Interview mit Trauerbegleiterin Gisela Schmiegelt

Trauer ist nie vorbei, sie kann sich wandeln

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Brennende Teelichter in einer Kirche
Nachweis

Foto: unsplash.com, Getty Images

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Trauer ist nie vorbei, sie kann sich wandeln

„Jetzt musst Du aber mal darüber hinweg sein“ – oft bekommen Trauernde diese Äußerung zu hören. Trauerbegleiter wie Gisela Schmiegelt würden solchen Aussagen gerne den Druck nehmen.

Eine Frau schaut in die Kamera
Gisela Schmiegelt ist Seelsorgerin in der katholischen Pfarrei Christus König in Osnabrück. Foto: privat

Wenn wir an Trauer denken, meinen wir wahrscheinlich in erster Linie den Tod eines geliebten Menschen. Aber trauern wir nicht auch um Anderes?
Gisela Schmiegelt: Natürlich. Das können auch die Lebensumstände sein, die sich ändern. Das können Beziehungen sein, die nach einem Umzug verlorengehen. Das kann die Trennung von Partnerin oder Partner sein. Oder der Ver-lust der Gesundheit. Wenn wir von Trauer sprechen, denken wir aber in den meisten Fällen an einen Todesfall.

Würden Sie mir zustimmen, dass es schwierig ist, öffentlich zu trauern? 
Nicht unbedingt. Ich glaube, dass in den letzten Jahren die Trauer oder das Bewusstsein dafür näher an die Menschen herangekommen ist. Das passiert zum Beispiel durch die Medien – viele Filme oder Bücher greifen das Thema auf. Es ist nicht mehr so wie noch vor 20, 30 oder 40 Jahren. Seit mehreren Jahrzehnten wird über Trauer wissenschaftlich geforscht. Ich glaube, das hat auch geholfen, Trauer in der Gesellschaft zu thematisieren.

Beim Film kann man ausschalten, wenn einem das Thema zu nahe geht, das Buch kann man zuklappen. Ist es nicht immer noch schwierig, über Trauer zu reden? 
Das stimmt schon! Man wird bei dem Thema immer an die eigene Endlichkeit erinnert. Auch die Angst vor eigenen Trauererfahrungen können eine Rolle spielen, die dann angetriggert werden. Das kann sehr schmerzhaft sein. 

Welche Art der Trauerbegleitung steht bei Ihnen im Mittelpunkt?
Ich habe in den meisten Fällen mit den Menschen zu tun, die jemanden durch Tod verloren haben, und mit allen Empfi ndungen und Problemen, die damit einhergehen. Da kann es sein, dass, wenn zum Beispiel der Vater stirbt, alles hochkommt, was der Sohn oder die Tochter in der Kindheit als negativ erfahren hat. Das kann dann ein Gefühlschaos auslösen. Oft ist der Tod eines Angehörigen schon eine Zeit lang her und die Trauernden kommen in die Begleitung und sagen: Ich kann mit anderen Menschen nicht mehr darüber sprechen, denn das wollen die gar nicht mehr hören. Die vermitteln mir das Gefühl: Jetzt muss es aber mal gut sein mit der Trauer.

Der Klassiker: Jetzt musst du aber langsam darüber hinweg sein. – Wer bestimmt eigentlich den Zeitpunkt dafür? 
Den kann keiner bestimmen. Trauer ist so individuell, einmalig und so unterschiedlich, dass man nicht sagen kann: Trauer ist so oder so. Die Trauer bemisst sich an der Person, an den Lebensumständen, an den Todesumständen. Das spielt alles eine Rolle.

Es gibt also keine zeitliche Begrenzung?
Nein, manche Menschen trauern sehr, sehr lange. Manche Trauer hört auch gar nicht auf. Wenn man überlegt, dass manche Menschen 50 Jahre und auch länger zusammengelebt haben oder Menschen ein Kind verlieren, dann verändert sich das eigene Leben unumkehrbar. Nein, Trauer muss nicht in einer bestimmten Zeit zu Ende sein.

Gibt es einen Ratschlag für jemanden, der gedrängt wird, „darüber hinwegzukommen“?
Man ist versucht, sich zurückzuziehen und den Kontakt zu meiden, wenn man so etwas zu hören bekommt. Ein Rückzug kann aber in die Isolation führen. Besser ist es, das offen anzusprechen oder sich Menschen zu suchen, mit denen man sprechen kann.

Gibt es etwas, das helfen kann, irgendwann die Trauer zu überwinden? 
Trauer überwinden, diesen Begriff würde ich jetzt nicht nehmen. Trauer wandelt sich und wird möglicherweise leichter. Oft ist die Trauer auch nach Jahrzehnten immer noch da. Man sieht ein Bild oder ein Erinnerungsstück, und schon sind die Gefühle der Trauer wieder da. Aber im Alltag wird sie oft überlagert von anderen Dingen. Das ist auch völlig normal. Aber selbst, wenn sie sich auch wandelt, ist sie bei vielen lange, lange, lange da. Oftmals bis zum eigenen Tod.

Erinnerungen können eine Form der Trauer sein. Foto: unsplash.com, Debby Hudson

Gibt es eine Form, von der Sie sagen würden, das ist eine gute Form von Trauer? 
Im Prinzip muss jeder Trauer selbst durchleben. Was tut mir gut? Das ist schwer zu beurteilen. Der eine sagt zum Beispiel, ich räume sofort alles weg, was mich an den Verstorbenen erinnert, weil die Erinnerung schmerzhaft ist. Andere sagen, ich kann gar nichts wegschmeißen, ich brauche das alles. Einige sagen, ich fahre in den Urlaub mit einer Freundin, das tut mir gut. Andere sagen, das geht gar nicht, ich kann gar nicht in den Urlaub fahren. Einige sagen, ich unterhalte mich mit dem verstorbenen Menschen, gehe auf den Friedhof und spreche mit ihm oder ihr. Andere sagen, Friedhof geht gar nicht. Jeder muss also selbst erspüren, was ihm guttut.

Das wäre dann aber eine kurze Trauerbegleitung, wenn Sie nur sagen: Schau mal, was dir hilft.
(lächelt): Nein, damit ist es natürlich nicht getan. Trauerbegleitung ist mehr. Wir bieten zum Beispiel Trauercafés an, in denen die Menschen mit Gleichgesinnten sprechen; das ist dann wie eine Selbsthilfegruppe. Trauerbegleitung kann aber auch in konkrete Hilfestellung münden, wenn jemand sagt: Mein Mann hat immer alles mit dem Computer gemacht, ich bin damit völlig überfordert. Dann können wir an jemanden vermitteln oder jemand findet sich aus dem Gesprächskreis.

Können gläubige Menschen mit Trauer besser umgehen?
Die Frage ist nicht einfach und kurz zu beantworten. Jede Biographie ist anders, jede Trauer ist anders und auch die Beziehung zu Gott ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Der Tod stellt für uns Menschen eine unüberwindliche Grenze dar. Der geliebte Mensch ist nicht mehr da und es bleibt eine schmerzhafte Lücke. Gläubige Menschen haben in Gott ein „Gegenüber“, dem sie ihre Trauer und Verzweiflung anvertrauen können. Aber auch Wut und Anklage können sie diesem Gott „entgegenschreien“ – um es drastisch auszudrücken. Das findet sich zum Beispiel in den biblischen Klagepsalmen. Fragen nach dem Sinn des Lebens können auftreten und das bisherige Gottesbild gerät ins Wanken. Andere Trauernde fühlen sich von Gott in der Trauer getragen und gestärkt. Die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und ein Wiedersehen des betrauernden Menschen schenkt Kraft, um das Leben neu auszurichten.

Gibt es eine durchschnittliche Art von Trauerbegleitung? Oder ist auch das jedes Mal anders?
Ja, das ist jedes Mal anders. Manchmal ist es eine lange Begleitung, vielleicht sogar über ein Jahr, in dem wir uns immer wieder treffen und reden, mal gemeinsam zu einer Veranstaltung gehen und versuchen, dem Leben wieder eine Struktur zu geben. Und manchmal ist es nur ein einzelnes Gespräch. Da möchte jemand nur mal erzählen, wie es ihm geht.

Ist es für die Trauer ein Unterschied, ob der Verstorbene jung oder alt war?
Wenn jemand in hohem Alter verstorben ist, dann ist die gemeinsame Zeit, die zurückliegt, sehr lang. Dann trauert man unter anderem um die vielen gemeinsamen Erlebnisse. Bei einem jungen Menschen trauert man um die Zukunft, die nicht mehr da ist, um die gemeinsamen Jahre, die hätten kommen können.

Was ist mit Schuldgefühlen?
Die können entstehen, wenn man zum Beispiel das Gefühl hat, für den Verstorbenen am Ende nicht mehr genug getan oder falsche Entscheidungen getroffen zu haben. Auch hier gilt: darüber reden. Es kann eine Hilfe sein, dem Verstorbenen noch einmal einen Brief zu schreiben und gewissermaßen um Entschuldigung zu bitten. Oder in einem wirklich erschwerten Trauerverlauf sich gegebenenfalls psychologische Hilfe zu holen.  

Menschen in der Trauer begleiten – ist eine dankbare Aufgabe? 
Unbedingt, ja. Menschen geben viel von sich preis, ich erlebe mit ihnen zusammen Grenzerfahrungen. Und manchmal staune ich, wie stark sie in der Trauerbewältigung sein können und was sie emotional schaffen. Dabei lerne ich auch immer viel über mich selbst.

Matthias Petersen