Synodaler Weg
Matthias Sellmann über Reformprozesse: Ein Dampfer, der wendet
Foto: kna/Bert Bostelmann
Engagiertes Ringen: Bischöfe und Laien haben beim Synodalen Weg eine neue Debattenkultur eingeübt.
Matthias Sellmann vergleicht die katholische Kirche in Deutschland mit einem Ozeandampfer. „Wenn so ein Ozeanriese die Richtung ändert, dauert das sehr lange und man merkt lange nichts davon“, sagt der Theologe der Ruhr-Universität in Bochum. Der Dampfer Kirche befinde sich mitten in diesem Wendeprozess. Die Richtungsänderungen des Synodalen Weges seien daher noch nicht überall zu spüren.
Sellmann war einer der rund 230 Delegierten des Synodalen Weges. Der hatte im Frühjahr 2020 seine Arbeit aufgenommen. Schon damals wurde vereinbart, drei Jahre nach der letzten Arbeitssitzung die Ergebnisse auszuwerten.
„Bei den Gläubigen vor Ort ist nicht viel angekommen“
Nach der Vorlage der sogenannten MHG-Studie über den sexuellen Missbrauch in der Kirche im Herbst 2018 waren die deutschen Bischöfe in der Defensive. Das Vertrauen war am Boden – und die Öffentlichkeit war geschockt, in welchem Ausmaß Kinder und Jugendliche missbraucht worden waren und Bischöfe die Taten ihrer Priester vertuscht hatten. Die pure Arroganz der Macht – wohl auch aus dem Gefühl heraus, unangreifbar zu sein. Nach der MHG-Studie war klar: Präventionskonzepte und Missbrauchsstudien allein reichen nicht mehr, um auf die Verbrechen zu reagieren.
Der Synodale Weg sollte die Ursachen des sexuellen Missbrauchs und seiner Vertuschung bearbeiten und zeigen, dass die Kirche bereit ist, Konsequenzen zu ziehen. Gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) riefen die Bischöfe den Reformprozess aus. Mit hohem zeitlichen und finanziellen Einsatz wurde über Macht und Gewaltenteilung, Sexualität, priesterliches Leben und die Rolle der Frau debattiert.
Was bleibt davon? Sellmann sagt: „In den Gemeinden und bei den Gläubigen vor Ort ist nicht viel angekommen. Man konnte in Deutschland in den letzten sechs Jahren sehr engagiert katholischer Christ sein, ohne den Synodalen Weg zu kennen.“ Dennoch hält er den Weg für richtig und erfolgreich: „Man musste den Dampfer wenden. Aber wir mussten zuerst die großen Zahnräder angehen.“
Eindeutig ist die Bilanz tatsächlich nicht. Die größten praktischen Fortschritte dürften in der Sexualmoral erzielt worden sein. Wohl auch unter dem positiven Einfluss des Synodalen Weges outeten sich zahlreiche Priester und pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche als homosexuell. Der Synodale Weg beschloss Segensfeiern, in denen auch homosexuelle Paare gesegnet werden können. Inzwischen gibt es sie in vielen Bistümern. Sie sind zwar keine Massenbewegung, wurden aber auch nicht von Rom kassiert, obwohl die Ausgestaltung der Feiern über die zaghaften römischen Öffnungen hinausgeht. Die Grundordnung des kirchlichen Dienstes wurde geändert. Ausdrücklich ist nun „der Kernbereich privater Lebensgestaltung, insbesondere Beziehungsleben und Intimsphäre […] rechtlichen Bewertungen entzogen“. Anders als früher sind eine zweite Ehe oder eine homosexuelle Partnerschaft kein Kündigungsgrund mehr.
Mit großem Jubel sprach sich die Synodalversammlung für die Öffnung von Weiheämtern für Frauen aus. Mittlerweile trauen sich auch Bischöfe, öffentlich die Priesterweihe für Frauen zu fordern. Das war früher undenkbar. Doch wirklich geändert hat sich nichts. Mit einem erneuten römischen Nein zum Diakonat der Frau erfuhr das Thema vor ein paar Wochen sogar wieder einen Dämpfer. Aber beenden lässt sich die Diskussion nicht mehr. Auch dazu hat der Synodale Weg beigetragen. „Das Störgefühl über die Rolle der Frau ist weiter sehr nagend“, sagt Sellmann.
„Wir haben eine Erosion des Bischofsamtes erlebt“
Ein weiteres Ergebnis des Synodalen Weges ist die Synodalkonferenz. Sie soll in diesem Jahr ihre Arbeit aufnehmen und ein ständiges Beratungsgremium von Bischöfen und Laien werden. Ursprünglich sollte dieses Gremium Synodaler Rat heißen und Bischöfe und Laien sollten darin gleichberechtigt entscheiden. Das wurde aber von Rom verboten. Mittlerweile scheint ein Kompromiss gefunden zu sein. Doch es ist nicht klar, welche Befugnisse die Konferenz haben wird. Wird sie auch über die Finanzen für überdiözesane kirchliche Aufgaben entscheiden können?
Vielleicht sind es nicht so sehr die harten Beschlüsse, die zählen. Der Synodale Weg hat eine neue Kultur der gemeinsamen Beratung und Entscheidung eingeübt. Bischöfe und Laien haben miteinander gerungen. „Wir haben uns ehrlicher gemacht“, sagt Sellmann.
Für ihn ist klar, dass die Wahrscheinlichkeit für Missbrauch in der Kirche in Deutschland durch den Synodalen Weg gesunken ist: „Kein Bistum kann mehr vertuschen.“ Die Sensibilität sei gestiegen, die Opferverbände seien aufgewertet und die Allmacht der Bischöfe sei reduziert worden: „Wir haben eine Erosion des Bischofsamtes erlebt.“ Er hofft, dass der Ozeanriese bald seine neue Richtung findet und wieder Fahrt aufnimmt.
Zur Person
Der Pastoraltheologe Matthias Sellmann ist Direktor des Zentrums für angewandte Pastoralforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Kirchenentwicklung.