Universität Münster stellt Studie vor
Erstmals erforscht: Wie geistlicher Missbrauch entsteht
Foto: Matthias Petersen
Die Theologin Judith Könemann untersuchte zusammen mit dem Historiker Bernhard Frings in einer 600 Seiten umfassenden Studie das Phänomen geistlicher Missbrauch.
Erstmals haben Forscher das Phänomen spirituellen Missbrauchs in katholischen geistlichen Gemeinschaften untersucht. Wie bei sexualisierter Gewalt beruhe diese Art missbräuchlicher Beziehungen innerhalb von Gruppen sowie zwischen einzelnen Seelsorgern und Gläubigen auf einem Missbrauch von Macht mittels Druck und Willkür, erklärte die Leiterin der Studie, Judith Könemann, am Freitag bei der Vorstellung an der Universität Münster.
Zusammen mit dem Historiker Bernhard Frings untersuchte die Theologin in einer 600 Seiten umfassenden Studie das Phänomen anhand zweier solcher Gemeinschaften: der „Christusgemeinschaft“ im Bistum Osnabrück und „Totus tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster. Grundlage des gut dreijährigen Forschungsprojekts sind 117 Interviews, davon 81 mit Betroffenen, sowie Akten der beiden Bistümer und der Ordensgemeinschaft der Thuiner Franziskanerinnen. In deren Umfeld war in den 1970er Jahren die Christusgemeinschaft entstanden.
Spirituelle Bedürfnisse ausgenutzt
Missbräuchlich werden Beziehungen laut der Studie, wenn charismatische Leitungspersonen spirituelle und andere persönliche Bedürfnisse von Gläubigen sowie ihre eigene Autorität nutzen, um Menschen von sich abhängig zu machen und bestimmte Normvorstellungen durchzusetzen. Dabei wird der gesamte Prozess theologisch und als gottgewollt verbrämt.
Geistlicher Missbrauch kann an unterschiedlichsten Orten geschehen, in großen Gruppenrunden wie in Einzelgesprächen. Durchgesetzt werde er mittels Beschämung, Demütigen, Bloßstellen, Druck, Liebesentzug, Kontaktabbruch, Willkür und anderen Verhaltensweisen. Oft betreffe dies auch Kleidung und Sexualität weiblicher Mitglieder.
Keine Zahlen, aber Hinweise zur Prävention
Zahlen nennt die Studie nicht; eine quantitative Erhebung sei nicht das Ziel gewesen, so Könemann. Ebenso wenig werden Fälle juristisch untersucht oder bewertet. Gleichwohl nennt die Studie Möglichkeiten, geistlichem Missbrauch vorzubeugen. Orientieren sollten diese sich weitgehend an jenen gegen sexuellen Missbrauch: institutionelle Schutzkonzepte, Ansprechpersonen, Beauftragte für Prävention und Intervention.
Wie bei Ordensgemeinschaften und Pfarreien vorgesehen sollten Bistumsleitungen auch bei Geistlichen Gemeinschaften regelmäßige, festgeschriebene Visitationen durchführen. In der geistlichen Begleitung müssten Qualitätsstandards eingehalten werden. Bei Problemen sind nach Auffassung der Autoren vermehrt externe Fachleute heranzuziehen, um eine zu enge kirchliche Perspektive zu weiten. Sanktionen nach etwaigen Vergehen müssten stärker nachgehalten werden.
Erste Reaktion der Auftraggeber
Vertreterinnen und Vertreter der vier Auftraggeber können ebenfalls erst ab dem heutigen Tag Einblick in die Studienergebnisse nehmen. In einer ersten Reaktion äußern sich der Münsteraner Bischof Heiner Wilmer, der Osnabrücker Bischof Dominicus Meier, die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz, Beate Gilles, sowie die Generaloberin der Thuiner Franziskanerinnen, Schwester Maria Cordis Reiker: „Ausdrücklich bedanken wir uns bei den Betroffenen, die für diese Studie ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen geteilt haben. Wir sehen ihr Leid und ihren Schmerz. Ihre Verwundungen halten oft ein Leben lang an. Wir müssen alles tun, um solches Leid, um geistlichen Missbrauch, in Zukunft zu verhindern. Hierfür wird uns die Studie wichtige Hinweise geben können.“
Ein wesentliches Ziel des gemeinsamen Forschungsauftrags sei es gewesen, „auf Basis der Erfahrungen von Betroffenen, Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Aktenanalyse grundlegende Faktoren zu ermitteln, die geistlichen Missbrauch begünstigen, und daraus Perspektiven für die Prävention zu entwickeln“. Von der Bandbreite und Komplexität des Vorhabens zeuge schon die Verlängerung des ursprünglich auf drei Jahre angelegten Forschungszeitraums. Zugleich bestätigten die ersten Eindrücke von den Ergebnissen, wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Phänomen des geistlichen Missbrauchs für alle Organisationen und Gemeinschaften sei, in denen das Bedürfnis nach spiritueller Orientierung eine Rolle spielt.
In den nächsten Tagen wollen die jeweiligen Organisationen die Studienergebnisse gründlich auswerten und daraus mögliche nächste Schritte in einem Pressegespräch am 5. Oktober vorstellen. (kna/kb)
Der Volltext der Studie ist hier zum Download verfügbar: https://www.aschendorff-buchverlag.de/digibib/?digidownload&tid=25270
Das Bistum Osnabrück bietet für Menschen, die im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Studie Gesprächsbedarf haben, eine telefonische Hotline an.
Die Bischofskonferenz bietet ebenfalls ein Beratungsangebot an.
Unabhängige Ansprechpersonen für Betroffene geistlichen Missbrauchs und weitere Informationen rund um das Thema finden Sie hier.