Ein Mensch, der handelt
Solwodi Osnabrück hat eine neue Leiterin
Lisa Discher
Der neue Name hinter Solwodi Osnabrück: Irene Prinz hat Anfang des Jahres die Leitung von Martina Niermann übernommen.
Vor sieben Monaten hat sie den neuen Job übernommen und genauso lange brauchte es, dass ihr Blick auf die Welt ein anderer wurde. „Plötzlich sieht man die Abgründe der Gesellschaft.“ Seit Anfang des Jahres ist Irene Prinz die Leitung von Solwodi Osnabrück, einem Verein, der Frauen in Not hilft. Die Themen: keine schönen, außerdem solche, die zu wenig Beachtung in der Gesellschaft finden. Zwangsprostitution, Gewalterfahrungen, Menschenhandel.
Trotzdem: Nie zuvor hat Irene Prinz sich so gefreut, wenn sie die Wohnungstüre am Morgen hinter sich zuzog, um zur Arbeit zu gehen. Nicht wegen der schrecklichen Schicksale, die sie mitbekommt – sondern, weil sie helfen kann. Direkt und unmittelbar. Nicht wirklich ausgefüllt, habe sie das Arbeitsleben vor Solwodi. Bürokauffrau, Wirtschaftsjuristin, Stationen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Jobcenter, ambulante Familienhilfe, Kindergarten – sie blieb nirgends länger als drei Jahre. Irene Prinz sagt: „Ich habe wohl schon immer auf genau diese Stelle hier hingearbeitet.“
Vor sieben Jahren der Wendepunkt
Fester Händedruck, gerader Rücken, strikter Zeitplan, Terminkalender voll. Irene Prinz betritt ihr Büro wie jemand, der angekommen ist, sich wohlfühlt in der neuen Rolle, weiß, was er will: helfen. Denn das, so Prinz, sei ihre Gabe. Das war jedoch nicht schon immer so. Ein Moment vor sieben Jahren – ihr Wendepunkt. „Ich habe gesehen, wie jemandem Unrecht widerfuhr.“ Was genau passierte, darauf wolle sie nicht eingehen, darum gehe es nicht. Wichtig sei, dass es passierte. „Das hat mich tief bewegt“, sagt sie. „Weil ich versucht habe, öffentliche Behörden darüber zu informieren, doch nicht weiterkam.“ Machtlosigkeit, Irritation, dann der Entschluss: Sie wusste, sie wolle selbst handeln können.
Es sei schlimm, sagt Irene Prinz, zu welchen Taten Menschen imstande wären. Das habe sie sich früher nicht vorstellen können. Sie zieht die Augenbrauen zusammen, spricht schneller: „Aber Zwangsprostitution und Menschenhandel“, sie klingt verärgert, „sind einfach bis heute keine Themen.“ Prinz zuckt mit den Schultern, sagt: „Nicht in der Gesellschaft, nicht in der Politik.“ Doch um Schuld geht es ihr nicht, sondern ums Helfen. „Wer bin ich, zu urteilen?“, sagt die 37-Jährige.
„Wer bin ich, zu urteilen?“
„Oft denke ich: Verletzte Menschen verletzen Menschen.“ Keine Rechtfertigung für schreckliche Taten solle das sein, nur der Versuch, Unverständliches erklären zu können. Irene Prinz ist ein Mensch, der handelt – rational und zugleich empathisch. Jeden Tag jongliert Prinz die neuen Aufgaben. Balanciert zwischen Personal, Verwaltung und den Frauen, die mit Koffern voller schrecklicher Lebensgeschichten vor ihr sitzen, darauf hoffend, das Erlebte auszupacken, gemeinsam. Um dann anzupacken; das neue Leben in Sicherheit und Freiheit und Selbstständigkeit.
Es braucht Empathie und Fachwissen
Dafür braucht es Empathie, aber auch Fachwissen. Darum studiert Irene Prinz nebenbei zum zweiten Mal. Soziale Arbeit, ihre Bachelorarbeit schreibt sie über Menschenhandel. „Wenn mir jemand sagt: Du machst echt viel, dann denke ich mir: Nein.“ Schließlich habe jeder eine eigene Belastungsgrenze. Wichtig sei, damit richtig umzugehen. Denn es gibt immer wieder Fälle, die Irene Prinz emotional berühren. Nur menschlich sei das. „Ja, es belastet mich“, sagt Prinz, „aber es macht mich nicht fertig.“ Im Freundeskreis stößt sie auf Verständnis. Selbstfürsorge sei wichtig.
Optimal dafür? Ihr Freundeskreis. Und der, so Prinz, besteht zum Großteil aus Sozialarbeitern. Somit stoße sie dort immer auf Verständnis, könne sich austauschen, über das, was sie gerade beschäftige. Doch auch Reflexion sei wichtig. Nur für sich im Auto auf dem Nachhauseweg – lässt sie den Tag Revue passieren. Zu Hause angekommen, wenn die Tür ihrer Wohnung wieder hinter ihr ins Schloss fällt, atmet Irene Prinz einmal tief durch. „Dann sage ich mir: Jetzt hast du Feierabend. Ganz bewusst.“ Was bleibt? Begegnungen, Vertrauen, Dankbarkeit. Ein Neuanfang – für die Frauen in Not und die, die ihnen helfen.