Islamismtisch motiviertes Mobbing an der Schule

„Es geht darum, Opfer zu schützen“

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Mobbing Schule
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Foto: istock photo / Egoitz Bengoetxa

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In Bedrängnis: Manchmal wird aus Mobbing körperliche Gewalt.

Die Pädagogik-Professorin Margit Stein hat sich in einer Studie mit religiös motiviertem Mobbing an Schulen beschäftigt. Oft gibt es dabei einen islamistischen Hintergrund. Im Interview erklärt Stein, welche Ursachen und Folgen das Problem hat – und was Lehrkräfte und Eltern tun können, um es zu lindern. 

Wie groß ist das Problem religiösen Mobbings durch muslimische Schülerinnen und Schüler?

Ein Viertel des pädagogischen Personals an Schulen berichtet von islamistisch gelesenen Äußerungen oder Handlungen. Dies bedeutet aber nicht, dass ein Viertel der muslimischen Schülerinnen und Schüler auch islamistische Tendenzen haben. Oftmals sind es einige wenige, die für diese Äußerungen verantwortlich sind. 

Können Sie typische Beispiele nennen?

Jugendliche mobben andere, wenn diese eine vermeintlich falsche Religion haben oder ihre Religion nicht genug praktizieren. Auch antisemitische, sexistische oder homophobe Äußerungen fallen.

Margit Stein
Margit Stein. Foto: Universität Vechta

Ab wann spricht man von echten Problemen und wo ist es eher Schulhofgeplänkel?

Wenn ein Schüler oder eine Schülerin für sich entscheidet, ich will den Glauben ganz streng ausleben, mich islamisch kleiden, fasten und mehrfach am Tag beten, dabei aber niemandem etwas aufzwingt oder andere abwertet – dann fällt das in den Bereich des Rechts auf individuelle Religionsausübung. Das ist grundgesetzlich geschützt. Problematisch wird es, wenn es systematisch Opfer gibt, die geärgert werden – etwa muslimische Schülerinnen, die sagen: „Ich möchte kein Kopftuch tragen und nicht fasten.“

Wie erleben muslimische Kinder diesen Druck aus den eigenen Reihen?

Sie erleben das als Mobbing. Mir hat zum Beispiel ein Vater erzählt, dass seine Tochter alevitisch glaubt. Sie möchte anders fasten und kein Kopftuch tragen. Sie wird von sunnitischen Schülerinnen und Schülern, die ihren Glauben sehr fundamentalistisch ausleben, angegriffen, als ungläubig bezeichnet und bedrängt. Sie fühlt sich in der Klasse unwohl.

In Ihrer Studie sagen Sie, dass Lehrkräfte sich oft scheuen einzugreifen. Woran liegt das? 

Einer der Gründe ist, dass der zeitliche Freiraum fehlt. Eine Lehrkraft hat es so formuliert: „Wenn ich bei der Pausenhofaufsicht sehe, dass in einer Ecke etwas Antisemitisches gesagt wird oder ein Schüler geärgert wird, weil er angeblich homosexuell ist, kann ich mich entscheiden: Stelle ich die Schüler zur Rede, mache ich das Fass auf? Oder bereite ich, weil ich gleich in die nächste Stunde muss, schnell meine Materialien vor und esse mein Pausenbrötchen?“

Gibt es noch weitere Gründe? 

Viele Lehrkräfte fühlen sich unsicher, wenn es um Religion geht. Sie fragen sich: „Da hat jemand etwas Homophobes gesagt, aber ich kenne mich mit dem Islam nicht aus. Kann ich da in eine Diskussion gehen?“ Viele sagten mir auch, dass sie Angst hätten, etwas zu sagen, weil sie dann fürchten, als rassistisch oder islamfeindlich zu gelten.

Müssten sie sich denn auskennen, um einzugreifen?

Nein. Es geht nicht darum, sich mit bestimmten Haltungen innerhalb der muslimischen Community oder auch der katholischen Kirche zu Homosexualität auszukennen. Es geht darum, Opfer von Mobbing zu schützen. Lehrkräfte müssen intervenieren, egal ob jemand gehänselt wird, weil er vermeintlich übergewichtig ist, als homosexuell angesehen wird oder als ungläubig gilt. 

Inwiefern verstärkt Social Media das Problem religiös motivierten Mobbings? 

Islamistische wie auch christlich fundamentalistische Influencer bieten Schwarz-Weiß-Schemata und sagen: „Wir sind die Guten. Die anderen, die nicht so und so praktizieren, sind die Schlechten“ – das hebt das Selbstwertgefühl der Menschen, die ihre Videos anschauen.

Haben Sie dafür ein Beispiel? 

Wenn ein Jugendlicher zum Beispiel einen solchen Influencer fragt: „Darf ich zur Geburtstagsfeier meines Freundes, auch wenn du gesagt hast, man soll Geburtstag nicht feiern, das sei unislamisch?“, sagt der Prediger nur: „Natürlich nicht.“ Das ist eine klare Antwort, und diese Klarheit ist für Jugendliche auf der Suche nach Identität, Richtschnur und Werten attraktiv.

Wie könnten Schulen hier entgegenwirken? 

Eine wichtige Rolle könnte der islamische Religionsunterricht spielen, in dem Lehrkräfte arbeiten, die auch für lebensweltliche Fragen offen sind. Für Fragen rund um Beziehung und Identität, die man vielleicht nicht mit dem Imam in der Moscheegemeinde oder den Eltern besprechen will. Schule muss aber insgesamt einen Raum der Solidarität, des Gesprächs und des Erlebens von Zugehörigkeit bieten.

Gibt es neben der Schule noch andere Akteure, die zur Problemlösung beitragen könnten? 

Die Eltern spielen natürlich eine sehr große Rolle, weil sie ihren Kindern Toleranz und Achtung gegenüber allen anderen Menschen und soziale Werte vermitteln sollten. Auch die Religionsgemeinschaften sollten betonen, wie bedeutsam die gemeinsam geteilten Werte sind. 

Angenommen, Sie wären Bildungsministerin: Welche Maßnahmen würden Sie als Erstes angehen, um religiöses Mobbing an Schulen zu unterbinden? 

Ich fände es wichtig, bereits im Studium über Interkulturalität und Interreligiosität zu sprechen und Methoden zu vermitteln, wie bei Mobbing gehandelt werden kann, Fortbildungen für Lehrer anzubieten und die Schulsozialarbeit zu stärken

Interview Lisa Discher

Zur Person

Margit Stein ist Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Universität Vechta. Sie lehrt und forscht zum wertegestützten und demokratischen Zusammenleben in der Gesellschaft.