von Volksschule und Oberrealschule, die Helmut Köhler besuchte. In der Kirche wurde er Messdiener und Obermessdiener; die letzte heilige Messe feierte der damals 16-Jährige dort im Januar 1945, einen Tag bevor die Flucht der Familie nach Westen begann – beziehungsweise beginnen sollte. Denn, so hatte es Köhler seinen Freunden geschildert, als Oma, Mutter und Sohn im Zug saßen, kämpften die Wehrmacht und die Rote Armee um den Bahnhof und es dauerte drei Tage, bis sie endlich ihre Heimatstadt über Frauenburg und die Frische Nehrung nach Gotenhafen und Sassnitz auf Rügen verlassen konnten, wo sie einen Zug nach Flensburg bekamen. Sechs Wochen waren sie auf der Flucht, bevor sie endlich in Husby eine kleine Bleibe fanden.

Zur Sonntagsmesse in die Pfarrkirche nach Flensburg waren es gut zehn Kilometer Fußweg, doch offenbar war das übergangsweise für Helmut Köhler kein Problem. Schnell integrierte er sich in die Gemeinde, wurde Messdiener, Dekanatsjugendführer und war sehr aktiv bei allen Aktivitäten der katholischen Jugend dabei. „Sein immer fröhliches Wesen, seine gute Singstimme, immer mit Gitarrenbegleitung, sind unvergessen“, heißt es in der Jubiläumsschrift zu seinem 90. Geburtstag.

Während seiner Lehre als Elektromechaniker bewohnte Köhler ein Zimmer in der damals leerstehenden katholischen Schule an St. Marien. Nach vier, fünf Jahren dann gründete Köhler mit sechs Gemeindemitgliedern die erste lateinische Schola. Beruflich orientierte er sich jedoch bald neu, ging zum Zoll und fort von der Förde. Er gelangte auf seinem Berufsweg ins Bundeskanzleramt in Bonn, wo er bald Ministerialrat wurde. Für Kanzler Kurt Georg Kiesinger organisierte er in dessen dreijähriger Amtszeit Ende der 1960er Jahre sämtliche innerdeutschen Reisen. Mit der Wahl Willy Brandts wechselte Helmut Köhler in die Bonner Vertretung in Bayern, wo er bis zur Pensionierung blieb. Mit seiner Frau Ingeborg und den Kindern Wolfgang und Dagmar wohnte er über der Familie von Franz Josef Strauß und in direkter Nachbarschaft mit Innenminister Friedrich Zimmermann – auf einem mit Nato-Stacheldraht gesicherten Areal.

Etwa mit seiner Pensionierung – genaue Daten sind nicht erreichbar – kehrte Helmut Köhler nach Flensburg zurück und ließ die Choralschola wieder aufleben, wieder mit sechs weiteren Herren, später mit bis zu 14 Scholaren. Die Choralschola wurde zum festen Bestandteil des musikalischen Gemeindelebens und ist es noch – wenn auch inzwischen unter der Leitung eines Jüngeren. Hochbetagt hatte Helmut Köhler im Frühjahr 2023 die Leitung der Schola abgegeben und war in ein Altenheim nach Köln gezogen, in die Nähe seiner Tochter. Dort ist er nun im Alter von 97 Jahren heimgerufen worden.

Marco Heinen