90 Minuten vor dem Spiel: 11 Minuten Impuls

Eine Andacht vor dem Anstoß

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Menschen mit VFL Trikot in Kirche
Nachweis

Foto: Thomas Osterfeld

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Lila Trikots auf Kirchenbänken – so sah es in der Heilig-Kreuz-Kirche während einer Anstoß-Andacht 2023 aus.

Wenn der VfL Osnabrück spielt, findet in der Heilig-Kreuz-Kirche im Schinkel der erste Anstoß statt – und zwar in geistlicher Form. Maik Stenzel ist Jugendpfarrer, Schulseelsorger – und bekennender VfL-Fan. Er und sein ökumenisches Team bieten bei Heimspielen der Lila-Weißen eine „Anstoß-Andacht“ an. Was Kirche mit dem runden Leder zu tun hat? Erstaunlich viel.

„Fußball hat auch eine gewisse Liturgie. Es gibt Antwortgesänge, einen Einzug mit Kindern, die an Messdiener erinnern, manchmal sogar Glocken“, sagt Maik Stenzel. Am Samstag, 15. August, lädt er um 11.30 Uhr zur nächsten Anstoßandacht in die Heilig-Kreuz-Kirche ein, bevor der VfL um 13 Uhr gegen Magdeburg antritt. Der Aufstieg in die 2. Bundesliga hat dem Projekt ganz neue Motivation eingehaucht. Noch im Mai vorigen Jahres war bei einer Andacht kein einziger Fan aufgetaucht, woraufhin das Angebot vorerst einschlief.

Maik stenzel vor VFL-Lila hintergrund
Maik Stenzel – bekennender VfL-Fan vor entsprechendem Hintergrund. Foto: privat.

Genau 90 Minuten vor dem Anpfiff können sich Fußballfans elf Minuten lang geistlich auf das Spiel einstimmen. Die elf Minuten sind einerseits eine Anspielung auf die Mannschaftsstärke auf dem Platz – andererseits eine Dauer, die niemanden abschrecken soll. „Es ist nur ein kleiner, kurzer Impuls, sodass niemand Angst haben muss, zu spät ins Stadion zu kommen“, erklärt der Pastor. Einen „geistlichen Unterbau“ möchte er ermöglichen, in dem für ein faires Spiel und einen respektvollen Umgang gebetet wird – niemals für den eigenen Sieg. „Dass der Bessere gewinnen möge“, lautet das Motto der Andachten.

Für Stenzel ist dieses Format Ausdruck eines modernen Kirchenverständnisses. „Wir müssen wieder dahin gehen, wo die Menschen sind“, betont der Seelsorger. Statt darauf zu warten, dass die Gläubigen von allein kommen, möchte er aktiv einladen. Die Schwelle soll dabei so niedrig wie möglich sein: Wer den Weg zum Stadion antritt, kann vorher kurz in der Kirche haltmachen und sich den Impuls abholen, ohne einen langen Gottesdienst besuchen zu müssen. Das Angebot der Kirchen soll für die Menschen da sein, ohne sich anzubiedern.

Ein ökumenisch durchmischtes Team aus evangelischen und katholischen Pastören, einem Gemeindereferenten und einem Lehrer der Domschule führt durch den Fußballimpuls, der ausdrücklich nicht nur den Osnabrücker Anhängern offensteht. „Ich finde es sowieso am schönsten, Fans anderer Mannschaften zu treffen, auch wenn gegeneinander gespielt wird“, sagt Stenzel und zitiert ein bekanntes Fußballmotto: „Wir sind Gegner, keine Feinde.“ Einmal, erinnert er sich, kamen Fans aus Köln und es wurden Karnevalslieder auf der Ukulele gespielt. „Das darf dann ruhig ein bisschen fröhlicher sein.“

Nicht nur der Fußball verbindet an diesem Tag, viele eint auch der Glaube. Doch wer genau kommt zu diesen elf Minuten vor dem Anpfiff? Bislang, so beobachtet Stenzel, besteht ein Überhang in der Kategorie „kirchennah, männlich 40 plus“. Das soll aber nicht so bleiben: Der Seelsorger hofft für die kommenden Heimspiele auf eine noch vielfältigere Fangemeinde.

Anton Kensbock

Zum ersten Heimspiel der neuen Saison des VfL Osnabrück gegen den 1. FC Magdeburg findet am Samstag, 15. August, um 11.30 Uhr – 90 Minuten vor dem Anpfiff – in der Heilig-Kreuz-Kirche, Schützenstraße 87, 49084 Osnabrück, eine elfminütige ökumenische Anstoß-Andacht statt.