Mit 80 Jahren Lebenstraum erfüllt
„Ich möchte auf den Jakobsweg“
Foto: Michaela Streuff
Maria Honvehlmann zeigt glücklich ihren Pilgerausweis vom Jakobsweg.
Maria Honvehlmann hatte viel von der Welt gesehen. Nur den Jakobsweg nicht. „Es war einfach mein inneres Bedürfnis, ihn einmal zu gehen“, sagt sie. Natürlich hatte sie Hape Kerkeling gelesen, Tobias Schlegl ebenso, der mit seiner Mutter den Camino gepilgert ist. Und da gab es noch diese Freundin, die sich vor zehn Jahren mit ihrem Mann auf den Weg machte. „Ihr Sohn war schwer an Leukämie erkrankt.“ Die Eltern pilgerten, der Sohn wurde gesund.
Eigentlich hatte Honvehlmann schon 2022 aufbrechen wollen. Mit ihrer Freundin Marita wollte sie von Pamplona bis Santiago de Compostela pilgern. Doch dann starb Marita unerwartet, und mit deren Tod beerdigte auch Honvehlmann ihre Pilgerpläne. Bis zum 80. Geburtstag. Als ihre Kinder nach einem Wunsch fragten, kam es ihr fast automatisch über die Lippen: „Ich möchte auf den Jakobsweg.“ Sohn Armin (57) zögerte nicht lange und sagte: „Ich komme mit.“
Ihren Mann Josef wusste Maria bei ihren anderen beiden Kindern, den 14 Enkeln und drei Urenkeln in guten Händen. Mutter und Sohn buchten Flüge nach Pamplona und Unterkünfte für 16 Etappen vor. Die drei Wochen Urlaub, die Armin sich nehmen konnte, gaben quasi die Streckenlänge vor.
Der Service, sich für fünf Euro das Gepäck von Herberge zu Herberge bringen zu lassen, kam für Honvehlmann nicht infrage. Mit abgewogenen sieben Kilogramm hatte sie nur das berühmte leichte Gepäck dabei. Einen Schlapphut, drei T-Shirts, eins zum Schlafen, einen Kaschmirpulli, der sie in den ersten kalten Tagen nicht nur wärmte, sondern auch als Polster diente. „Ich habe ja nicht viel zuzusetzen“, sagt sie und klopft sich auf die schmalen Schultern. Dazu eine lange Hose, eine Regenhose und Camino-Socken, ein Geschenk der Schwiegertochter. „Ich wollte es richtig machen. Mit dem Gepäck auf dem eigenen Rücken“, betont die 80-Jährige.
» Ich wollte es richtig machen. Mit dem Gepäck auf dem eigenen Rücken. «
Ihr Weg bis Carrión de los Condes: 300 Kilometer, pro Tag warteten also 25 Kilometer. Schnell fanden sie ihren eigenen Rhythmus, gingen mal Seite an Seite, mal kilometerlang allein. „Und jeden Morgen habe ich in einer Kirche ein paar Worte gesprochen“, sagt sie. Häufig kreisten die Gedanken um ihre Kinder: „Gott sei Dank, dass alle gesund sind.“ War sie in Gedanken, hatte sie eine Melodie auf den Lippen: „Mein Sohn sagte ganz oft: Mama, worüber hast du nachgedacht? Du summst schon wieder vor dich hin.“
Unterwegs machten Armin und sie auch jene Begegnungen, von denen so viele Pilger berichten. Mit einem Kanadier etwa, der sich eingeschränkt bewegte. „Ich habe zu Armin sofort gesagt: Er hat Parkinson.“ Etwas, das sie einschätzen kann. Denn im Alter von 45 Jahren hatte Honvehlmann aus Tristesse ihren Job als Finanzbuchhalterin an den Nagel gehängt, auf Pflegedienst umgeschult und sich fortan vor allem um ältere Menschen mit Demenz gekümmert.
Drei Tage später bestätigte sich ihre Einschätzung. Seine Ehefrau hatte den Kanadier auf den Jakobsweg geschickt, „damit er lernt, in seiner Krankheit Hilfe anzunehmen“. Armin und Maria schnitten ihm abends das Schnitzel klein.
Mit einem Ehepaar aus York teilten sie sich im Schatten eine saftige Orange. Sie trafen eine Finnin, die die Asche ihres verstorbenen Mannes mit sich trug, um sie später zu verstreuen. Einen Spanier, der Kirschen aus dem eigenen Garten gegen eine Spende anbot. Und Pilger aus Irland und Japan, die mit ihnen in großer Runde das Abendessen gemeinsam einnahmen. „Nur eine Dame war älter als ich – sie war 87“, sagt Maria Honvehlmann. „Sie hat sich das Gepäck in die Herberge bringen lassen.“
Das Miteinander ist enger geworden
Sie übernachteten in Hostels, im Schloss, im Zisterzienserkloster. Dort trafen sie eine Nonne, die mürrisch auf die Pilger reagierte. Doch als sie erfuhr, dass Armin mit seiner Mama Maria unterwegs war, taute sie schlagartig auf. Zum Frühstück am nächsten Morgen gab es extra Plätzchen mit der Inschrift Maria.
Die großen Schlafsäle mieden Mutter und Sohn, sie setzten stattdessen auf Doppelzimmer, ein Stück Privatsphäre. Ihre Bindung veränderte sich. „Armin war früher in Vietnam, in der Türkei, in Kanada – da habe ich manchmal monatelang nichts von ihm gehört. Er hat sich nie Gedanken darüber gemacht, dass Mama sich zu Hause Gedanken gemacht hat.“ Das habe sich geändert. „Unser Miteinander ist viel enger geworden“, sagt sie heute dankbar.
Sie teilten emotionale Momente, als sie auf dem Erinnerungsfriedhof Matildas gedachten, Armins Enkeltochter, Marias Urenkelin, die bei der Geburt gestorben war. Jeder Stein dort steht für eine Geschichte, einen Abschied. Ein Foto schickten die Pilgernden an Matildas Eltern. „Sie haben geweint. Natürlich ist der Glaube an den lieben Gott vor allem in solchen Momenten da“, sagt die 80-Jährige. Das zweite Kind der Familie, der kleine Kurt, kam gesund zur Welt.
Dann gab es auch die nicht ganz einfachen anderen Momente. Als Marias Knöchel anschwoll, die Schmerzen zunahmen, doch Aufgeben keine Option war. „Ich wollte, ich wollte, ich wollte“, klingt es dann in ihren Worten. Sie sang den Schmerz mit einem „Das Wandern ist des Müllers Lust“ ganz einfach weg.
Und irgendwann waren sie am Ziel. Sie dachte: „Schade, dass es vorbei ist, ich könnte jetzt weiterlaufen.“ Wenn es die Gesundheit ihres Mannes zulässt, will sie 2027 wieder auf den Jakobsweg. Armin und sie haben ein gemeinsames Ziel: „Wir wollen gemeinsam in Santiago de Compostela ankommen.“