Notfallseelsorge im Emsland
Da sein, wenn es darauf ankommt
Foto: Petra Diek-Münchow
Drei von fast 40: Ansgar Maul (v. l.), Heinz-Bernd Wolters und Marcus Droste gehören zum Team der Notfallseelsorge Emsland. Im Einsatz tragen sie immer ihre lila Westen.
Es gibt Einsätze, die Ansgar Maul bei seiner Arbeit als Notfallseelsorger im Emsland nie vergisst – die sich in sein Gedächtnis wie eingebrannt haben. Wie der tragische Unglücksfall, bei dem vor einigen Jahren ein kleines Kind ums Leben kommt. „Natürlich, das nimmt einen mit, auch emotional“, sagt der Diakon. Ohne Namen und Ort zu nennen, erzählt er von der zuerst fassungslos erstarrten Trauer der Familie, dann von der unermesslichen Verzweiflung am offenen Sarg des Jungen. „Und als die Mutter dann seine Hände genommen hat, da kamen die Tränen, die Schreie.“ Maul, der als Krankenhausseelsorger in Meppen arbeitet, bleibt an der Seite der Eltern. Zu Hause, auch auf dem Weg in die Friedhofskapelle. Er hält die furchtbare Situation mit aus: stumm, mit Worten, mit einem Händedruck, mit einem Gebet, mit einem Kreuzzeichen. „Das ist unsere Aufgabe als Notfallseelsorger – und das ist eine ureigene Aufgabe der Kirche.“ Eben da sein, wenn es darauf ankommt – wenn das Leben auf dem Kopf steht.
Eine ureigene Aufgabe der Kirche.
Ansgar Maul gehört zum Team der knapp 40 Männer und Frauen, die sich im Emsland in der ökumenisch organisierten Notfallseelsorge einsetzen. Im Mai feiert die Einrichtung, die von der katholischen, der lutherischen und der reformierten Kirche gemeinsam getragen wird, das 25-jährige Bestehen. Wie Ansgar Maul, Koordinator der Notfallseelsorge in den emsländischen Dekanaten, machen viele der Haupt- und Ehrenamtlichen dabei schon seit Jahren oder sogar Jahrzehnten mit. Dazu zählen auch Marcus Droste, lutherischer Pastor in den Kirchengemeinden Emsbüren-Salzbergen, Bad Bentheim, Schüttorf und Spelle, sowie Pastoralreferent Heinz-Bernd Wolters, Gefängnisseelsorger in Meppen. Beide sind fast von Beginn an dabei. Sie erinnern sich noch gut, dass der Anstoß für die Notfallseelsorge im Emsland von den Feuerwehren ausging.
Die Einsatzkräfte hatten nach belastenden Erlebnissen gespürt, dass sie eine seelsorgliche Begleitung brauchen, um die Erfahrungen verarbeiten zu können. Heute ist es laut Wolters „normal, dass wir nach bestimmten Einsätzen mit ins Feuerwehrhaus fahren und uns mit an den Tisch setzen“. Eine große Bewährungsprobe für die neue Notfallseelsorge war im September 2006 der Unfall der Magnetschwebebahn Transrapid im emsländischen Lathen. Etwa 200 Rettungskräfte waren im Einsatz, um die Toten zu bergen und die Verletzten zu versorgen. „Die Bilder könnte ich an die Wand werfen, das vergesse ich nie“, sagt Wolters, der mit dem Team der Notfallseelsorge Emsland und Grafschaft Bentheim vor Ort war, um Helferinnen, Helfern und Überlebenden Beistand zu leisten. Noch oft wird dieser Einsatz als Beispiel für die Notwendigkeit von Seelsorge nach Katastrophen angeführt.
Beistand in schwierigen Zeiten
Heute werden die Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger oft von der Polizei gebeten, Todesnachrichten mit zu überbringen. „Das ist fast Standard geworden“, sagt Wolters. Oder um Familien beizustehen, wenn Menschen zum Beispiel ganz unerwartet zu Hause sterben. Und wie sieht dann die Hilfe aus? Droste spricht von einem Dreischritt: den Angehörigen Orientierung geben, sie stabilisieren und ihre eigenen Ressourcen aktivieren. Ganz konkret heißt das: „Gespräche, Gespräche, Gespräche – und auch mal den Mund halten, schweigen und mit aushalten“, sagt der lutherische Pfarrer. „Jede Reaktion darf dann sein – schreien, Tassen kaputt werfen, auf Gott schimpfen.“
Das Miteinander ist wirklich hervorragend.
Auch bei Verkehrsunfällen, Suizid oder wenn es zu Unglücken in Betrieben kommt, wird das Team gerufen. Wie lange die Einsätze dauern, ist unterschiedlich, „ein bis drei Stunden“, berichtet Ansgar Maul. Wer wann wohin fährt, das organisieren die Seelsorger über eine App und einen elektronischen Dienstplan. Zwischen 150 und 170 Mal im Jahr meldet sich die Rettungsleitstelle, über die die Alarmierung läuft. Maul lobt die hohe Motivation seiner Kolleginnen und Kollegen: „Die machen das mit so viel Herz und geben der Kirche damit ohne großes Aufhebens ein Gesicht – die einfach fragen: Was darf ich dir tun?“ Zudem hebt er die „wunderbare Zusammenarbeit“ mit Feuerwehren, anderen Hilfsdiensten, Sanitätern, Polizei und Landkreis, der die Kosten für Schutzkleidung oder Software finanziert, hervor. „Das Miteinander ist wirklich hervorragend.“
Die Zahl der Einsätze ist seit Gründung der Notfallseelsorge im Emsland deutlich gestiegen. Marcus Droste führt das unter anderem auf den steigenden Bekanntheitsgrad zurück – und die Erkenntnis, wie wertvoll „dieser Auftrag der Kirche“ ist. Was die drei Männer zu den künftigen Herausforderungen bringt. „Wir brauchen mehr Leute“, sagt Ansgar Maul, „vor allem auch Ehrenamtliche.“ Vor ihrem Dienst machen sie eine entsprechende Ausbildung mit. Bisher mussten sie einen großen Teil des Kurses selbst zahlen. „Nach langem Kampf ist die Finanzierung zu 100 Prozent für Ehrenamtliche geklärt“, sagt Maul. Das übernimmt in der katholischen Kirche nun das Bistum Osnabrück. Das ist im Jubiläumsjahr doch eine gute Nachricht
Zur Sache
220 Männer und Frauen aus der katholischen und evangelischen Kirche engagieren sich haupt- und ehrenamtlich auf dem Gebiet des Bistums Osnabrück in der Notfallseelsorge. Sie stehen Menschen in einer Notlage zur Seite – sei es durch einen Unfall, ein Unglück oder den Tod eines Angehörigen zu Hause. Zudem betreuen sie Mitglieder der Rettungsdienste. Im Bistum Osnabrück ist Pastoralreferent Michael Randelhoff der Diözesanbeauftragte und zuständig unter anderem für Aus- und Fortbildung sowie Vernetzung auf Landesebene. Ökumenische Teams der Notfallseelsorge gibt es in Ostfriesland, dem Emsland, der Grafschaft Bentheim, Bremen, Osnabrück-Süd, -Nord, -Stadt, Bremen und in Twistringen.
Im vergangenen Jahr gab es knapp 1000 Einsätze. In akuten Notlagen werden die Seelsorgerinnen und Seelsorger immer über die Rettungsleitstellen (112) alarmiert.