Wie das Projekt engagiert³ den Weg ins Ehrenamt ebnet

Köpfe öffnen

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Ein junger Mann steht vor einem Kleiderregal
Nachweis

Foto: Anton Kensbock

Ein Ehrenamt bedeutet Teilhabe und Zugehörigkeit. Oft werden Menschen mit Behinderung dabei übersehen – doch können und wollen sich viele engagieren. In einer Aktionswoche in Meppen können verschiedene Ehrenämter ausprobiert werden.

Wenn man Sam-Mikael Müter dabei beobachtet, wie er in der Meppener Kleiderkammer Strumpfhosen faltet, mag man meinen, er helfe dort regelmäßig – doch dabei ist das seine erste Schicht. Es riecht nach Stoff und die trockene Luft lässt die Kehle kratzig werden. In einer Aktionswoche für Menschen mit Behinderung, die sich ehrenamtlich engagieren wollen (engagiert³) packt Müter einen Nachmittag lang in der Kleiderkammer mit an. Heike Baalmann von Vitus, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung, leitet das Projekt und unterstützt Personen, ehrenamtlich aktiv zu werden.

Sam-Mikael Müter ist 22 Jahre alt und ein autistischer Mensch. Er trägt ein gemustertes, weit geschnittenes, olivfarbenes Hemd und eine grüne, samtene Hose. Seine schulterlangen, blonden Haare sind zum Zopf gebunden. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man eine grüne Haarsträhne am Hinterkopf. Die blauen Augen sieht man nur flüchtig – er mag keinen Augenkontakt. Wenn er nicht gerade ehrenamtlich hilft, ist er in einem Zuverdienstangebot von Vitus tätig.

Ein junger Mann steht vor vielen Kleidungsstücken
Sam Mikael-Müter hilft zum ersten Mal in der Kleiderkammer.

Nach jeder gefalteten Strumpfhose drückt Müter den immer größer werdenden Stapel mit beiden Handflächen flach. „Ich falte nicht so gerne, sondern sortiere viel lieber“, sagt er. Halbstündlich kommen Menschen herein und bringen das mit, was sie nicht mehr benötigen. Das ist nicht nur Kleidung: Auch Bücher, Spielwaren oder Elektronik stehen in den verwinkelten Gängen der Kleiderkammer. Eine „Alleskammer“ seien sie mittlerweile, sagt Leiterin Jutta Wekenborg. Zusammen mit ihrer Kollegin Anette Jansen – und heute Sam-Mikael Müter – ordnet sie die angekommenen Sachen. 

Haben Kleidungsstücke Flecken oder passen nicht ins Sortiment, gehen sie weiter an eine Hilfsinitiative für Menschen in Osteuropa. Heute hilft auch Müter mit. Das konnte er schon am Vormittag in der Tafel nebenan: Obst, Backwaren oder Tiefkühlprodukte gilt es, von einem Laster in die entsprechende Box zu bringen. In der Aktionswoche stehen für ihn noch weitere Einsatzstellen an – beim Sozialen Kaufhaus in Meppen oder im Emsland Archäologie Museum. Er ist schon ehrenamtlich in einer Partei aktiv, sucht aber nach weiteren Aufgaben und will „so richtig fest damit einsteigen“. Auch könne er sich vorstellen, im Seniorenheim oder in einer Kita zu helfen. 

Ich möchte unterstützen, wo ich kann.

Zwei Frauen stehen in der Kleiderkammer
Die beiden Ehrenamtlichen in der Meppener Kleiderkammer, Leiterin Jutta Wekenborg und Anette Jansen.

Sein Engagement kommt aus einem „tiefen Verlangen, zu helfen“. Warum das bei ihm so ausgeprägt ist, weiß er nicht. Durch eine längere Krankheitsphase wurde dieses Bedürfnis noch verstärkt. Jetzt, wo es ihm deutlich besser geht, will er seine zurückgewonnene Energie gezielt einsetzen: „Das möchte ich nutzen, um zu unterstützen, wo ich kann.“ Für ihn ist das Ehrenamt der ideale Weg, sagt er, denn hier zählt nicht der Profit oder die Leistung, sondern der Mensch.

Schon vor der Aktionswoche suchte Müter auf eigene Faust nach ehrenamtlichen Aufgaben, doch oft blieben Rückmeldungen aus. Die Unterstützung durch Vitus war ein Türöffner, der ihm Zugang zu verschiedenen Einsatzstellen ermöglichte. Er findet es „praktisch, dass Vitus das möglich macht“ und den Weg zum Ehrenamt ebnet. Zu Beginn seiner Schicht hatte er ein wenig Angst vor den neuen Aufgaben – wurde aber gut angeleitet, sagt er.

Heike Baalmann, der Organisatorin der Aktion von Vitus, geht es vor allem darum, „Köpfe zu öffnen“. Sie will Bewusstsein schaffen, dass auch Menschen mit Behinderungen als Ehrenamtler mitgedacht werden und freiwilliges Engagement vorangetrieben wird. Vielfältige Einrichtungen sind dabei – unterstützt wird Vitus vom Freiwilligenzentrum des Paritätischen. Nach der Aktionswoche beschreiben mehrere Einsatzstellen die Mitarbeit von Menschen mit Behinderung als sehr bereichernd, sagt Baalmann und erzählt, dass gar nicht alle freien Stellen besetzt werden konnten. 

Die Aktionswoche zum inklusiven Ehrenamt hat Sam Mikael-Müter beeindruckt und begeistert. Ob er bei der Kleiderkammer weitermachen möchte? Vermutlich nicht. Klingt negativ, hat aber einen guten Grund: Die Vereinbarung zur ehrenamtlichen Mitarbeit beim Meppener Sozialkaufhaus ist nämlich schon unterschrieben.

Anton Kensbock

Einsatzstellen können sich an Heike Baalmann wenden, wenn sie Interesse an ehrenamtlicher Mitarbeit durch Menschen mit Behinderungen haben. 
E-Mail: heike.baalmann2@vitus.info, 05931 495575-6