Impuls zur Sonntagslesung am 21. Juni 2026
Pfarrer Hauskeller: Verfolgt von der eigenen Kirche
Foto: Michael Bauroth
Späte Versöhnung: Jürgen Hauskeller im Gottesdienst mit Landesbischof Friedrich Kramer (links) und Regionalbischof Tobias Schüfer (rechts) an seinerehemaligen Wirkungsstätte, der Kirche Zella St. Blasii, am 7. Juni 2025
Gut 57 Jahre war das Leben von Pfarrer Jürgen Hauskeller überschattet von Bespitzelung, Verrat, Verleumdung und übler Nachrede – ähnlich, wie es in der Klage des Propheten Jeremia heißt: „Grauen ringsherum.“ Zum Teil ging das Unrecht sogar von der eigenen Kirche aus, von Glaubensbrüdern und -schwestern. Bis er daran „fast zugrunde gegangen wäre“, sagt Hauskeller. „Das war auch nach der Wende viele Jahre eine offene Wunde. Ich habe einfach keine Ruhe gefunden.“ Bis 2025 die Erlösung folgte: Bei einem Bußgottesdienst bat ihn die evangelische Kirche um Vergebung für das Unrecht, das sie ihm jahrzehntelang zugefügt hatte. „Das war, als ob sich Himmel und Erde berührt hätten“, sagt Hauskeller.
Geboren 1937 in Meuselwitz, wurde Hauskeller 1968 Jugendpfarrer in Zella-Mehlis, 1975 dann in Sondershausen. Mit seinen Gottesdiensten, in die er früh eine Band, neue geistliche Lieder und aktuelle Gesellschaftsthemen einband, hatte er Erfolg. „Fast automatisch“, sagt er, sei er ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit geraten. „In der DDR hatte der Staat das Monopol für die Jugendarbeit. Kirche war da nicht vorgesehen.“
„Kein Einziger hat gesagt:Es tut mir leid“
Von 1968 bis 1989 wurde er von der Stasi beobachtet. Ziel war Zersetzung. Rund 1000 Seiten Berichte wurden über ihn gefertigt. Beteiligt waren, so belegen es die Akten, rund 100 Menschen. Darunter auch sein langjähriger Vorgesetzter, der 2008 verstorbene Superintendent Reinhold Adebahr, sowie andere Geistliche und Kirchenmitglieder.
Als Hauskeller 1992 Einsicht in seine Stasi-Unterlagen erhielt, war der Schock groß. Dass er beschattet wurde, sei für ihn, der in seinen Predigten unter anderem die zunehmende Militarisierung der DDR-Gesellschaft angeprangert hatte, zwar klar gewesen, sagt Hauskeller. Doch dass daran so viele Geistliche beteiligt waren, hatte er sich nicht vorstellen können. „Von den elf Mitgliedern im Landeskirchenrat haben zuletzt sechs für die Stasi gearbeitet“, sagt er. Auch sein ehemaliger Bischof Ingo Braecklein, vormals Mitglied der NSDAP, entpuppte sich als Inoffizieller Mitarbeiter (IM).
Doch das Schlimmste war für Hauskeller nicht die Bespitzelung, sondern die Schmach, die er anschließend erlebte. Trotz seiner Tätigkeit als IM „Storch“ und „Papst“ für das MfS blieb Adebahr bis 1998 Hauskellers direkter Vorgesetzter. Insgesamt 15 Menschen konfrontierte Hauskeller mit Erkenntnissen aus seinen Stasi-Akten. „Doch alle leugneten. Und am Ende wurden mir sogar Vorwürfe gemacht. Ich wurde beschimpft. Kein Einziger hat gesagt: Es tut mir leid“, erinnert sich der 89-Jährige. „Ich musste das Ganze dann abbrechen, weil ich das psychisch nicht weiter durchgestanden hätte.“
Mehr noch: Immer häufiger wurde er im Kollegenkreis als Unruheherd stigmatisiert. Und das, obwohl er – anders als viele andere Stasi-Opfer – die Presse nicht informierte. „Ich dachte immer: Wenn es eine Institution gibt, die mit Themen wie Schuld und Sünde oder Vergebung und Sühne gut umgehen kann, dann ist es die Kirche“, sagt Hauskeller. Doch das Gegenteil war der Fall. Als der Geistliche die Kirchenspitze unterrichtete, kam ihm das vor, als laufe er „gegen eine Wand“.
Der erste Bischof, den Hauskeller kurz vor dessen Rente ansprach, sagte, er wolle das heikle Thema nicht mehr anfassen; Hauskeller solle sich an seinen Nachfolger wenden. Doch der nachfolgende Bischof machte alles noch schlimmer. Er schenkte den Aussagen Adebahrs Glauben, der behauptete, er habe nie für die Stasi gearbeitet. Hauskeller galt im Kollegenkreis fortan als Nestbeschmutzer. Man warf ihm vor, er wolle Biografien zerstören. Zu allem Überfluss betraute die Thüringische Landeskirche den ehemaligen MfS-Mitarbeiter Braecklein 1991 mit der Aufarbeitung der Beziehungen kirchlicher Mitarbeiter zur Stasi. Für Hauskeller stand nun endgültig fest: „Meine Kirche betreibt lieber Täter- als Opferschutz.“
„Ich genieße jeden Tag als etwas ganz Besonderes“
2000 ging er in den Ruhestand. 2002 zog er mit seiner Frau, einer evangelischen Pastorin, in den Kongo. Das Paar gründete dort zwei Waisenhäuser, ein Krankenhaus und eine Schule. Zudem adoptierten sie drei afrikanische Kinder. 2006 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Für sein Engagement für die Kinder im Kongo wurde Hauskeller 2018 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Nur in seiner Kirche galt er weiterhin als Persona non grata. Man verweigerte ihm den Zugang zu seiner ehemaligen Kirche in Sondershausen. Auch die Taufe der drei Kinder in Hauskellers ehemaliger Gemeinde wurde ihm vom Gemeindekirchenrat verboten.
Erst als der Kirchenhistoriker Friedemann Stengel begann, die Kirchengeschichte der DDR neu aufzuarbeiten, setzte ein Umdenken ein. Hauskeller durfte seine Geschichte erzählen. Erst dem Historiker, dann auf einem Forum zur Aufarbeitung der Kirchengeschichte in Halle und schließlich zwei Bischöfen. Vor allem Bischöfin Ilse Junkermann zeigte sich nach einem dreistündigen Gespräch, für das sie zu Hauskeller nach Leipzig gereist war, tief betroffen.
36 Jahre nach der Wende erfolgte Pfingsten 2025 die Vergebungsbitte der Kirche und der Bußgottesdienst. „Das war eine Befreiung“, sagt der Geistliche. Anders als der Prophet Jeremia jedoch habe er „nie Rachegedanken“ gehabt, sagt der 89-Jährige. Gemeinsam mit seiner Frau Christine betreibt er den Verein „Hilfe für Menschen im Kongo“, reist oft und gerne ins Ausland. „Das erlebe ich als großes Geschenk. Ich genieße jeden Tag als etwas ganz Besonderes“, sagt er.![]()
Zur Person
Jürgen Hauskeller studierte in den 1950er Jahren evangelische Theologie. Trotz vieler Repressalien gegen die Kirche wurde er Pfarrer wie sein Vater.