Kapuziner malt und schreibt Ikonen in Sögel
Vom ewigen Licht durchstrahlt
Fotos: Petra Diek-Münchow
In seinem Atelier im Sögeler Kapuzinerkloster arbeitet Pater Franz Beer an seinen Ikonen. Sie zeigen oft die Gottesmutter Maria, Christus und Heilige.
Viele seiner Ikonen hat Pater Franz Beer auf Schloss Clemenswerth in Sögel geschaffen. Dort lebt er mit weiteren Kapuzinern in einem kleinen Konvent, dort hat er im Pavillon Münster sein eigenes Atelier. Hier arbeitet er für sich allein, ganz in Ruhe und voll konzentriert – umgeben von fein säuberlich in Gläsern aufgereihten Pinseln, Farbdosen, Holztafeln und einer Regalwand voller Bücher. Die beschäftigen sich alle mit Ikonen. Wie die, die in der Werkstatt an den Wänden hängen. Eine Gottesmutter mit Jesuskind auf dem Arm zählt dazu und auch ein Bildnis von Maria im unverbrennbaren Dornbusch. Viele Symbole sind darauf zu sehen, und Pater Franz weiß, dass die meisten Betrachter vermutlich eine Erklärung dazu brauchen. Die liefert der 73-Jährige gern: „Die Tiere dort, wie der Löwe und der Adler, stehen für die Evangelisten.“ Und dann weist er noch auf weitere Details hin, wie die Jakobsleiter oder den Spross aus der Wurzel Jesajas.

Dass Pater Franz Beer viel zum Thema Ikonen erzählen kann, verwundert nicht. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit diesen Bildern der Ostkirche, für die Ikonen wie ein von ewigem Licht durchstrahltes Fenster zum Himmel sind. „Dazu hatte ich schon immer eine Affinität“, sagt er. Und so ist es kein Hobby für ihn, sondern gemalte Liturgie und Theologie. Gemalt oder geschrieben? Der Ordensmann schmunzelt, denn schon oft musste er die Frage nach dem richtigen Ausdruck beantworten. Weil Ikonen eben nicht nur eine hübsche Dekoration für das Wohnzimmer, sondern wie das Evangelium eine Art der Glaubensverkündigung sind und ihre Betrachter im Gebet unterstützen wollen. „Ich schreibe und male“, sagt Beer ganz pragmatisch.
"Das Technische und das Religiöse"
Die praktische Ader hat er aus seiner wechselvollen Biografie mitgebracht. Denn Beer, aufgewachsen in einem Dorf zwischen Karlsruhe und Stuttgart, war nicht immer Kapuziner. Sein Lebenslauf hat viele Stationen: zuerst eine Ausbildung zum Maschinenschlosser, Abitur, ein Seminar für Spätberufene als Vorbereitung auf die Theologie, ein Studium der Medizintechnik. „Es gab für mich irgendwie immer beides, das Technische und das Religiöse.“ Mit der Amtskirche und ihren Strukturen kann er sich schon in den achtziger Jahren nicht anfreunden und entscheidet sich deshalb, in den Kapuzinerorden einzutreten. Deren franziskanische Spiritualität und Haltung sagt ihm am meisten zu. Nach der Priesterweihe wird er an vielen Orten eingesetzt: in der Schwäbischen Alb, in der früheren DDR, in der Schweiz, in der Gefängnisseelsorge, in einem Meditationskloster, in der Missionsarbeit in Mexiko. Nach Sögel kommt er vor gut zehn Jahren, „das ist jetzt meine 17. Station“.
Ikonen schreibt Pater Franz Beer schon länger, er schätzt seit etwa 25 Jahren. „Ich habe angefangen mit einer ganz einfachen Marien-Ikone. Die male ich immer noch am liebsten.“ Malen und Zeichnen, das hat er schon früher gern gemacht. „Aber Ikonen zu malen, das ist noch mal was ganz anderes – das hat ja einen anderen Hintergrund und Stellenwert.“ Also belegt er mehrere Kurse, ackert sich durch viel Fachliteratur und befasst sich intensiv mit der orthodoxen Liturgie und Theologie. „Sonst geht das gar nicht“, sagt der Kapuziner. „Weil Ikonen nicht einfache Bilder, nicht einfache Fantasie des Malers sind, sondern wir wollen eine jenseitige, eine transzendente Welt darstellen und damit eine Verbindung zu Gott herstellen.“
Eine Wissenschaft für sich
Und es gibt feste Regeln für den künstlerischen Prozess und die Symbolik, beides ist eine Wissenschaft für sich. Stundenlang könnte er davon erzählen. Das gilt schon für die Materialien, wie Franz Beer in seinem Atelier zeigt. Das beginnt mit den Pinseln: Manche buschig, manche nur mit wenigen Haaren für ganz feine Linien. Setzt sich mit den Farben fort, die er nicht einfach so im Laden kaufen kann, sondern frisch aus Pigmentpulver und Eigelb anrührt. „Manchmal vier, fünf Mal, bis der Ton endlich stimmt.“ Oft hilft da im wahrsten Sinne des Wortes vor allem Fingerspitzengefühl. Auch auf den Untergrund und die Umgebung kommt es an – auf harz- und astfreies Lindenholz, auf Kreideschichten, dann auf Luftfeuchtigkeit, auf Temperatur. Beer gibt zu, dass ihn als Handwerker und Diplom-Ingenieur auch die technischen Finessen reizen. Da muss es zuweilen „zack zack“ gehen, da muss er manchmal geduldig warten. Und da ärgert er sich auch zuweilen, wenn das Ergebnis nach 400 Arbeitsstunden nicht immer seinen Hoffnungen entspricht. „Ich habe schon Schichten wieder abgekratzt.“
"Zeitlos und ewig"
Ein eigenes Kapitel sind zudem Symbole, Proportionen, Dimensionen, Farben und die Perspektive. Auch dafür gibt es bei den Ikonen feste Vorgaben. Für Maria wird zum Beispiel immer Blau oder Rot verwendet. Gold, aufgelegt in hauchdünne, mattschimmernde Blättchen, gilt nicht als Farbe, sondern steht in den Ikonen für das göttliche Licht. „Gold geht nicht kaputt, es ist zeitlos und bleibt ewig.“ Und die Perspektive wirkt auf die Betrachter auf den ersten Blick oft befremdlich. Was groß und bedeutend ist, soll auch auf dem Bild genauso erscheinen. Die Linien fliehen nicht hin zu einem Punkt am Horizont, sondern genau umgekehrt in unsere Richtung. „Die Botschaft kommt auf uns zu“, sagt der Kapuziner.
Das gilt auch für eine Ikone, an der Pater Franz gerade noch arbeitet. Es geht um die Verklärung Christi. „Ich muss die Gesichter noch machen und die Hände“, sagt er und streicht sachte mit dem Finger darüber. Grundieren, Gold auflegen, feine Einzelheiten – „das braucht noch einige Stunden“. Würde er das Bild verkaufen, wenn es fertig ist? Er schüttelt mit dem Kopf: „Da steckt zu viel Herzblut von mir drin."