Gertrud Hellbrück ist Vorlese-Oma

Sie schenkt Zeit

Image
Fantasie anregen und Konzentration einüben: Gertrud Hellbrück engagiert sich als Vorlese-Oma im Inklusiven Campus Duderstadt.
Nachweis

Foto: Madlin Dettenbach/Caritas Südniedersachsen

Caption

Fantasie anregen und Konzentration einüben: Gertrud Hellbrück engagiert sich als Vorlese-Oma im Inklusiven Campus Duderstadt.

Durch ihr Engagement verbreitet Gertrud Hellbrück viel Freude bei jungen und alten Menschen. Sie hat sich zur ehrenamtlichen Seniorenbegleiterin ausbilden lassen, leitet eine Bewegungsgruppe und ist Vorlese-Oma für Kinder.

Blauer Himmel, Sonne, ein wenig Wind. An diesem Herbsttag genießen einige Bewohner des Lorenz-Werthmann-Hauses (LWH) die Nachmittagssonne auf ihrer Terrasse. Auf der anderen Seite des Innenhofs im gleichen Gebäudeblock steht Gertrud Hellbrück auf ihrem Balkon und winkt ihnen zu. „Das Besondere sind hier die kurzen Wege und ich kann mich trotzdem abschotten. Gerade neue Bewohner im LWH freuen sich so, wenn man ihnen zuwinkt, das ist einfach etwas Schönes“, sagt sie.

Seit einigen Jahren wohnt Hellbrück mit ihrem Mann in einer Wohnung mit direktem Ausblick auf das LWH. Und beim Zuwinken blieb es auch schon vor dem eigenen Zuzug nicht. Hellbrück kennt alle Bewohnerinnen und Bewohner der Wohngruppen für Senioren in der Duderstädter Innenstadt persönlich. Regelmäßig engagiert sie sich dort ehrenamtlich, leitet beispielsweise die wöchentliche Bewegungsgruppe. Und Hellbrück hilft auch in der Schreibwerkstatt, wenn es darum geht, die Lebensgeschichte der Teilnehmenden als Buch drucken zu lassen. 

Sie machte noch eine Ausbildung

Von ihrem Balkon grüßt Hellbrück die Nachbarn.
Von ihrem Balkon grüßt Hellbrück die Nachbarn.  Foto: Johannes Broermann

Eröffnet wurde das LWH mit zwei Wohngruppen und einer Seniorenbegegnungsstätte 2009 von der Caritas. Schon kurze Zeit später stieß die heute 74-Jährige zum Team der ehrenamtlich Engagierten. Gleich zu Beginn ließ sie sich in einem DUO-Kurs zur zertifizierten Seniorenbegleiterin qualifizieren, mit umfangreichem Theorieteil und mehreren Praxisstationen. „Es war richtig klasse“, schwärmt sie noch Jahre später. 

Während der Praxisstunden lernte sie die Bewegungsgruppe im LWH kennen, die sie heute leitet. „Mit ganz wenig Material wollen wir Mut machen, dass die Menschen Freude kriegen, sich zu bewegen“, erklärt Hellbrück das Konzept. Mit weichen Bällen etwa, die im Sitzkreis weitergeworfen werden. So eine Übung fördere nicht nur die Beweglichkeit, sondern auch die Gemeinschaft. Manche Teilnehmenden würden sogar vergessen, was sie eigentlich nicht mehr zu können meinen, beispielsweise ihren Arm höher zu heben.

Als ausgebildete Erzieherin engagierte sich Hellbrück in ihrer Freizeit auch früher schon, im Sportverein als Trainerin für Kinder und Jugendliche, im Kreissportbund als Vorstandsmitglied und Referentin für Frauen und für Aus- und Fortbildung. Da lag es nahe, nun ein Bewegungsangebot für Ältere zu begleiten. Ihr Engagement im LWH, das betont Hellbrück, sei eine bewusste Entscheidung. Sie wolle „etwas für ältere Menschen tun, denen es nicht mehr so gut geht“.

Damit nicht genug. Auch die Jüngsten liegen ihr am Herzen. Als der 2020 von der Caritas in Duderstadt eröffnete Inklusive Campus mit Kindertagesstätten und Familienzentrum eine Vorlese-Oma suchte, hat sie sich auch dort gemeldet.

Auftanken im Kloster Marienrode

Kraft für ihr Engagement holt sich Hellbrück seit Jahren regelmäßig im Kloster Marienrode in Hildesheim. Mit einer der Benediktinerinnen fühlt sie sich besonders verbunden. „Lass dich nicht überreden zu etwas, was du nicht willst, sondern entscheide bewusst“ sei deren Ratschlag gewesen, den sie immer beherzige.

Die kurzen Wege zwischen LWH-Terrasse und eigenem Balkon gelten in beide Richtungen, denn ehrenamtliches Engagement kann auch spontan starten. Etwa wenn ein LWH-Mitarbeiter über den Innenhof gelaufen kommt und bei Hellbrück fragt, ob sie am Abend schon etwas vorhabe. Da kann es dann vorkommen, dass sich Hellbrück kurzfristig auf den Weg macht und eine LWH-Bewohnerin im Rollstuhl zu einem Konzert in eine der nahegelegenen Kirchen begleitet und ihr Zeit und Freude schenkt.

Zur Sache: Qualifizierungsprogramm DUO

DUO-Kurse qualifizieren in Niedersachsen ehrenamtliche Seniorenbegleiter. Dabei geht es um Themen wie eigene Rolle und Selbstverständnis, soziale Kompetenzen, Tagesstrukturierung und -aktivierung sowie psychische und physische Veränderungen im Alter. Anschließend unterstützen die Absolventen ältere Menschen in ihrem Alltag, sie nehmen sich vor allem Zeit zum Reden und Zuhören oder für gemeinsame Unternehmungen. Infos zu anstehenden Kursen bietet www.senioren-in-niedersachsen.de. Ähnliche ehrenamtliche Besuchs- und Begleitungsdienste werden auch in anderen Bundesländern angeboten. 

Johannes Broermann