Psychologin begleitet Sozialbestattungen
Letztes Geleit für einen Fremden
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Beerdigung ohne Trauergäste: Eine Urne wird auf einem anonymen Urnenfeld beigesetzt.
Immer wenn er vom Amt beauftragt wird, einen verstorbenen Menschen zu verabschieden, versucht Franz Frank, 20 Minuten vor Beginn der Trauerfeier da zu sein. Im weißen Talar steht der katholische Pfarrer dann vor der Trauerhalle und wartet, ob nicht doch noch Angehörige oder Freunde kommen. Ihm ein paar Dinge über den Verstorbenen erzählen. Oder ein Foto zeigen. Damit er ein paar persönliche Worte bei der Trauerfeier sagen kann.
Doch auch dieses Mal kommt niemand zur Trauerhalle des Ostfriedhofes München, der den Verstorbenen gekannt hat. Und so steht alles, was Frank über ihn weiß, auf nur einem Blatt Papier. Helmut S.: Geboren am 4. Januar 1942 in Rheinhausen bei Duisburg, gestorben am 26. November 2025 in München. „Der lebte vielleicht in einer betreuten Wohneinrichtung, aber selbst das weiß ich nicht genau“, sagt der Pfarrer.
Aber dann kommt doch noch eine Frau in die Kapelle: Angelika Huber. Sie ist Mitglied der Initiative „Das letzte Geleit“ des Erzbistums München und Freising, die Sozialbestattungen begleitet. Diese werden von der Stadt finanziert, wenn sie nach dem Tod eines Menschen keine Angehörigen ausfindig macht, die eine Beerdigung zahlen könnten. War der Verstorbene Katholik, segnet ihn nicht nur ein Pfarrer aus, sondern einer der Ehrenamtlichen der Initiative kommt zur Trauerfeier. Sodass niemand alleine verabschiedet wird.
„Ich habe über einen Zeitungsartikel von dieser Initiative erfahren und die haben gesagt: Ja, da können Sie gerne mitmachen. Und das, obwohl ich evangelisch bin“, sagt Huber. Huber heißt eigentlich anders, denn sie möchte nicht, dass es hier um sie geht, sondern um ihr Ehrenamt. Alle paar Tage wird sie vom Erzbistum angerufen und gefragt, ob sie wieder einem alleine verstorbenen Menschen das letzte Geleit geben möchte.
So häufig auf Beerdigungen zu sein, ist für sie dabei nichts Neues: „Mein Mann, der auch Pfarrer war, ist leider vor 23 Jahren gestorben“, sagt Huber. Heute engagiert sich die ehemalige Psychologin ehrenamtlich bei Seniorennachmittagen in einem Altenheim und in ihrer Gemeinde in Dachau. Der Tod von Menschen ist für sie etwas Alltägliches – und dennoch nimmt sie bei jeder Trauerfeier etwas Neues für sich mit.
Heute ist es die Bibelstelle, die Pfarrer Frank singt: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben“ – eine Passage aus dem Johannes-Evangelium, in der Jesus zu seinen Jüngern spricht. Frank spricht dagegen in einer fast leeren Kapelle. Sein Gesang hallt über die Stuhlreihen, den grauen Marmorboden und die mit Gold verzierte Kassettendecke. Hinten in der Ecke sitzen noch zwei Friedhofsmitarbeiter, neben Huber die einzigen Teilnehmer der Trauerfeier. Vorn steht auf einem Sockel Helmuts schlichte schwarze Urne vor einem Kreuz.
Pfarrer Frank besprenkelt sie mit Weihwasser. „Der Herr vollende an dir, was er in der Taufe begonnen hat“, sagt er und schließt damit den Kreis, der mit dem Sakrament der Taufe am Lebensanfang begonnen hat. Für Angelika Huber ist dieser Moment immer besonders bewegend: „Da ist dieser Wunsch nach Würdigung und dass man sie dem Verstorbenen anbietet“, sagt sie. Helmut soll würdevoll verabschiedet werden, auch wenn seine Trauerfeier schlicht ist: kein Schmuck, keine Blumen, keine Kerzen. So bittet Pfarrer Frank um eine Schweigeminute für den Verstorbenen. Was mag Huber durch den Kopf gehen, eines Menschen zu gedenken, den sie nie gesehen hat?
„Ich fühle mich immer mit der nackten Existenz konfrontiert“, sagt sie. „Also ich bin mit meiner eigenen Endlichkeit konfrontiert und von daher fühle ich mich auch verbunden mit Menschen, die ich nicht kenne.“ Sie versucht sich bei der Trauerfeier ein Bild des Verstorbenen zu machen: „Helmut war aus Duisburg, da frage ich mich, ob er Bergmann oder so gewesen ist.“ Und manchmal kann sie sich auch ein konkretes Bild machen. Weil dann doch noch Leute zur Beerdigung kommen und erzählen – so wie vor ein paar Wochen. „Da war auch der Taxifahrer der alten Dame da und ein junger Mann, der immer mit ihr in die Kneipe gegangen ist“, erzählt Huber.
„Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen“, singt Pfarrer Frank. Anschließend bittet er Huber nach vorn. Die beiden halten sich an den Händen, nehmen Helmuts Urne in ihre Mitte und sprechen ein Vaterunser. Zum Abschluss tönt Bachs „Ave Maria“ aus den Kapellenlautsprechern und ein schwarzer Vorhang schließt sich vor Helmuts Urne. Bestattet wird sie heute nicht – sondern noch einige Zeit in einem Kolumbarium verwahrt, falls sich doch noch ein Angehöriger findet, der die Bestattung übernehmen will. Sonst wird sie still auf einem anonymen Urnenfeld des Friedhofs beigesetzt. Eine Wiese ohne eigenen Grabstein.
Die Trauerfeier für Helmut hat nur zehn Minuten gedauert. Und dennoch glaubt Franz Frank, ihn würdig verabschiedet zu haben: „Das Schöne ist, dass man als Pfarrer immer etwas Passendes hat. Selbst wenn man den Menschen nicht kennt, gibt die Religion einen passenden Rahmen vor“, sagt er nach der Zeremonie. Von draußen mahnt ein Friedhofsmitarbeiter schroff zur Eile. „Wir haben hier in ’ner Viertelstunde die nächste Bestattung“, ruft er durch die Tür. Vielleicht kommen diesmal mehr Leute.