800 Jahre Sonnengesang des heiligen Franziskus
Einfach, einprägsam, starke Bildersprache
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In seinem Lob auf die Schöpfung Gottes spricht Franz von Assisi im Sonnengesang von „Bruder Sonne“.
Warum ist dieses spirituelle Naturgebet auch heute noch aktuell – vielleicht sogar aktueller denn je?
Franz von Assisi fühlte sich in die Natur eingebunden und pflegte mit ihr einen geschwisterlichen Umgang. Sonne, Mond und Sterne, Wasser, Feuer, den Wind und die Erde, sogar den Tod spricht er mit Schwester oder Bruder an. Vor zehn Jahren hat Papst Franziskus die Sozial- und Umweltenzyklika „Laudato si’“ veröffentlicht, die an den Sonnengesang anknüpft. Darin beschreibt er den Zustand der Welt als sehr kritisch und beachtenswert und ruft zu einer ganzheitlichen ökologischen Umkehr auf. Wir wissen, dass das harmonische Zusammenspiel der Natur, wie es im Sonnengesang gepriesen wird, aufgrund des Klimawandels gestört ist. Daraus ergibt sich eine Aktualität, die uns handeln lassen muss. Wer heute den Sonnengesang liest oder betet, ist herausgefordert, die Natur zu lieben, ihr Ehrfurcht zu erweisen und sich für ihren Erhalt einzusetzen. In Haus Ohrbeck zum Beispiel haben wir zu den Elementen des Sonnengesangs aktualisierte Karten erstellt, die zum Nachdenken anregen und darauf verweisen, was es aus heutiger Sicht zu tun gilt. Diese Karten können am 2. Oktober im Dom erworben werden.
In welcher Lebenssituation befand sich Franziskus, als er den Sonnengesang schrieb?
Franziskus hat den Sonnengesang am Ende seines Lebens geschrieben, vielleicht zwei Jahre oder ein Jahr vor seinem Tod, als er schon sehr krank und schwach war. Wegen eines Augenleidens konnte er kein Sonnenlicht ertragen und zog sich lange Zeit in eine dunkle Hütte zurück. Dennoch klagte er nicht, sondern dichtete einen wunderbaren Lobgesang auf Gottes Schöpfung – Gebet und Lyrik zugleich. Der Sonnengesang ist auch eine Art Lebensbilanz, in der er alle Dinge aufzählt, die uns geschenkt werden, für die wir dankbar sind und mit denen wir vorsichtig und zärtlich umgehen müssen, um sie auch für weitere Generationen zu erhalten.
Franziskus hat den Sonnengesang nicht am Stück komponiert, das Lied ist im Laufe der Zeit gewachsen. Für die letzten beiden Strophen gab es konkrete Anlässe. Als er von einem Streit zwischen Bischof und Bürgermeister in Assisi hörte, verfasste er die siebte Strophe – die Versöhnungsverse – und bat einige seiner Mitbrüder, sie den beiden vorzusingen. Daraufhin, so heißt es, sei der Konflikt beigelegt worden. Und die achte Strophe (Schwester Tod) dichtete Franziskus, als er spürte, dass er bald sterben wird.
Wie würden Sie die zentrale Aussage formulieren?
„Gelobt seist du, mein Herr“, heißt es in jeder Strophe. Diese Worte sind ein Türöffner. Ich entdecke, dass es einen Gott gibt, der diese Welt geschaffen hat – mit allem, was uns zur Verfügung steht. Und das gilt es zu erhalten, zu pflegen und zu hüten.
Viele Künstler, unter anderem Maler, haben sich vom Sonnengesang inspirieren lassen. Warum ist er bis heute so bekannt?
Weil Franziskus Grunderfahrungen der Menschen aufgreift – dazu gehören auch Versöhnung und Tod. Und das in einer einfachen, einprägsamen Form, mit einer starken Bildsprache. Der Sonnengesang ist keine spekulative Theologie, er spricht unsere Sinne an. Das macht es so leicht, in den Gesang einzustimmen.
Was bedeutet Ihnen der Sonnengesang persönlich?
Abgesehen davon, dass es sich um ein wunderschönes Lied handelt, das großes Potenzial birgt, erinnert mich der Sonnengesang daran, dass ich als Teil dieser Welt einen Auftrag habe, für sie mitzusorgen.
Wie fordert er uns konkret zum Handeln auf?
Ich glaube, der gesamte Sonnengesang ist eine Aufforderung. Es geht nicht nur darum, Sonne, Mond und Sterne zu betrachten; ich sehe auch eine Mitverantwortung in Bereichen, die nicht explizit genannt werden. Zum Beispiel meinen Mitmenschen gegenüber – zu schauen, wie es ihnen geht, was sie in ihrer aktuellen Lebenssituation brauchen. Und auch zu überlegen, wie wir in unserem direkten Umfeld ein friedliches Miteinander fördern können. Wie rede ich über andere Menschen? Sehe ich auch das Gute in ihnen? Der Sonnengesang ist ein Gegengewicht zu allen Machtambitionen, die Menschen haben. Wir haben eben keine Macht über die Elemente. Wir haben nur eine Chance, wenn wir ein maßvolles geschwisterliches Miteinander pflegen.
Musik und Worte zum 800. Jahrestag des Sonnengesangs sind am Samstag, 2. Oktober, um 19.30 Uhr im Osnabrücker Dom zu hören. Es singt der Domkammerchor; an der Orgel: Balthasar Baumgartner; die Texte lesen Martina Kreidler-Kos und Franziskanerbruder Nijil Chiramal. Der Eintritt ist frei.
Der Sonnengesang
Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne,
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
klar und kostbar und schön.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
Lobt und preist meinen Herrn
und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.
Quelle: Deutsche Franziskanerprovinz