Brauchtum zum populären Heiligen

Sankt Martin - Schutzpatron und Kinderheld

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Ein Mann spielt Sankt Martin bei einem Umzug
Nachweis

Foto: kna/Martin Jung

Weckmänner, Laternen, Feuer – rund um den heiligen Martin gibt es so viele Traditionen wie sonst kaum zu einem Namenspatron. Und nur wenige Heilige sind noch heute so populär. Warum?

„Jetzt wird Teilen doppelt schön! Kommen Sie zu den Sankt Martinswochen: Große Auswahl, geteilte Preise!“ So wirbt ein Möbelhaus im Rhein-Main-Gebiet in diesen Tagen um potenzielle Kunden. In Lahnstein gibt es gar ein Martinator-Bier. Und jedes Jahr laufen Hunderte von Kindern beim Martinsumzug mit, ob getauft oder nicht. Kaum ein Heiliger ist so populär wie der Bischof von Tours aus dem vierten Jahrhundert.

Das können auch die Museumspädagoginnen im Mainzer Dom bestätigen. Der heilige Martin, ein gebürtiger Ungar, ist sein Schutzpatron. Martinsdarstellungen finden sich im Chorgestühl, am Memorienportal, am Eingang der Domstraße und im Kreuzgang. Häufig wuseln Kinder durch die Gänge und schauen sich suchend nach dem Mann mit dem Pferd um. „Besonders für Kinder ist es eine positiv besetzte Figur, die meistens schon durch die Martinsumzüge bekannt ist – ein Wissen, das wir gerne spielerisch aufgreifen. Wir lassen die Mädchen und Jungen ihn finden“, erklärt Antje Schilling, Leiterin der Museumspädagogik. Über die bekannte Geschichte finden sie einen Zugang zu den Kunstwerken.

Traditionen, die schon immer da waren

Sankt Martin wacht über die Stadt und das Bistum: Seit 1770 steht auf dem Westchor-Dach des Mainzer Doms ein großes Reiterstandbild des Schutzpatrons.
Sankt Martin wacht über die Stadt und das Bistum: Seit 1770 steht auf dem Westchor-Dach des Mainzer Doms ein großes Reiterstandbild des Schutzpatrons.
Foto: Bistum Mainz/Nichtweiß

Werner Mezger ist Kulturwissenschaftler an der Universität Freiburg und hat viel über den heiligen Martin von Tours geforscht. Erklärungen, warum Martin nicht verschwunden ist, wie viele andere Heilige, hat er einige. Mezger betrachtet in seiner Forschung zwei Bereiche, die dafür entscheidend sind: zum einen die kalendarischen Umstände rund um Martins Leben und die ökonomischen Bräuche rund um seine Person. Zum anderen die hagiografischen, also auf Heiligenlegenden bezogenen, und die theologischen Bräuche zu Sankt Martin. Zu den ökonomischen Traditionen entdeckte er Spannendes: „Martin hatte sozusagen Glück, dass er am 10. November verstorben ist und am 11. November beerdigt wurde.“ Der 11. November, wie wir ihn heute im Kalender haben, war bereits in vorchristlicher Zeit ein Einschnitt im Leben der Menschen: Die Feldarbeit war getan, es fanden viele Erntefeste statt, der erste Wein wurde verkostet. Kurz: Das bäuerliche Arbeitsjahr war beendet. „Insofern fiel der Gedenktag des heiligen Martin auf einen schon lange vorher bestehenden Feiertag“, sagt Mezger.

Aufgrund der Erntefeste habe es sicher vorher schon etwa den Brauch des Gänseschlachtens gegeben. Zumal am 10. November der letzte Tag vor Beginn der Fastenzeit zum Weihnachtsfest war. In der Martinslegende liest sich das freilich anders: Martin möchte nicht Bischof werden, weil er so bescheiden ist. Er versteckt sich vor seinen Bewunderern im Gänsestall – eine schlechte Wahl, da ihn die schnatternden Tiere verraten. Rasch wurde das traditionelle Gänseschlachten in die Theologie eingebunden. Doch die Legende um den bescheidenen Martin und viele weitere abenteuerliche Geschichten passten einfach zu gut. Katholischer Glaube lebt eben nicht nur in der feierlichen Messe vom Geheimnisvollen, Herzergreifenden und Dramatischen.

Bräuche mit liturgischem Bezug

Laternenumzug
Foto: kna

Manche Bräuche rund um Martin sind nur mit liturgischem Bezug zu erklären. So ist es etwa mit den Martinszügen, bei denen alljährlich Kinder ihre Laternen erleuchten lassen. „Bis zum Zweiten Vatikanum galt für alle Tage des Kirchenjahres eine einheitliche Leseordnung, das sogenannte Missale Romanum. Mehrere Lesejahre gab es noch nicht. Es fiel also jahrhundertelang derselbe Text auf denselben Tagen“, erklärt Mezger. In der alten Leseordnung wurde immer zum Martinstag die sogenannte Lucerna-Perikope gelesen. Perikope ist der Fachbegriff für einen bestimmten Bibelabschnitt. Die Lucerna-Perikope stammt aus dem Lukasevangelium (Lukas 11,33–36): „Niemand zündet ein Licht an und stellt es in einen versteckten Winkel, sondern man stellt es auf einen Leuchter, damit alle, die eintreten, es leuchten sehen.“ Durch die Tradition der Laternenumzüge „setzen wir also diese Perikope in Szene“, sagt Mezger.

Die Museumspädagoginnen im Mainzer Dom erklären Martins Beliebtheit bei den Kindern damit, dass er ein besonders nahbarer Heiliger ist. „Als Soldat, der sich gegen Gewalt und für Nächstenliebe entscheidet, trägt er zur Auseinandersetzung mit moralischen Themen bei und kann auch Identifikationsträger sein“, sagt die Museumspädagogin. „Anders als manch andere Märtyrer-Viten ist Martins Biografie zudem nicht allzu brutal und kann daher schon bei kleinen Kindern vorgetragen werden.“

Die Verehrung von St. Martin kennt man – im Gegensatz zu anderen Heiligen – auch in der evangelischen Kirche. Denn niemand Geringerer als Martin Luther wurde 1483 am 10. November geboren. Damals wurden Kinder häufig nach dem Patron benannt, dessen Gedenktag auf ihren Geburtstag fiel. „Sogar während der DDR-Zeit fand in Erfurt stets eine große ökumenische Martinsfeier zwischen Dom und Severikirche statt“, berichtet der Kulturwissenschaftler Mezger.

Die wichtigste Tat des heiligen Martin ist wohl die Teilung seines Mantels. Mit diesem starken Bild der Nächstenliebe kann jeder Mensch etwas anfangen, „darum ist es bis heute aktuell“, sagt Mezger, den die Geste des Heiligen nach wie vor fasziniert. „Die Teilung des Uniformmantels war für den Soldaten Martin nicht ungefährlich, denn er zerstörte damit Eigentum der römischen Armee. Stellen Sie sich heute mal einen Bundeswehrsoldaten vor, der seine Uniform zerschneidet!“

Theresa Breinlich und Elisabeth Friedgen

Worms - die doppelte Martinsstadt

Auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik war der heilige Martin an zwei Orten, in Trier und in Worms. Nachdem die Germanen erneut in Gallien einfielen, zogen die Römer am Rhein ein Heer zusammen. Im Lager bei Worms traf der Offizier Martin auf Kaiser Julian. Wie es üblich war, wollte der Imperator vor der Schlacht jedem einzelnen Soldaten eine Prämie übergeben. Als Martin aufgerufen wurde, bat er darum, aus der Armee entlassen zu werden, weil er als Christ nicht länger mit der Waffe kämpfen wollte. Der Kaiser wurde wütend und ließ Martin in einen Kerker werfen – der soll sich an der Stelle der heutigen Kirche St. Martin befunden haben. Im Kampf sollte Martin am nächsten Tag unbewaffnet in der ersten Reihe stehen. Doch die Germanen ergaben sich. Er war gerettet.

Die St. Martins-Kirche in Worms, die frühromanischen Ursprungs ist, besteht tatsächlich teilweise aus römischem Mauerwerk. Es gibt Berichte, dass dieses über Jahrhunderte wie eine Reliquie als der Ort des Martins-Kerkers verehrt wurde. Im 19. Jahrhundert war die Tradition vergessen und die Mauern wurden verputzt. Vor einigen Jahren haben Bauforscher die Geschichte aufgearbeitet.

Die Pfarrgemeinde möchte nun an die alte Tradition anknüpfen. „Der heilige Martin kann uns auf vielfältige Weise ein Vorbild sein. Er ist solidarisch mit den Armen und ihm war die frohe Botschaft wichtiger als kirchliche Strukturen. Auch ist er ökumenisch von Bedeutung. Martin Luther, der in Worms auch eine wichtige Rolle spielt, ist nach dem heiligen Martin benannt“, sagt der Wormser Propst Tobias Schäfer von der Pfarrgruppe Dom St. Peter und St. Martin.