Ausstellung erinnert an erste jüdische Gemeinde in Osnabrück
Leben zwischen Hass und fragiler Toleranz
©Bistumsarchiv Osnabrück, MA 101/Fotografie: Hartwig Wachsmann
Antijüdische Darstellung im Codex Gisle, Handschrift, um 1300
Der erste Jude in Osnabrück wird 1267 urkundlich erwähnt: ein Gelehrter namens Jakob aus dem Raum Worms oder Speyer. Mit seiner Frau Jutta kauft er eine Haushälfte. Die ersten Familien wohnen vermutlich in der Schweinestraße – der heutigen Marienstraße. Es ist die Finanznot der Landes- und Kirchenfürsten, die es Juden im 13. Und 14. Jahrhundert überhaupt ermöglicht, sich niederzulassen. Der Bischof holt sie 1309 offiziell in die Stadt, weil sie Geld verleihen dürfen; die Katholiken unterliegen damals einem Zinsverbot. Doch für ihr Wohnrecht müssen die jüdischen Familien hohe Abgaben zahlen. Außerdem muss der Bischof seine schützende Hand über sie halten, denn religiös bedingter Antijudaismus, ein tiefes Misstrauen gegenüber den „Jesusmördern“, ist alltäglich.
„Die Juden blieben immer geduldete Einwohner zweiter Klasse. Weil sie als Ungläubige galten, durften sie kein ehrbares Handwerk ausüben, keinen Grund und Boden erwerben“, erklärt Martina Sellmeyer, Literaturwissenschaftlerin, Buchautorin und Kennerin der Stadtgeschichte. So bleiben nur wenige Erwerbsmöglichkeiten, darunter der Handel mit Geld. „Bank- und Geldgeschäfte hängen eng mit der gesellschaftlichen Ausgrenzung zusammen. Aber bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein wurde den Juden genau das zum Vorwurf gemacht.“ Der Ausdruck „Wucher-Jude“ wird zum Schimpfwort. Der Hass gipfelt schließlich in einem Pogrom, ausgelöst durch eine Pestepidemie, die um 1350 auch in Osnabrück wütet. Die Schuldigen sind schnell gefunden, und das Eigentum der Ermordeten wird geplündert. Was dem damaligen Bischof, Johann II., so gar nicht passt. Er fordert die Herausgabe des Diebesgutes – um es für sich zu beanspruchen.
Mit den letzten Steuerzahlungen enden die Spuren der ersten jüdischen Gemeinde
Nach dem Pestpogrom kehren wenige jüdische Überlebende nach Osnabrück zurück, ohne materiell entschädigt zu werden. 1360 siedeln sich acht Familien an und gründen eine neue Gemeinde. Diese ist jetzt nicht nur dem Bischof, sondern auch der Stadt gegenüber zinspflichtig. Die Gemeinde erwirbt ein Bethaus, vermutlich in der Redlingerstraße, und 1386 ein Friedhofsgelände am Westerberg.
Doch ihr Aufenthalt findet ein jähes Ende. Auslöser ist ein tiefgreifender Wandel: Nachdem das kirchliche Zinsverbot für Christen aufgehoben wird, verlieren jüdische Geldgeber ihre wirtschaftliche Bedeutung. Das Stadtregiment nutzt den Wechsel auf dem Bischofsstuhl, um den Schutz für die jüdische Bevölkerung aufzuheben. 1424 bestätigt der neue Bischof Johann III. von Diepholz schriftlich, dass Osnabrück und die Feldmark künftig „von Juden unbelastet“ bleiben sollten. 1426 enden mit den letzten Steuerzahlungen die Spuren der ersten jüdischen Gemeinde.
In den folgenden 400 Jahren sind Juden nicht willkommen. Sie werden selbst als durchreisende Händler diskriminiert. Eine „Abwehr von Konkurrenten durch die einheimische Kaufmannschaft“. Dieses Motiv, sagt Martina Sellmeyer, finde sich später „eins zu eins im Nationalsozialismus“ wieder.
Die Ausstellung „Van den Yoden“ erinnert an das Nebeneinander von christlicher Mehrheitsgesellschaft und jüdischer Minderheit im mittelalterlichen Osnabrück. Es währte knapp zwei Jahrhunderte (ca. 1260 bis 1430) und war von gesellschaftlichen wie religiösen Konflikten geprägt. Die Schau zeigt, wie eng religiöse, gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen miteinander verflochten waren – und wie fragile Toleranz und offene Ablehnung nebeneinander bestehen konnten.
Kostbare Originale des Spätmittelalters, die bislang noch nie gemeinsam präsentiert wurden, erinnern an diese besondere Periode Osnabrücker Wirtschafts-, Religions- und Migrationsgeschichte. Am lokalen Beispiel werden die antijudaistischen Wurzeln des Antisemitismus sichtbar.
Die Ausstellung „Van den Yoden“ ist bis zum 30. August im Kulturgeschichtlichen Museum (Museumsquartier Osnabrück), Lotter Straße 2, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr; Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr.