Ukraine: Sabbatical am Rande des Krieges

Ihr seid nicht vergessen!

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René Pachmann
Nachweis

Foto: privat

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René Pachmann teilt Kuchen aus mit der Stiftung Dajmo Nadijo (Geben wir Hoffnung!)

Der Berliner Seelsorger René Pachmann hat eine vierwöchige Auszeit an einem ungewöhnlichen Ort gemacht. Er ist nicht auf Pilgerreise oder ins Kloster gegangen, sondern in die ukrainische Stadt Lwiw – und hat der Caritas geholfen, die Menschen im Krieg zu unterstützen.

Jeden Morgen ist René Pachmann aufs Neue beeindruckt von Lwiw. Zwar ist der Krieg in der ukrainischen Stadt, rund 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, meist weit weg. Doch das Leid ist auch hier spürbar. „Um 9 Uhr steht das Leben in der Ukraine für eine Minute still“, sagt der Seelsorger. Autofahrer halten kurz an und die Menschen gedenken in einer Schweigeminute all jener, die ihr Leben bei der Verteidigung des Landes gegen die russischen Angreifer bereits verloren haben. „Außerdem sind auf den Straßen von Lwiw viele Amputierte zu sehen“, sagt Pachmann.

Er hat sich für eine vierwöchige Auszeit, die Mitarbeitenden des Erzbistums Berlin nach zehn Dienstjahren zusteht, einen ungewöhnlichen Ort ausgesucht. Statt sich fortzubilden, auf Pilgerreise zu gehen oder sich in einem Kloster zu erholen, wie viele andere es tun, ging Pachmann in die Ukraine. In Lwiw hat er einen Monat lang die Caritas unterstützt, „mit angefasst“, wie er sagt. Er verteilte Lebensmittelspenden, verschickte Rollstühle in Krankenhäuser, half bei Haushaltsauflösungen, transportierte Hygieneartikel, Heizstoffe und andere Hilfsgüter zu Bedürftigen.

Pachmann im Einsatz
Pachmann im Einsatz in der Ukraine. Foto: privat

Mit seinem Engagement wollte Pachmann „den Menschen in der Ukraine zeigen, dass sie nicht vergessen sind“, sagt er. Zudem protokollierte der Theologe seinen Aufenthalt und Einsatz in den Sozialen Medien. Mit Fotos und Videos auf Facebook, WhatsApp und Instagram wollte Pachmann seinen Followern ausdrücklich keine Kriegsberichte liefern, sondern ihnen „Einblicke in ein weiterhin sehr lebendiges Land“ gewähren. Ein Land, in das er sich vor rund 25 Jahren verliebt hat.

Er ist begeistert von der zupackenden Mentalität

Schon 2001 hat der frühere Jesuit und heutige Vater von zwei Töchtern ein Jahr in Lwiw gelebt und gearbeitet. Als Freiwilliger kümmerte er sich mit dem Roten Kreuz um ehemalige KZ-Häftlinge. Er half beim Einkaufen, Putzen und Kochen, besorgte Medikamente und war einfach da für Gespräche. Die Begegnungen mit Land und Leuten haben Pachmann geprägt. Noch ein paar Mal besuchte er anschließend die Ukraine. Zudem ist Lwiw mit seinem historischen Zentrum, das 1998 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen wurde, für Pachmann schlicht „die schönste Stadt der Welt“. Er sagt: „Es gibt hier eine Menge unglaublich schöner und beeindruckender Kirchen.“

Begeistert ist Pachmann auch von den Menschen in der Ukraine, ihrer Herzlichkeit und zupackenden Mentalität. „In kürzester Zeit wurden in Lwiw neue Schulen errichtet und Lehrer eingestellt, um Tausende aus dem Osten des Landes geflüchtete Kinder mitzuunterrichten“, erklärt er.

Solches Engagement zeigt auch Pachmann selbst. Nach Beginn der russischen Invasion 2022 versorgte er am Bahnhof von Frankfurt (Oder) ankommende Flüchtlinge mit Getränken, Windeln und Süßigkeiten für die Kinder, später auch mit SIM-Karten. Gemeinsam mit dem Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) und der Kirchengemeinde schuf er eine vorläufige Schule und eine kleine Bibliothek für Geflüchtete. Es folgten Spendenaktionen, Hilfstransporte sowie mehrere Kunstaktionen, deren Erlös größtenteils ukrainischen Hilfsprojekten zugutekam. Bei vielen dieser Veranstaltungen kam Pachmann mit Christen aus der Ukraine in Kontakt. Auf seine Frage, wie wir hier in Deutschland die Menschen dort noch besser unterstützen könnten, antworteten viele: „Kommt uns besuchen.“

Pachmann Pellets
Pachmann verlädt Pellets mit der Caritas-spes. Foto: privat

Im April 2026 war es dann soweit. Mit einer ökumenischen Gruppe reiste Pachmann erstmals nach Beginn des russischen Angriffskriegs wieder in die Ukraine. Er besuchte Odessa und Kiew und war dort froh über die Fähigkeiten der ukrainischen Flugabwehr. Zum Glück, sagt Pachmann, habe bei allen Projekten stets seine Familie hinter ihm gestanden.

An vielen Orten stehen Gedenktafeln für die Toten

In Lwiw bestimmt – anders als in anderen Landesteilen – der Krieg nicht permanent den Alltag der Menschen, doch auch hier ist er jederzeit präsent. An vielen Orten stehen Gedenktafeln. Die Friedhöfe füllen sich. Zudem begegnete Pachmann in den Caritas-Zentren „vielen Frauen, die mit ihren Kindern aus dem Osten geflohen sind“.

Beeindruckt ist der Seelsorger davon, „wie weit voraus die Ukraine uns Deutschen bei der Digitalisierung ist – trotz des Krieges“. Viele Behördengänge lassen sich per App erledigen. Nahezu alles kann mit Karte bezahlt werden, auch die Eiskugel am Straßenstand. Über Telegram-Kanäle fühlt sich Pachmann gut über mögliche Luftangriffe der russischen Angreifer informiert. „Man kann sehen, in welche Richtung sich die einzelnen Drohnen bewegen“, sagt der Seelsorger. Persönlich in Gefahr geraten ist er nie.

Mitten im Interview klingelt es an der Tür der Pfarrei, in der Pachmann gerade untergekommen ist. Kinder möchten auf dem Gelände spielen, sie wollen auf dem Trampolin hüpfen. René Pachmann lässt sie herein und sagt zufrieden: „Die Kinder haben sich sogar die Schuhe ausgezogen.“ Da ist es wieder: das Leben, das sich auch viereinhalb Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine einfach nicht unterkriegen lässt.

Andreas Kaiser