Impuls zur Sonntagslesung am 10. Mai 2026
Lebe so, dass du gefragt wirst
Foto: Abtei Königsmünster
Schülerinnen und Schüler in der Berufsschule des Benediktinerklosters in Mvimwa in Tansania
Pater Maurus, „wir wollen ja nicht missionieren“ ist ein häufig gehörter Satz, auch in der Kirche. Gehört Mission nicht zur DNA der Kirche?
Mission meint dem Wort nach „Sendung“ – und das gehört schon zur DNA der Kirche. Wir haben eine frohe Botschaft, die es wert ist, weitererzählt zu werden. Das Problem ist, was daraus gemacht worden ist, als wir Europäer imperialistisch und kolonialistisch gemeint haben, dass wir anderen Kulturen und Völkern sagen müssen, wo es langgeht. Das macht den Begriff heute für viele schwierig und verbrannt.
Auch der Papst hat ja kürzlich ein solches Missionsverständnis kritisiert.
Ja, Papst Leo war ja selbst über viele Jahre Missionar in Peru, hat auch einen internationalen Orden geleitet und kennt die Situation und Geschichte.
Dennoch stellt sich die Frage: Wenn man eine gute Botschaft hat, ist es dann nicht nur zum Besten für die, denen man sie überbringt?
Foto: Andreas Weller
Es kommt auf die Art und Weise an. Wenn ich von einer Botschaft überzeugt bin, dann möchte ich auch andere davon überzeugen. Jeder, der evangelisieren will, muss erst selbst evangelisiert sein. Aber das geht nicht mit Gewalt. Vor einigen Jahren haben die französischen Bischöfe das Wort geprägt „Den Glauben anbieten“. Das ist eher eine Einladung als eine allein seligmachende Wahrheit, die man überstülpt – auch wenn das lange Zeit so im Verständnis der katholischen Kirche war.
Wie kam es dazu?
In den ersten Jahrhunderten musste sich das Christentum gegen Verfolgung durchsetzen und behaupten. Ab dem vierten Jahrhundert mit der sogenannten Konstantinischen Wende wurde das Christentum dann Staatsreligion und damit auch der Versuchung der politischen Macht ausgesetzt. Das ist immer gefährlich und hat letztlich auch zu den unseligen Akten des Imperialismus und Kolonialismus geführt.
Wann hat sich das geändert?
Spätestens das Zweite Vatikanische Konzil hat in den 1960er Jahren sehr klar gemacht, dass auch in anderen Religionen und Kulturen wenigstens Saatkörner der Wahrheit zu finden sind. Die haben wir nicht exklusiv – und da können wir auch von anderen Religionen und Kulturen lernen, nicht zuletzt im interreligiösen Dialog.
Die Missionsbenediktiner haben das Wort Mission schon im Namen. Was ist das Besondere ihrer Mission?
Das Wichtigste ist, dass nie nur mit dem Wort verkündigt wurde, sondern dass die Mitbrüder auch bei den Menschen waren, sie zum Teil aus der Sklaverei herausgekauft haben, Brunnen gebohrt haben, die Armut bekämpft, die Gesundheitsversorgung mit aufgebaut oder die Schulbildung ermöglicht haben und so weiter. Das ist ein ganzheitlicher Ansatz von Mission, der uns wichtig ist.
Gilt das auch heute noch so?
Früher haben wir von Heimatklöstern im deutschsprachigen Raum gesprochen und von Missionsklöstern etwa in Afrika. Heute sind alle unsere Klosterniederlassungen Heimatklöster für die Menschen, die dort leben – und gleichzeitig Missionsklöster. Es gibt eine Präsenz auf Kuba, wo wir von den Einheimischen eine große Wertschätzung dafür erfahren, dass unsere Mitbrüder unter schwierigen Bedingungen vor Ort bei den Menschen bleiben. Und es gab vor einigen Jahren eine Gründung der „Cella Sankt Benedikt“ als Stadtkloster in Hannover. Mission ist keine Einbahnstraße mehr. Das geht bis dahin, dass auch Mitbrüder aus Afrika nach Deutschland kommen, um älter werdende Gemeinschaften hier zu unterstützen.
Was sind Kriterien für eine gelingende Mission?
Das Leben der Menschen zu teilen, auf Augenhöhe, ohne Besserwisserei und Überheblichkeit und im Austausch miteinander, das ist eine der ersten Missionsmethoden – „bescheiden und ehrfürchtig“, wie es im 1. Petrusbrief heißt, der ja auch die zweite Lesung dieses Sonntags ist.
Wie sieht das konkret aus?
Mein Verständnis von Mission wird sehr gut in dem Satz aus der Lesung ausgedrückt: Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch nach der Hoffnung fragt. Ich möchte ergänzen: Aber dann lebe auch so, dass du danach gefragt wirst! Die Menschen merken, ob man von oben herab ihnen etwas überstülpen will, oder ob ich erfüllt bin von dem, was und wie ich lebe. Auch das ist Mission und das geht ja auch virtuell mit den Möglichkeiten des Internets. Bei den Menschen zu sein, erstreckt sich auch auf die digitalen Kanäle.
Sie selbst sind auch auf Social Media unterwegs ...
Ja, und da erlebe ich, dass Menschen, die mit Kirche wenig zu tun haben und auch nicht zum Gottesdienst gehen, doch Bedürfnisse haben, die das alltägliche Leben übersteigen. Die melden sich und bitten etwa um ein Gebet für jemanden, der krank oder gestorben ist – oder zünden eine Kerze an. Das geht ganz konkret in unserer Marienkapelle im Kloster oder auch virtuell auf unserer Internetseite.
Was kann man von diesem Missionsverständnis als einfacher Christ, als Christin lernen?
Jeder Missionar ist zuerst ein Lernender. Der Blick nach innen, von was wir erfüllt sind, und der Blick nach außen, für wen wir da sein wollen, was wir erreichen wollen, gehören zusammen – Vision und Mission. Aber das gilt ja ganz grundsätzlich: Auch Firmen formulieren heute für sich oft eine „Vision“ und eine „Mission“ in ihrer Firmenphilosophie. Der Unterschied ist, dass es bei uns nicht um Quartalsabschlüsse und Zahlen geht, sondern unsere Botschaft langfristig angelegt ist und das ganze Leben betrifft, nicht nur die Arbeit.
Zur Person
Pater Maurus Runge ist Missionsbenediktiner in der Abtei Königsmünster in Meschede. Als Missionsprokurator hält er Kontakt zu den Klöstern weltweit.